15.12.2006, 01:00 Uhr

Lange Kündigungsfrist: Was tun?

Lange Kündigungsfristen können sich durchaus negativ auf die Karriere auswirken, es sei denn man geht richtig mit ihnen um.

Lange Kündigungsfristen können sich durchaus negativ auf die Karriere auswirken, es sei denn man geht richtig mit ihnen um.

Foto: panthermedia.net/IgorTishenko

Wir drehen einmal die Zeit 10 Jahre zurück. Ein Ingenieur der Produktionstechnik, dem vor einigen Wochen „aus heiterem Himmel“ gekündigt wurde, atmet tief durch. Endlich ist der Arbeitsvertrag beim neuen Arbeitgeber unter Dach und Fach. Es kommt zu keiner zeitlichen Lücke im Lebenslauf, die Zeit der Arbeitslosigkeit bleibt ihm und seiner Familie erspart. Das beste daran ist, dass die neue Stelle sogar mit einem klaren Karrieresprung und einem wesentlich höheren Gehalt versehen ist. Die vereinbarte lange Kündigungsfrist von einem Jahr empfindet der Ingenieur zu diesem Zeitpunkt wegen seiner jüngsten Erfahrungen in erster Linie als Schutz vor „Willkürentscheidungen“ der Geschäftsführung.

Der Ingenieur legt im neuen Unternehmen eine ordentliche berufliche Entwicklung hin. Er kommt zu „höheren Weihen“ und einem gestärkten beruflichen Selbstbewusstsein. Als er sich die Frage stellt, ob das in Sachen Karriere bereits alles gewesen sein soll, kommt er ganz klar zu dem Ergebnis: „Nein!“ Also macht er sich auf die Suche nach Jobalternativen. Hierbei stellt er schnell fest, dass die lange Kündigungsfrist ein ordentlicher Klotz am Bein ist, der ihn bei Bewerbungen schnell aus dem Rennen wirft. Zum Vorstellungsgespräch wird er nie eingeladen. Der Ingenieur ist verunsichert. Hängen die Absagen mit seiner langen Kündigungsfrist zusammen oder mit seinen Qualifikationen? Sehen andere Arbeitgeber seine Verweilzeit von mehr als zehn Jahren beim jetzigen Arbeitgeber als K.o.-Kriterium an? Warum klappt es mit den Bewerbungen nicht? Richtigerweise beginnt er zu experimentieren. Seine nächsten Bewerbungen lassen nicht mehr auf die überaus lange Kündigungsfrist schließen. So kommt es tatsächlich zu den lang erhofften Vorstellungsgesprächen, auch bei renommierten Arbeitgebern. Irgendwann muss der Ingenieur im Bewerbungsprozess dennoch Farbe bekennen und sich zu seiner Verfügbarkeit äußern. Erwähnt er die lange Kündigungsfrist, sinkt das Interesse von Unternehmen und Personalberatern schlagartig. Jetzt liegen die Fakten für den Produktionsmanager klar auf der Hand. Seine Qualifikationen liegen am Arbeitsmarkt durchaus hoch im Kurs. Aussichtslos sind seine Bewerbungsbemühungen also nicht. Doch wie mit der langen Kündigungsfrist verfahren?

Der Ingenieur fragt sich, ob der Arbeitgeber ihn wohl bei Kündigung bereits früher ziehen lässt. Da es im Unternehmen keine Vergleichsfälle gibt, ist er sich nicht ganz sicher. Er geht aber davon aus, dass sein Arbeitgeber kein Interesse hat, ihn 12 Monate im Unternehmen festzuhalten und zu bezahlen. Ganz sicher ist er sich jedoch nicht. Er bewirbt sich weiter. Die nächste berufliche Alternative liegt auf dem Tisch, der neue Arbeitgeber möchte ganz klar kein Jahr auf einen neuen Produktionsleiter warten. Der Ingenieur spricht mit seinem Arbeitgeber und der besteht überraschenderweise darauf, dass die Kündigungsfrist eingehalten wird. Pech gehabt, aus der erarbeiteten Alternative wird nichts. Dennoch kündigt der Ingenieur jetzt beim aktuellen Arbeitgeber das laufende Arbeitsverhältnis – auch ohne berufliche Alternative.

Fazit: Der Ingenieur verfährt mit seiner langen Kündigungsfrist genau richtig. Zunächst versucht er, seinen Wert am Arbeitsmarkt durch reale Bewerbungen auszuloten. Das schafft er nur, weil er Informationen zu seiner Kündigungsfrist im Bewerbungsprozess zunächst offen lässt oder „schwammig“ umschreibt. Zudem ist der Ingenieur nach über 10 Jahren Verweilzeit bei seinem Arbeitgeber in Sachen Bewerbung etwas aus der Übung gekommen. Seine „Arbeitsmarktexperimente“ bringen ihn diesbezüglich wieder auf den neuesten Stand. Aus der Resonanz auf seine Bewerbungen schließt der Ingenieur auf die Wahrscheinlichkeit, sich innerhalb von 12 Monaten eine berufliche Alternative erarbeiten zu können. Da alles dafür spricht, dass er dieses Vorhaben realisieren kann, geht er auf seinen Arbeitgeber zu und kündigt, ohne dass er über eine konkrete berufliche Alternative zu diesem Zeitpunkt verfügt. Etwa 9 Monate vor Ablauf der Kündigungsfrist wird der Kandidat aktiv und bewirbt sich intensiv. Er möchte auf jeden Fall auf Nummer sicher gehen. Es ist ihm klar, dass es dem einen oder anderen Personalentscheider oder -berater missfallen könnte, dass er bereits gekündigt hat, andererseits kann er seinen Stellenwert als Produktionsleiter gut einschätzen. Angst davor, dass er keine Anschlussbeschäftigung bekommt, hat er daher nicht.

 

Ein Beitrag von:

  • Bernd Andersch

    Bernd Andersch ist Karriere-Coach, Sachbuchautor und Spezialist für Bewerbungsstrategien.

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