Arbeitgeberauswahl

Kleinunternehmen zu (Un)Recht nur die 2. Wahl?

Stolze Mitarbeiter großer Unternehmen

Die imagestarken und bekannten Großunternehmen stehen bei Ingenieurbewerbungen ganz hoch im Kurs. Sie werden als Güteklasse A klassifiziert und alleine der Name verleiht auch dem Mitarbeiter Glanz und Gloria.

Je kleiner das Unternehmen ist, desto übergreifender müssen Mitarbeiter denken und arbeiten.

Je kleiner das Unternehmen ist, desto übergreifender müssen Mitarbeiter denken und arbeiten.

Foto: panthermedia.net/julief514

Sehr gut erinnere ich mich an das deutsche Vorzeigeunternehmen der 70er und 80er Jahre, der Nixdorf Computer AG in Paderborn. Eine ganze Region sonnte sich im Erfolg des Unternehmens. Wer in diesem Unternehmen arbeitete, der stand auf der Siegerstraße. Wenn die Hausfrau zum Metzger ging und beiläufig erwähnte, dass ihr Mann bei Nixdorf arbeitet, war klar: Das teuerste Steak ist gerade gut genug! Erhebend für jeden Mitarbeiter: Der charismatische Firmengründer Heinz Nixdorf! Er hatte ein Technologie-Imperium aus dem Nichts geschaffen, wurde regelmäßig vom damaligen Bundeskanzler Kohl besucht, sorgte mit ständig neuen Erfolgen und Rekorden seines Unternehmens für Schlagzeilen und war als rhetorisches Naturtalent ständiger Vertreter in den TV-Nachrichtensendungen. Kleine Tragik am Rande und dennoch passend: Sein letztes Interview, das live von der Industriemesse in Hannover ausgestrahlt wurde, musste durch seinen Tod unterbrochen werden. Alles, was in dem Unternehmen passierte war eben spektakulär. Wollen wir ehrlich sein, wer wäre nicht stolz, für einem solchen Arbeitgeber tätig zu sein?

Tribut, über den keiner spricht

Viele fühlten sich damals berufen bei der Nixdorf Computer AG zu arbeiten – doch nur Wenige, und zwar die Besten, waren geeignet. Nur sie konnten den gnadenlosen Arbeitstakt mitgehen oder sagen wir im aktuellen Sprachgebrauch: Nur sie waren der Unternehmensdynamik gewachsen. Wer nicht mithalten konnte, für den standen schon zahllose qualifizierte Bewerber aus IT und Technik bereit, um den Arbeitsplatz einzunehmen. Das war die Schattenseite, die bei Mitarbeitern und Führungskräften gleichsam großen physischen und psychischen Tribut forderte – worüber aber nie gesprochen, geschweige denn geschrieben oder berichtet wurde. Aber das wollen Bewerber nicht hören und nicht wahrhaben. So bleiben kleinere, unbekanntere Unternehmen oder gar größere Handwerksbetriebe schnell als „Klitsche“ im Bewerbungsprozess links liegen und kommen erst dann zum Zuge, wenn es anderweitig nicht geht.

Vorurteile gegenüber kleineren Arbeitgebern

Dieses Verhalten muss nicht unbedingt für jeden Ingenieur empfehlenswert und sinnvoll sein. Warum stecken Ingenieure übereilt kleinere Unternehmen in die verkehrte Schublade? Da existiert eine Reihe von Vorurteilen: Großunternehmen bieten bessere Entwicklungsmöglichkeiten, die bessere Bezahlung, den sichereren Arbeitsplatz, die interessanteren Aufgaben, die qualifiziertere Einarbeitung. Schließlich werden kleinere Unternehmen gemieden, weil es angeblich kaum möglich ist, aus diesen wieder in ein größeres Unternehmen zu wechseln. Anderseits herrscht der Glaube, dass kleinere Unternehmen mit Kusshand auf Ingenieure aus Großunternehmen warten.

Jobs kleinerer Unternehmen: Vielseitig, technologisch, verantwortungsvoll

Bei nüchterner Betrachtung treffen alle Vorurteile nicht zu, zumindest nicht in der Absolutheit wie sie in vielen Köpfen verdrahtet scheinen. Die beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten sind in weniger großen Unternehmen häufig besser. Insbesondere besteht in Großunternehmen die Gefahr, dass Arbeitnehmer sehr spezialisiert eingesetzt werden und sehr einseitige Erfahrungen aufbauen. Der Gesamtblick der Dinge geht dabei verloren. Führungskräfte sammeln zudem eher Erfahrungen im „politischen“ denn im fachlichen Bereich. Je kleiner das Unternehmen, desto übergreifender müssen Mitarbeiter denken und arbeiten. Sie gewinnen so einen wesentlich besseren Einblick in das gesamte Unternehmensgeschehen. Dümmer wird man beim ganzheitlichen Arbeiten auf keinen Fall. Die Aufgaben sind eher interessanter, abwechslungsreicher, verantwortungsvoller und drehen sich mehr um die technische Sache als solche.

Typische Klischees: Schlechte Bezahlung – unsicherer Arbeitsplatz

Aus reinem Idealismus unterschreibt kein Ingenieur einen den Arbeitsvertrag. Kleinere Arbeitgeber müssen daher gehaltlich mit den größeren mithalten, ja sogar manchmal eine Schippe oben drauf legen, um attraktiver zu sein. Und was die Arbeitsbedingungen angeht, so werden gerade in großen Unternehmen die Ellenbogenschoner nicht zu Hause gelassen. Die Konkurrenz für jeden Mitarbeiter ist dort ohnehin größer. Am vermeintlich sicheren Arbeitsplatz wird öfters gesägt. Wo gerade der Aspekt der Arbeitsplatzsicherheit erwähnt wurde, hat gerade der unbändige Gewinnhunger der Großunternehmen bewiesen, wie unsicher man auf den vermeintlich sicheren Arbeitsplätzen der Konzerne sitzt und teilweise in Bausch und Bogen das wichtigste Kapital der Unternehmens in Notzeiten verschleudert wird.

Das Märchen der Abwärtskompatibilität

Auch das Märchen der Abwärtskompatibilität sollte vergessen werden. Welches kleinere Unternehmen wartet schon auf den technischen Manager, der gerade seinen bequemen Platz „auf dem Plüschsofa“ eines Großkonzerns gegen eine hohe Abfindung eingetauscht hat und sich jetzt (nach gelaufener Karriere) den vorher vernachlässigten kleineren Unternehmen zuwenden möchte? Gleiches gilt für hochspezialisierte Ingenieure, die plötzlich mangels weiterführender beruflicher Möglichkeiten (im Zuge der Stagnation und Langeweile) kleinere, technologiebegeisterte Unternehmen für sich entdecken. Gewartet haben die Kleineren auf diese Macher und Experten nicht. Und klar ist auch eines, in Anbetracht der Situation knapper Fachspezialisten unter den Ingenieuren kann es sich kaum ein Großunternehmen prinzipiell auf Bewerber aus kleineren Unternehmen zu verzichten. Dies gilt zumindest dann, wenn es sich bei den Kandidaten um hochkarätige Fachleute handelt.

Kandidaten, die zu kleineren Unternehmen passen

Letztlich sollte eine Bewerbung nicht von der Größe und dem Bekanntheitsgrad eines Unternehmens abhängig gemacht werden. Die nüchterne Bewertung aller Informationen zum Arbeitgeber und der offenen Position sollte den Ausschlag geben, kleinere Unternehmen nicht per se ausgeschlossen werden. Aber noch wichtiger: Bewerber sollten sich prüfen, ob sie überhaupt das fachliche Zeug für ein kleineres oder mittelständisches Unternehmen haben. Absolventen ohne vorherige handfeste Ausbildung und möglichst einschlägige Erfahrung im erlernten Beruf, dürften den Anforderungen kaum gewachsen sein. Kleinere Unternehmen sind weniger etwas für den theoretischen Ingenieur, der die Praxis erst erlernen möchte. Sie sind aber genau so wenig geeignet für statusverliebte Führungskräfte, die zwar das Handwerk der hohen Politik beherrschen, beim Griff in die Werkzeugkiste jedoch nasskalte Hände bekommen.

 

Von Bernd Andersch

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