Beruflicher Neuanfang

Neustart, Neuanfang, Reset – Ansichten eines Coaches

Vancouver, British Columbia, irgendwann im Jahre 1974. Ich stehe mit meinem alten Bekannten, dem Auswanderer Hans Kramer, im Coal Harbour. Schwerbeladene Züge rollen heran. „Die Japaner“, so erklärt mir Hans, „kaufen kanadische Kohle im großen Stile und versenken sie vor ihren Inseln als stille Reserve.“

Ein Neuanfang benötigt immer eine hohe Risikobereitschaft.

Ein Neuanfang benötigt immer eine hohe Risikobereitschaft.

Foto: panthermedia.net/Feverpitch

Sozusagen der japanische Kohlenpott unter dem Meeresspiegel. Dies sei ihre Antwort und auf die Ölkrise, die 1973/74 die reichen Industrienationen wachrüttelte. (Kleine Bemerkung am Rande). Heute lädt die Coal Harbour Waterfront von Vancouver mit ihrer City aus Glas anders ein, nämlich als eine der teuersten und luxuriösesten Gegenden der Stadt. Der normale Mensch kann sich glücklich schätzen, hier  öffentlich spazieren gehen zu dürfen, wie ich in einem Reiseführer nachlese. Damals gingen wir durch das wenig anmutende Gelände des Hafens und Hans driftete im Gespräch in die Vergangenheit ab.

Ohne Mühen geht es nicht

Auf dem Rundgang erfahre ich viel darüber, wie Hans 1959 nach Kanada auswanderte, um einen kompletten Neuanfang seines Lebens zu starten. In meinem Gedächtnis immer noch tief verwurzelt die Schilderung seiner Anreise nach Kanada, mit ein paar wenigen Dollars und einer riesigen Salami im Gepäck. Mit dem Schiff ging es von Genua nach Montreal. Der Rest der Strecke wurde  mit der Canadian Pacific Railway zurückgelegt – auf der wohl schönsten Eisenbahnstrecke der Welt, die vor dem Endpunkt in Vancouver spektakulär die Rocky Mountains passiert. Doch was für Touristen einzigartig ist, erschien dem Einwanderer aus Deutschland kein Zuckerschlecken. Mit knurrendem Magen saß er im Zugabteil. Von der einst so stolzen Salami war nur ein spärlicher Rest übrig, der sorgsam eingeteilt werden musste … und die Reise dauerte noch einige Tage. Zwar hatte Hans seine Dollars in der Tasche, doch bei dem Gedanken an die dünnen Englischkenntnisse und dem erschlagenden Eindruck der neuen Welt fehlte ihm gänzlich das Selbstvertrauen, um im Speisewagen Platz zu nehmen. Endlich war es geschafft, Vancouver erreicht. Der erste Gang führte direkt vom Bahnhof in das Hafenrekrutierungsbüro (eine Blechbude), wo Hans um seine erste Arbeitsstelle als Schlosser anklopfte, die er auch erhielt. Nur wenige Jahre später konnte er seinen Traum von der Farm in Kanada mit Familie und Tieren wahrmachen. Der Traum, den er mir voller Stolz zeigte. Der Neuanfang hat sich für ihn, sowie viele andere deutschen Auswanderer, gelohnt.

Ein Neuanfang ist nie zu spät

Neuanfang – Fluch oder Segen, Chance oder Risiko? Ich sehe es optimistisch: Menschen, die vor einem beruflichen Neuanfang stehen, sind eher auf der glücklichen Seite. Sie können Weichen neu stellen, Pläne schmieden, in Illusionen abtauchen, was ihnen plötzlich Flügel wachsen läßt. Mit Glück führt dieser Reset zu einer Befriedigung, die in früheren Arbeitsverhältnissen ausblieb. Ich erinnere mich  an einen Mann, der bei unserer Begegnung an die 70 Jahre zählte, Geschäftsführer und vom Vermögen sicherlich siebenstellig. Frustriert schied der Chemieingenieur seinerzeit bei seinem Arbeitgeber als Frührentner mit 60 Jahren aus. Danach blieben ihm nur seine Vierbeiner als Hobby – und das Reisen. Auf einer Reise holte ihn ein neuer ausländischer Freund mit einem Sack Hundefutter aus dem Tal der Depressionen. Er schlug dem Frührentner vor, das Futter einmal in Deutschland auszutesten. Der Test gelang, ein Unternehmen wurde gegründet, eine Erfolgsgeschichte war geboren. Und das war diesmal nicht damals, wo alles anders und leichter war, sondern fast in der Gegenwart.

Softskills für den Durchstarter

Beide Geschichten sind keine wirklichen Ausnahmen. Sie zeigen aus meiner Sicht in ermutigender Weise, was man aus seinem Leben machen kann, wenn beflügelnde Pläne, eine hohe Selbstmotivation, viel Flexibilität, Mobilität und natürlich auch Mut und Selbstbewusstsein geben sind. Und das sind Grundvoraussetzungen für einen Neubeginn. Haben also doch die vielen Karriereratgeber recht, die eine Berufswelt als Wunschkonzert nach dem Motto suggerieren: Alles ist möglich, man muss es nur wollen? Das mag wohl zu Zeiten gelten, wo der Arbeitsmarkt tatsächlich vieles ermöglicht und selbst ein hohes Maß an Elastizität gegenüber Innovationen und Experimenten zeigt. Zeiten, in denen viel Geld in alle gesellschaftlichen Bereiche gepumpt wird und egal, ob Meeresbiologe, Dramaturg, Kaufmann oder Ingenieur für alle genügend Arbeitsplätze vorhanden sind. Der Altkanzler Ludwig Erhardt würde es sicherlich gerne nochmal zeigen, wie es geht. Doch der winkt uns nur noch aus den Wolken zu … und die Zeiten haben sich verändert.

Desillusionierend und erstarrt

Der deutsche Arbeitsmarkt führt berufliche Träumer schnell auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigt sich konservativer und unflexibler denn je, was beispielsweise Anforderungsprofile, die Beurteilung von Lebensläufen etc. angeht. Die heute eingesetzten Bewerbermanagementsysteme decken jede (vermeintliche) Schwachstelle schnell auf und es erfolgt, ggf. in einem nachgeschalteten, meist automatisierten Prozess, die Absage. Klar, jeder macht seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen, möchte keine Fehler machen, seinen Arbeitgeber vor Schlimmeren bewahren und das gilt auch für Personalabteilungen. Da fällt schnell der Konstrukteur durchs Raster, der einmal etwas ganz anderes machen möchte, weil er nicht den programmierten Klischees entspricht und erst eingearbeitet werden müsste. Die Erkenntnis: Es geht nach dem Willen des Marktes nur auf Gebieten weiter, in denen bereits Erfahrungen gesammelt wurden. Einmal in der verkehrten Schiene gelandet, macht es jedem schwer, eine Kursänderung herbeizuführen. Dies zeigt den Stellenwert einer Karriereplanung im und spätestens zum Ende des Studiums. Wer sich beruflich bahnbrechend verändern will, sollte sich immer die Frage beantworten, ob die Arbeitgeberseite sich das gleichfalls vorstellen kann … und das hängt auch davon ab, was in der Bewerbung steht.

Wie der Arbeitsmarkt tickt

Wenig hilfreich sind Coachings, die den Schwerpunkt auf die Suche nach Neigungen und Fähigkeiten des Klienten legen. Was nützt es, wenn der Ingenieur mit 37 Jahren erfährt, dass er eigentlich für weniger technische Berufe viel besser geeignet wäre. Schön zu wissen, doch wie die Erkenntnis umsetzen? Den Ingenieurberuf schmeißen und dann … kommt in der nächsten Runde der Arbeitsmarkt. Mit anderen Worten: Ohne genaue Analyse der tatsächlichen beruflichen Erfahrungen und profunde Kenntnisse des Coaches, wie der Arbeitsmarkt tickt, wie Angebot und Nachfrage genau aussehen, wird ein Coaching kaum zum Erfolg sondern nur zur Geldausgabe. Wer freiwillig oder gezwungenermaßen wechseln will oder muss sollte sich daher von Beginn an ausreichende Gedanken über seine Qualifikationen, seinen Lebenslauf und die Anforderungsprofile im Markt machen. Sonst war es nur schön in Illusionen zu baden und am Ende muss der Spaß mit verlorener Zeit bezahlt werden. Die schmerzt besonders, wenn das Arbeitsverhältnis schon gekündigt oder die Arbeitslosigkeit eingetreten ist.

Rezepte der Erfolgreichen

Und die Erfolgreichen der Welt machen sie es nicht vor, wie der Neustart geht? Ja, sie verkaufen für viel Geld ihre Rezeptbücher einer glücklichen Karriere – und werden dabei noch (erfolg)reicher. Die Gegenleistung für den Leser dieser Literatur scheint  eher im Unterhaltungs- als im Nutzwert zu liegen. Gerne lässt man sich von den Gedanken einfangen und nimmt einen Zug aus der Opiumpfeife. Leider sieht der Alltag der arbeitenden Bevölkerung völlig anders aus und die doch sehr individuellen und meist durch glückliche Umstände, Zufälle, viel Vitamin B oder Geld zustande gekommenen Karrieren sind kaum nachzuahmen.

Risiko, Flexibilität und Mobilität

Ein Gedankengang noch am Ende des Beitrages. Ohne Bereitschaft, auch einmal ein Risiko im Leben einzugehen, dürfte es mit einem wirklichen Neuanfang nur mit reinem Glück und Zufall funktionieren. Nehmen Sie dann schon einmal Platz in der Wartehalle der unerfüllten Träume. Insbesondere die abhandenkommende Flexibilität und Mobilität steht vielen Menschen im Weg zur beruflichen Veränderung. Oder wie ein berühmter Schriftsteller einmal sarkastisch formulierte: Es gibt Menschen, bei denen fährt eher der Leichen- als der Möbelwagen vors Haus.

 

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