Karriere trotz befristeter Arbeitsverhältnisse

Auch ein befristeter Arbeitsvertrag hat seine Vorteile: Beispielsweise kann erst der Arbeitgeber kennen gelernt werden, bevor die Übernahme gilt.

Auch ein befristeter Arbeitsvertrag hat seine Vorteile: Beispielsweise kann erst der Arbeitgeber kennen gelernt werden, bevor die Übernahme gilt.

Foto: panthermedia.net/albertyurolaits

Unternehmen bieten aus verschiedensten Gründen befristete Arbeitsverträge an. Im Regelfall möchte man sich aufgrund einer speziellen Auftragslage nicht auf Dauer einen neuen und teuren Mitarbeiter ans Bein binden. Möglicherweise soll ein Kandidat in der Praxis erst noch auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor er in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen wird. Einen zeitlich befristeten Charakter haben aber auch Arbeitseinsätze bei den Zeitarbeitsunternehmen oder, für Ingenieure etwas vornehmer ausgedrückt, Engineering-Dienstleistern.

Hinsichtlich befristeter Arbeitsverhältnisse hegen viele Ingenieure diverse Vorurteile. Meist werden befristete Arbeitsverhältnis generell schlechter eingestuft als unbefristete. Zudem, so heißt es, liegen die Vorteile einseitig bei den Arbeitgebern. Tatsächlich gibt es aber auch Nachteile bei Bewerbungen. Befristete Einsätze bei Ingenieurdienstleistern werden von Personalentscheidern in den Unternehmen mit Argwohn gesehen. Mag früher etwas an den Vorurteilen dran gewesen sein, heute treffen sie in dieser pauschalen Form nicht mehr zu. Aufgrund der anziehenden Konjunktur und der erheblichen Nachfrage nach Ingenieuren drehen diese gelegentlich den Spieß um und nutzen befristete Arbeitsverträge zu ihrem Vorteil.

Wer als Personaler in der Vergangenheit nach dem Haar in der Suppe suchte, konnte während eines Vorstellungsgesprächs ein im Lebenslauf dokumentiertes befristetes Arbeitsverhältnis als Argument nutzen, um den Kandidaten in die Enge zu treiben: „Sicherlich haben Sie seinerzeit keinen besseren Job als den befristeten gefunden.“ Und wenn sich mehrere zeitliche Befristungen aneinander reihten, oh je, oh je. Personaler, die heute in diesem Stil an Bewerbungen von Ingenieuren herangehen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie ihre Stellen nicht besetzen können. Fakt ist, Unternehmen müssen hier Kompromissbereitschaft zeigen und tun dies auch zunehmend. Die Zeit ist nahe, dass Befristungen dem Bewerber wieder vorteilhaft ausgelegt werden: „Der Kandidat hat in relativ kurzer Zeit viele Arbeitgeber gesehen, daher muss er viele Erfahrungen gesammelt haben, eine hohe Lernbereitschaft mitbringen, gegebenenfalls sehr mobil sein, unproblematisch im Umgang sein, sich schnell in neue Teams integrieren können. Zudem hat er möglicherweise durch den geschickten Schachzug der Befristung Lücken im Lebenslauf vermieden oder klein gehalten. Prima!“ Es wird eben immer das Lied eingestimmt, das gerade zum Arbeitsmarkt passt.

Aber auch Ingenieure erkennen in der Gunst der Stunde mögliche Vorteile befristeter Verträge. So kann man Arbeitgeber erst einmal richtig kennen lernen, um danach zu entscheiden, ob man einem Übernahmeangebot folgt oder nicht, ob man sich um eine Festanstellung bemühen soll oder es lieber bleiben lässt. Unmittelbar Erlebtes in der realen Welt eines potenziellen Arbeitgebers bildet doch eine ganz andere Entscheidungsgrundlage als die schönste Märchenstunde im Vorstellungsgespräch.

Es gibt aber noch andere positive Seiten für Kandidaten und Unternehmen. Sie leisten einen Beitrag zum fairen Umgang. So erscheint es einem Ingenieur durchaus sinnvoll, gezielt mit einem Arbeitgeber eine Befristung einzugehen. Er beabsichtigt im nächsten Jahr eine räumliche Veränderung aus privaten Gründen. Im Arbeitszeugnis wird er sich abschließend bestätigen lassen, dass auf seinen Wunsch das Arbeitsverhältnis nur zeitlich befristet geschlossen wurde. Beide Seiten wissen von Beginn an, woran sie sind und das Zeugnis lässt keinen Raum für Spekulationen. Das Spiel mit offenen Karten ist aus karrieretechnischer Sicht der beste Weg. Die Alternative wäre, ein unbefristetes Arbeitsverhältnis nach einem Jahr zu beenden. Lesart des Lebenslaufes für diese Station dann: „Der Kandidat hat das Unternehmen gelinkt, möglicherweise widerfährt uns mit ihm das gleiche, wenn wir ihn einstellen.“ Oder: „Der Kandidat hat es im Unternehmen nicht gepackt, und weil er im direkten Umfeld des Wohnortes offensichtlich nichts gefunden hat, musste er den Wohnort wechseln.“ Auch das schmeichelt wenig.

Die Frage ist natürlich, ob der spezielle Arbeitgeber eine Befristung mitmacht. Möglicherweise ist es für ihn aber besser, eine Befristung einzugehen und damit Zeit für die Suche nach einem passenden Ingenieur zu gewinnen, anstatt eine Stelle monatelang unbesetzt zu lassen. Die Arbeitsmarktlage verlangt eben heute von den Unternehmen hohe Flexibilität.

 

Von Bernd Andersch, Karrierecoach Düsseldorf

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