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Mut tut gut

Einem spontanen Impuls folgen: Morabeza – ein Strandrestaurant oder vielleicht eher eine Strandhütte auf Boa Vista, eine der Kapverdischen Inseln, ein bisschen Karibik-Feeling im Januar. Ein unglaublicher Sonnenuntergang, Tische und Stühle, die im feinen weißen Sand stehen, Kissen, Schaukeln und eine Dekoration, die an vergangene Hippie-Tage erinnert.

Mut hilft Innovation und Selbstbewusstsein!

Mut hilft Innovation und Selbstbewusstsein!

Foto: panthermedia.net/anyaberkut

Mein Freund und ich sitzen an diesem Abend inmitten vieler Menschen, die ebenfalls diese pure Romantik genießen und im Kerzenschein ihren Lobster und den Weißwein genießen. Eigens zu diesem Lobster-Abend hat der Inhaber der Strandbar einen DJ engagiert, der offensichtlich genau meinen Musikgeschmack hat. Von Grace Jones über Barclay James Harvest bis hin zur „Michelle“ der Beatles übertrifft ein Oldie den nächsten. „Wie gerne würde ich jetzt im Sand tanzen“, sage ich zu meinem Freund, den die Romantik ebenso fest im Griff hat wie mich. Er fackelt nicht lange, sagt „Komm!“, nimmt meine Hand und führt mich zu der freien Sandfläche mitten in der Bar. Wir tanzen barfuß im Sand und zu dem unglaublichen Glücksgefühl gesellt sich ein wenig Unbehagen, denn die vielen Menschen, die brav an ihren Tischen sitzen, starren uns an, als täten wir etwas ganz und gar Verbotenes. Der DJ dagegen strahlt uns an und übertrifft sich selbst in der Auswahl der nächsten Songs. Langsam vergesse ich die Menschen um uns herum, spüre den Sand unter den Füßen, sehe das Meer im Abendlicht glitzern, schließe die Augen und gebe mich den Rhythmen hin. Ich habe das Gefühl, noch nie zuvor so glücklich gewesen zu sein. Wir tanzen schon beinah eine Viertelstunde allein im Sand, als sich plötzlich ein älteres Ehepaar erhebt, uns anstrahlt und dann ebenfalls zu tanzen beginnt. Es dauert nicht lange und immer mehr Menschen ziehen ihre Schuhe aus und gesellen sich zu uns auf die gedachte Tanzfläche im weichen Sand. Mit einem Mal sind wir alle verbunden über die Musik und die Magie der besonderen Atmosphäre dieser einfachen Strandbar. Ich schaue in viele glückliche, lachende Gesichter. Als wir nach gut einer Stunde an den Tisch zurückkehren, um einen Schluck zu trinken, serviert der Inhaber uns beiden ein großes und sehr leckeres Eis: „Ein kleines Dankeschön des Hauses“, sagt er nur und zwinkert uns zu.

Mut wird dreifach belohnt

Dies soll ein Beitrag rund um die Karriere eines Ingenieurs oder einer Ingenieurin sein – warum erzähle ich Ihnen also diese Geschichte? Nun, ich gebe zu, diesem spontanen Impuls zu folgen, tanzen zu wollen, hat etwas Mut erfordert. Den Mut, in diesem Moment genau das zu tun, wozu ich unbändige Lust hatte und mich darüber hinwegzusetzen, dass es selbst in Morabeza nicht üblich war, im Sand zu tanzen, den Mut, etwas zu tun, das die anderen womöglich befremdlich finden würden. Dieser Mut wurde dann aber gleich dreifach belohnt, einmal durch die Glücksgefühle beim Tanzen, dann durch die „Belohnung“ des Besitzers und zuletzt durch die Erinnerung an diesen Abend, die mir an grauen Wintertagen zuhause noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Gleichzeitig frage ich mich, wie oft ich in der Vergangenheit aus fehlendem Mut Gelegenheiten habe verstreichen lassen, die sich mir geboten haben. Aber sind es nicht immer die Ersten, die Pioniere, die den größten Spaß haben und das Meiste erreichen?

Was kann denn schlimmstenfalls passieren?

In der medialen Welt gibt es die „Followers“: Menschen, die einer Idee, einem Bild, einem Beitrag folgen. Ein Mensch hat den Mut, etwas einzustellen und viele andere folgen. Ich habe mich immer gefragt, was das Glück des „Folgens“ ist und vermute, dass es für viele ein schönes Gefühl ist, zu einer Gemeinschaft zu gehören, sich einer Meinung anzuschließen, ohne sich durch das einsame Kundtun einer Meinung ins soziale Abseits zu begeben oder sich wenigstens dieser Gefahr aussetzen zu müssen. Nun sind wir in unserer Gesellschaft Follower einer Regierung, in Unternehmen Follower eines Inhabers oder Geschäftsführers, im Sport Follower eines Trainers oder Vorturners und ja, wir genießen das gute Gefühl, nicht immer und überall Verantwortung übernehmen zu müssen. Mutig zu sein, bedeutet Verantwortung zu übernehmen, wenn auch oft nicht für andere, so doch wenigstens für sich selbst, letztendlich für das Glück oder Unglück im eigenen Leben. So viele Dinge, die wir eigentlich gerne tun würden oder tun wollten, werden nicht getan, weil uns der Mut fehlt, weil der innere Kritiker bei jedem Impuls unserer Intuition sofort zur Stelle ist und uns unser Vorhaben aus vielen rationalen Gründen ausredet. In meinem Fall in einer kleinen Bar auf den Kapverdischen Inseln hätte er sich eigentlich still verhalten können, er hatte ja Urlaub, aber selbst dort hat er sich eingemischt mit Sätzen wie „So was macht man doch nicht, dies ist ein Restaurant, wo gegessen wird, da kann man doch nicht die Schuhe ausziehen“ oder dem noch entscheidenderen Satz „Was sollen denn die Leute denken? Meinen die nicht, du wolltest hier eine Show abziehen?“. Er hat nicht gefragt: „Was kann denn schlimmstenfalls passieren?“ Schlimmstenfalls: Der schlimmste aller Fälle, was wäre das gewesen? Dass der Restaurantbesitzer gesagt hätte, in seiner Bar dürfe nicht getanzt werden? Eher unwahrscheinlich. Dass ich mit ein paar seltsamen Verrenkungen auf einem nachgebenden Untergrund eine komische Figur abgegeben hätte? Und wenn? Ich hätte die Menschen, die dort waren, nie wiedergesehen und was immer sie hinter meinem Rücken über mich gesagt hätten, hätte mir vollkommen egal sein können. Oft ist das vermeintlich Schlimmste, das passieren kann, nämlich gar nicht so schlimm, wenn man erst einmal genauer hinguckt und meist tritt es nicht einmal ein. Es sind also nichts als irrationale Befürchtungen, die uns davon abhalten mutig zu sein.

Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Eindrücke

Vor einigen Tagen hatte es hier über Nacht gut 30, in den Wupper Bergen vielleicht sogar 40 Zentimeter geschneit und ich freute mich an diesem Tag besonders auf den Spaziergang mit dem Hund. An unserem üblichen Ausgangspunkt angekommen, musste ich eine Entscheidung treffen: Rechts herum den flacheren Weg gehen, auf dem schon viele Menschen vor mir an diesem Tag ihre Runde gedreht hatten, so dass der Schnee schon plattgetreten war oder links herum, den bergigeren Weg, auf den an diesem Tag offensichtlich noch niemand einen Fuß gesetzt hatte. Ich entschied mich für Letzteres und obwohl es eine anstrengende Runde durch den tiefen Schnee war, genoss ich sehr das Gefühl, die Erste zu sein, eine vollkommen neue Spur zu legen. Eine Spur, die vielleicht später anderen Wanderern den Gang leichter machen würde. Aber in diesem Moment war alles jungfräulich, ich war die Pionierin und mir fiel der alte Spruch ein: Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Eindrücke. Ich war müde nach der Runde – müde, aber glücklich, denn ich hatte die Welt einen Moment für mich allein gehabt. So ähnlich war es beim Tanzen am Strand auch gewesen.

Selbstbewusstsein macht mutig, aber umgekehrt auch

Den Mut zu haben, eigene Wege zu gehen, die eigenen Ideen umzusetzen, unpopuläre oder ungewöhnliche Meinungen zu vertreten, macht zufrieden, denn das Selbstvertrauen – und damit verbunden das Selbstbewusstsein – bekommen einen ordentlichen Schub. Auf den im 4. Jahrhundert vor Chr. lebenden griechischen Philosophen Demokrit geht der Satz zurück: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“. Vielleicht gehört den Mutigen die Welt nur für einen kleinen Moment, aber sie gestalten sie mit. Fragen Sie sich doch jeden Tag einmal: Wo war ich als Ingenieur heute mutig oder wo habe ich einfach als Mensch eine mutige Entscheidung getroffen? Und wenn es auch nur ein kleiner Mut war, der aber dazu geführt hat, dass Sie über den eigenen Schatten gesprungen sind, so ist es doch ein großer Schritt gewesen in Richtung Selbstverantwortung und Freiheit. Mut tut uns einfach gut. Heute schon getanzt?

 

Von Renate Eickenberg, Autorin und Coach

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