Beratung 06.09.2016, 00:00 Uhr

Hilfe, mein Chef macht alles falsch!

Karin bittet mich um Hilfe, da sie ein Riesenproblem mit ihrem Chef hat. „Man könnte meinen, dass ich keine Freunde habe, aber ich weiß nicht, mit wem ich darüber reden soll. Die Situation belastet mich sehr“, schreibt sie mir in einer E-Mail. Das klingt ernst und ich antworte Karin postwendend, dass es manchmal besser sei, sich Rat von einem Außenstehenden zu holen als von Menschen, die einem sehr nah stünden. Natürlich könne sie sofort einen Coaching-Termin haben.

So lange ein Unternehmen erfolgreich ist, kann der Chef machen, was er will.

So lange ein Unternehmen erfolgreich ist, kann der Chef machen, was er will.

Foto: iStock / Thinkstock

Der Chef ist gar kein typischer Ingenieur

Seit zehn Jahren ist Karin die rechte Hand eines Diplom-Ingenieurs, der vor zwölf Jahren das Unternehmen, in dem er lange beschäftigt war, übernommen hatte. Im Coaching schildert sie mir die Situation folgendermaßen: „Mein Chef ist irgendwie gar kein typischer Ingenieur. Ihm fehlt die Bodenständigkeit und jeden Tag hat er neue Ideen. Jetzt will er noch ein neues Unternehmen gründen, obwohl wir einmal im Jahr immer einen Liquiditätsengpass haben. Er hat sich gerade einen neuen Sportwagen gekauft und ist bald mehr auf dem Golfplatz als in der Firma. Wir sind ein kleines Unternehmen und ich arbeite im Einkauf, im Verkauf und in der Arbeitsvorbereitung. Gleichzeitig bin ich seine Sekretärin und oft auch Vertraute, wenn er Beziehungsprobleme hat. Wenn ich mit dem Betriebsleiter, der auch nicht zufrieden mit ihm ist, über ihn spreche, sind wir beide manchmal ganz schön wütend. So kann man doch eine Firma nicht führen! Ich komme mir oft vor wie das personifizierte schlechte Gewissen, weil ich immer diejenige bin, die ihn darin erinnert, die Zahlen im Auge zu behalten oder bei einem neuen Vorhaben Vorsicht walten zu lassen. Die Kunden rufen schon gar nicht mehr ihn an, sondern gleich mich.“ „Hat ihr Chef auch Stärken, etwas, das Sie an ihm schätzen?“, will ich von ihr wissen. Karin überlegt einen Moment, dann sagt sie: „Ja, er ist ein Sonnenscheinchen, immer gut gelaunt und immer freundlich und liebenswert den Kollegen gegenüber, auch dann, wenn mal jemand einen Fehler gemacht hat, der uns Geld gekostet hat.“

Love it, change it or leave it

Sie kennen das vielleicht auch: Jemand erzählt ihnen von einem Problem und sie fragen sich, was jetzt daran so schlimm sein mag. So ähnlich ging es mir in dieser Situation. Natürlich bin ich verpflichtet, jedes Problem ernst zu nehmen. Im Alltag scheinen manche Probleme riesengroß zu sein, die erst mit dem nötigen Abstand richtig eingeschätzt werden können. Das Erste, was ich in einem solchen Fall denke, ist: „Love it, change it or leave it“. Karin ist 49 Jahre alt und hat sicher noch viele Möglichkeiten, eine neue Position zu bekommen. Die Frage ist aber, ob sie dadurch glücklicher wäre, denn ich höre heraus, dass sie sich in ihrer jetzigen Rolle eigentlich wohl fühlt. Sie hat sich eine relativ große Entscheidungskompetenz erarbeitet in den vergangenen zehn Jahren. Ihr Chef weiß sehr wohl zu schätzen, dass sie verantwortungsbewusst handelt und er ihr voll und ganz vertrauen kann. Insofern nickt sie, als ich ihr sage, dass ein Wechsel zwar möglich wäre, aber sie wahrscheinlich nicht mehr diese hohe Verantwortung, aber auch die damit verbundenen Freiheiten, auf Anhieb haben würde. Das „Leave it“ hat sich damit erledigt. 

Veränderung? Ja, aber wie?

Karin erhofft sich von mir einen Rat, wie sie sich besser von ihrem Chef abgrenzen kann. Beispielsweise möchte sie ihm gerne sagen, dass sie den Sportwagen für nicht angemessen hält, wenn sich viele Mitarbeiter eher im Niedriglohnsegment tummeln. Insgesamt kann ihr Chef aber nicht alles falsch gemacht haben, wenn das Unternehmen inzwischen seit zwölf Jahren weitgehend erfolgreich besteht. Es ist anmaßend von uns, wenn wir einem anderen Menschen unsere Denkweise oder unsere Wertvorstellungen aufdrücken wollen. Der Chef hat sich für eine bestimmte Art des Denkens und Handelns entschieden, sich sein Leben inszeniert und daran wird er ganz bestimmt nichts ändern, weil einer seiner Mitarbeiter sich das wünscht – auch dann nicht, wenn sich zwei oder mehr Mitarbeiter das wünschen. Karin hat im Betriebsleiter einen Sinnesgenossen gefunden, der ihre Meinung teilt, aber indem die beiden negativ über den Chef reden, sich gegenseitig hochschaukeln, schaden sie sich selbst und wenn wir über Loyalität reden, sind die beiden davon ganz weit entfernt. „Aber dann sehe ich keine Möglichkeit, etwas zu verändern“, sagt Karin resigniert, „denn ich mache ja alles richtig. In unseren jährlichen Gesprächen sagt er, dass er absolut zufrieden mit mir ist und sogar meine oftmals pessimistische Sichtweise schätzt“.

Ein Stellenwechsel ist nicht immer die Lösung

„Ich mache ja alles richtig“ ist ein entscheidender Satz. Karin ist mit sich und der Art, wie sie arbeitet, zufrieden. Sie genießt höchstes Ansehen bei den Kunden und Lieferanten und die Mitarbeiter wenden sich bei Problemen an sie. Sie arbeitet viel, wird gut bezahlt und kann frei entscheiden, wann sie mal später kommt oder früher geht. „Sie mögen es also, wie sie diese Position ausfüllen?“, frage ich sie und sie nickt irritiert. „Natürlich!“ So natürlich ist das aber nicht, denn der Chef gibt ihr die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit einzubringen. Wenn er ein anderer wäre, ein Kontrollfreak, jemand der sich um alles selbst kümmern würde, dann wäre Karin eine Sekretärin, die ihm nur zuarbeitet. Sie hätte aber keine Verantwortung, keine Freiheit, keine Macht, nicht diese hohe Reputation. Als ich ihr das deutlich mache, reißt sie die Augen weit auf. Wenn es so ist, dann müsste ich die Situation ja lieben“, sagt sie erstaunt. „Ja, genau. Und Ihrem Chef für jeden Tag, den er auf dem Golfplatz verbringt, dankbar sein.“ Karin verabschiedet sich mit einem Strahlen im Gesicht und sagt, sie hätte das Geld für das Coaching gerne ausgegeben, da sie nun wüsste, wie sehr sie ihre Position im Unternehmen genoss, da sie ja still und heimlich alle Fäden in der Hand hielt und sich das Problem eigentlich selbst gemacht habe.

Optimismus zieht den Erfolg an

Wenn wir ein Problem haben, gehen wir oft von Annahmen aus, die zum Teil sehr klischeehaft sind: Wie sollte ein richtiger Ingenieur denn sein? Wie hat sich der Inhaber eines Unternehmens zu verhalten? So lange ein Unternehmen erfolgreich ist, kann der Chef machen, was er will, denn offensichtlich hat er ein gutes Gespür für die richtigen Leute oder er zieht – wie womöglich in diesem konkreten Fall – durch die optimistische Grundhaltung Kunden und damit den Erfolg geradezu an. Damit ist es umgekehrt auch so, dass die Mitarbeiter dem Chef ermöglichen, so zu sein, wie er gerne sein möchte. Die Rollen sind besetzt und wenn sie so besetzt sind, dass das Stück lückenlos aufgeführt werden kann, dann ist das Publikum zufrieden.

Reflexion ermöglicht eine gute Problemlösung

Jeder Sachverhalt, jedes Problem lässt sich von mehreren Seiten aus betrachten, nur neigen wir oft dazu, uns in einer (negativen) Sichtweise zu verbeißen. Damit schaden wir uns und machen uns oft handlungsunfähig. Wir kommen schneller zu einer Lösung dieses internalen Konfliktes, wenn wir uns fragen „Wie kann man das noch sehen?“ Weniger hilfreich wäre es, wenn wir es einem Freund oder dem Partner erzählen und der sagt: „Das geht aber wirklich nicht, der Chef ist völlig verantwortungslos und du reißt dich für ihn aus dem Hemd. Da musst du dringend was unternehmen!“ Etwas zu unternehmen ist immer gut, am besten, wenn wir davon ausgehen, dass wir nur uns selbst und unsere eigene Sichtweise verändern können. Mag sein, dass Ihr Chef – in Ihren Augen – nicht perfekt ist, aber es wird nicht beim nächsten Chef alles anders, denn wir nehmen immer uns selber mit.

Tipp:

Welche Führungsqualitäten braucht ein Chef

Wann Chefs in Konflikte eingreifen sollten

Von Renate Eickenberg, Autorin und Coach

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