Karrierestrategie 09.11.2016, 01:00 Uhr

Mittelstand: Arbeiten in der Provinz

Ein gutes Jobangebot im Mittelstand ist für Ingenieure häufig mit einem Wechsel in die Provinz verbunden. Doch ist es wirklich so schlimm, nicht in einer Großstadt zu leben, wenn der Beruf Spaß macht und Perspektiven bietet? Statt Shanghai Oberfranken: So kann es gehen im Leben. Weil es mit dem Visum so lang dauerte, ging ein junger Elektrotechnikingenieur doch nicht wie geplant nach China, sondern in die fränkische Provinz. Dabei  wusste er gar nicht so genau, wo sein neuer Arbeitsplatz liegt und musste schon schlucken, als er das erste Mal „da runter fuhr“, erinnert sich der Absolvent der TU Hamburg-Harburg.

Klein aber fein, der Mittelstand.

Klein aber fein, der Mittelstand.

Foto: iStock / Thinkstock

Obwohl es zum Berufseinstieg eigentlich ein großer Konzern als erster Arbeitgeber sein sollte, erschien der vorgesehene Aufgabenbereich sehr interessant und die Entscheidung für ein international operierendes Unternehmen der Zulieferindustrie zu arbeiten wurde nie bereut. Im Gegenteil: Die Überlegung, dass in einem mittelständischen Unternehmen schneller und weitreichender Verantwortung zu übernehmen sei, bestätigte sich.

Noch in der Probezeit hielt der 29-Jährige einen Vortrag in Australien und war seitdem eigentlich ständig auf Achse, wird weltweit eingesetzt und ist teilweise sehr lang unterwegs. Und in der Zeit zwischen den Dienstreisen sei das Leben auf dem Land eben anders, aber nicht unbedingt schlechter als in der Großstadt. Jeder kennt jeden auf dem Land. Beim Bäcker ist man kein anonymer Kunde wie in Hamburg, der Spaziergang mit den Kollegen in der Mittagspause ist immer der gleiche und abends mal auszugehen, ist meist zeitaufwändiger.

Lebenshaltungskosten

Durch die deutlich geringeren Lebenshaltungskosten – beispielsweise sind große, gut ausgestattete Wohnungen bezahlbar – lässt sich auf dem Land viel Geld sparen. Wenn man den alten Freundeskreis pflegen möchte, ist allerdings häufiges Pendeln mit Auto und Flugzeug angesagt. Und der Besuch einer Geburtstagsfeier bedeutet in so einer Situation immer gleich ein ganzes langes Wochenende unterwegs zu sein.

Mittelstand statt Konzern

Ein Großteil der Innovationskraft in Deutschland geht tatsächlich vom Mittelstand aus. Ob Bio-, Nano- und Mikro-Technologie oder Optische Technologien: In diesen Bereichen bietet gerade der Mittelstand spannende Jobs mit Karrierechancen. Und auch in der Automobilindustrie sind es nicht allein die großen Hersteller, sondern vielfach die mitunter recht großen, doch der breiten Öffentlichkeit kaum bekannten Zulieferer, die attraktive Aufgaben für den Ingenieurnachwuchs zu vergeben haben.

Hidden Champions

Das Beispiel der Hidden-Champions, den in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Marktführern in speziellen Marktsegmenten, wird oft bemüht, um auf attraktive Unternehmen außerhalb der Metropolen hinzuweisen. Das ist zu einem Klischee geworden – und dennoch nicht falsch. Die sogenannten Hidden-Champions bieten natürlich am ehesten die Gewähr dafür, dass die Karriere in der Provinz Sinn macht, weil die Themen und die internationale Ausrichtung solcher Unternehmen, aber auch die Aufstiegschancen wirklich gut sind. Häufig haben Hidden Champions bestimmte Produkte erstmalig oder mit einer wegweisenden Innovation in die Märkte gebracht. Oder sie ziehen gerade aus extrem lang bestehendem speziellem Know-how ihre Stärke, sodass Tradition und Kontinuität zu einem Wettbewerbsvorteil wurden.

Doch für interessierte Bewerber gilt es, eine Grundsatzentscheidung zu treffen. Die Überlegung, ob man auch in das neue Unternehmen, die dortige Kultur hineinpasst, ob der soziale Umgang, der Führungsstil zusagt, ist dann ganz besonders wichtig.

Familie

Leben ist mehr als Arbeit. Wenn junge Ingenieure zu Beginn ihrer Karriere für einige Jahre in der Provinz arbeiten, ist das etwas anderes als die Entscheidung einer Großstadtfamilie, eine andere Art des Lebens zu wählen. Für einen bisher in Berlin aufgewachsenen Teenager ist der Wechsel in die Provinz womöglich eine Katastrophe. Der jeweilige Lebenspartner muss ebenfalls eine adäquate Arbeit finden oder zumindest die Chance auf ein sinnvolles Leben haben. In einer Großstadt geht man in der Regel anders mit Nachbarn und Kollegen um als in der Enge einer Kleinstadt, wo jeder auch unfreiwillig Nähe zulassen muss. Es geht gar nicht darum, diese idealtypischen Lebensstile zu bewerten, aber die Frage, die sich jeder Wechselwillige stellen muss, ist: Will ich so leben? Und wollen mein Mann bzw. meine Frau, meine Kinder auch so leben? Was ist, wenn nach dem Wechsel im Job alles bestens läuft, das geräumige Häuschen im Grünen zum Entspannen einlädt, aber Partner und Kinder verzweifeln, weil sie beispielsweise von subkulturellen Milieus abgekoppelt werden, in denen sie sich so wohlfühlten. Wenn es keine Clubs, keine Konzerte, keine Programmkinos, keine Ausstellungen mehr gibt. Und die digitalen Medien ermöglichen zwar neue Formen der Kommunikation, doch auch Gespräche via Skype können den engen, auch körperlichen – und vor allem manchmal spontanen oder zufälligen – Kontakt nicht ersetzen.

Die Entdeckung der Work-Life-Balance

Für Unternehmen in der Provinz, die eigentlich in jeder Hinsicht attraktive Arbeitsplätze anbieten können, aber beim Recruiting unter ihrem Standort leiden, sind Angebote und Aktivitäten, die unter dem Begriff Work-Life-Balance laufen, besonders wichtig. Auch Mittelständler bieten inzwischen organisatorische Hilfe bei der Kinderbetreuung an, manchmal sogar in Eigenregie. Gesundheitsvorsorge und sonstige Unterstützung in der Lebensplanung, beispielsweise mit Angeboten zur betrieblichen Altersvorsorge, werden ebenfalls verstärkt von KMU angeboten. Doch es ist auch bekannt, dass inhabergeführte Unternehmen sich mitunter schwerer tun, alte Zöpfe abzuschneiden. Ausnahmslose Präsenspflicht im Unternehmen und eine insgesamt traditionellere Personalführung sind immer noch weit verbreitet.

Doch die Work-Life-Balance-Debatte sollte Unternehmen nicht dazu verleiten, irgendwelche Gimmicks anzubieten, stattdessen sind Ehrlichkeit und Kreativität gefragt. Es geht nicht um Freikarten für ein Musical in der nächstgrößten Stadt oder aufgezwungene Belegschaftsaktivitäten. Aber Flexibilität, individuelle Lösungen, ein selbstverständliches Klima der Offenheit gegenüber Lesben und Schwulen, bewusster Umgang mit der Geschlechterfrage, Abwehr von Rassismus und Rechtsradikalität in der Belegschaft können helfen, die Mitarbeiter zu finden, die ein Unternehmen wirklich braucht, um zu prosperieren. Ein Unternehmen kann in der Provinz seinen Firmensitz haben, muss aber deshalb nicht provinziell agieren. Es gilt, das Beste aus den Begebenheiten zu machen.

Wer mit dem Gedanken spielt, wegen der beruflichen Perspektiven in die Provinz zu gehen, darf die damit verbundenen Änderungen im Lebensstil nicht unterschätzen. Doch auch unter den Großstadtmenschen gibt es mit Sicherheit einige, die überhaupt keine Probleme mit dem Leben in der Kleinstadt haben. Evtl. ist ja auch durch noch erträgliches Pendeln zur Arbeit ein Kompromiss möglich. Wer irgendwo im Südschwarzwald arbeitet, kann auch in Freiburg wohnen oder dorthin in die Freizeit pendeln, das Elsass ist nah, Basel und der Rest der Schweiz ebenso: eine durchaus attraktive Konstellation. Viele internationale Fußballer des FC Schalke 04 oder von Bayer Leverkusen leben beispielsweise in Düsseldorf, den Spielern des VFL Wolfsburg bleibt immerhin Hannover und Braunschweig.

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