Heiko Mell

Welche Bedeutung hat das Zeugnis nach sieben Jahren „Arbeitspause“?

Wie es auch immer dazu gekommen sein mag: Nach sieben Jahren ohne berufsrelevante Tätigkeit ist man in den Augen möglicher Arbeitgeber oder Auftraggeber (für freiberufliche Engagements) weitgehend abgemeldet, sowohl aus fachlichen Gründen als auch wegen „Entwöhnung vom Arbeitsprozess“.

Frage:

Ich war/bin seit mehr als zwanzig Jahren bei einem Weltkonzern tätig. Im Rahmen des jüngsten Umstrukturierungsprogramms gab es Angebote an ältere „treue“ (= teure) Mitarbeiter, über ein Vorruhestandsprogramm auszuscheiden. Die Abfindung heißt in diesem Fall Sonderzahlung und fließt komplett ins Arbeitszeitkonto.

Bei mir reicht das bis zur vorgezogenen Altersrente mit 63, die in ca. sieben Jahren fällig wird (die anfallenden Abschläge kann ich durch freiwillige Sonderzahlungen ausgleichen). In Kürze ist mein letzter (realer) Arbeitstag. Ich sehe mich also am Ende meines klassischen Berufsweges, den Sie in Gänze mit Ihren Ratschlägen, Empfehlungen und nicht zuletzt mit Ihrem Humor begleitet haben. Unzählige Klippen und Fettnäpfchen konnte ich mit Ihrer Hilfe umschiffen oder wenigstens erkennen. Ich möchte an dieser Stelle einfach nur DANKE dafür sagen.

Konkret zu meiner Situation: Ich bin in den nächsten sieben Jahren formal noch angestellt, arbeite allerdings nicht mehr. Es wird jetzt schon ein wohlwollendes Zwischenzeugnis geben. Das abschließende Endzeugnis wird allerdings erst in jenen sieben Jahren ausgestellt werden. Welche Bedeutung hat dieses Endzeugnis, wenn danach keine weitere Festanstellung, sondern allenfalls projektbezogene, freie Mitarbeit („Freelancer“) angestrebt wird?

Mit den allerbesten Wünschen und in ständiger Vorfreude auf weitere Fragen und Antworten … Ihr treuer Leser seit 1984/85 …

Antwort:

Es gibt sicher viele insbesondere jüngere Leser, die allein auf die Zeitangaben und sonstigen Fakten in dieser Einsendung verblüfft bis ungläubig reagieren. Seien Sie versichert: So etwas gibt es tatsächlich. Und um eine Information hinzuzufügen: In den nächsten sieben Jahren wird unser Einsender von seinem Arbeitgeber bezahlt, er muss aber zu Hause bleiben und darf auch nicht extern irgendwo gegen Entgelt tätig sein (oder er dürfte, müsste sich dann aber seine zusätzlichen Einkünfte anrechnen lassen). Dann erst scheidet er aus den Diensten dieser Gesellschaft aus – und bekommt sein Endzeugnis.

Unser Einsender hat eine solche Vereinbarung „freiwillig“ unterschrieben, sicher hatte er sich das gut überlegt. Denn nicht jedem liegt ein Status, der mit jahrelangem bezahlten beruflichen Nichtstun verbunden ist. Viele von uns definieren sich über ihren Beruf, über die tägliche Arbeit, über das Gefühl, gebraucht zu werden (hier jedoch war der Arbeitgeber froh über jeden, der mit hoher Prämie ging) und täglich etwas halbwegs Nützliches zu tun. Vermutlich wäre in den nächsten Jahren eine unbezahlte ehrenamtliche Tätigkeit im sozialen Bereich möglich, aber die liegt auch nicht jedem.

Dort, wo man zwanzig Jahre engagiert sein Bestes gegeben hat, nicht mehr gebraucht zu werden oder sogar nicht mehr erwünscht zu sein, das müssen viele Menschen erst einmal verarbeiten.

Pauschale Aussage zum Kern der Frage: Bei allen freiberuflichen bzw. selbstständigen Tätigkeiten spielen Arbeitszeugnisse keine so wichtige Rolle wie bei dem Bemühen um eine klassische Festanstellung. Aber es gibt eine Einschränkung: Während es bei Standardbewerbungen klare, feste Regeln gibt (der Kandidat sollte freiwillig alle Arbeitszeugnisse vorlegen und muss stets damit rechnen, dass sie alle verlangt werden), fehlen hier die klaren Richtlinien. Konkret: Jeder potenzielle Auftraggeber eines Selbstständigen handelt nach eigenem Ermessen, das ergibt insgesamt ein breites Spektrum möglicher Vorgehensweisen.

Was in diesem Bereich noch lieber gesehen wird als Arbeitszeugnisse früherer Arbeitgeber, sind Referenzen bisheriger Auftraggeber aus der freiberuflichen Tätigkeit.

Daraus geht übrigens hervor, dass das erste Engagement dieser Art, bei dem es solche Referenzen ja noch gar nicht geben kann, besonders schwer zu erringen ist. Da muss man irgendwie durch. Fest steht, dass Auftraggeber nicht gern Wahrheiten hören wie: „Sie wären meine erster Kunde, noch fehlen mir entsprechende Erfahrungen.“ Praxis im Fachgebiet aus angestellter Tätigkeit ist eine Art Ausgleich, wird aber nicht immer als gleichwertig mit der freiberuflichen Tätigkeit angesehen.

Bei Ihrem späteren Endzeugnis, sehr geehrter Einsender, ergeben sich zwei spezielle Probleme:

  • In den letzten sieben Jahren vor dem Ausstellungstag haben Sie nicht mehr gearbeitet, hatten Sie keinen Sie betreuenden Vorgesetzten mehr – hat Sie der hausinterne Apparat vollständig vergessen. Es gibt dann niemanden mehr, der sich an Ihre Leistungen erinnert oder Sie als Person beurteilen könnte. Arbeitgeber lösen dieses Problem dadurch, dass sie dann Ihr jetzt fälliges Zwischenzeugnis in allen wesentlichen Details als Basis nehmen, von der Gegenwartsform in die Vergangenheit transferieren, aber die zentralen Bewertungen beibehalten.
  • Von zentraler Bedeutung ist darüber hinaus die Frage, was man am Schluss des Endzeugnisses zu den Details des Ausscheidens schreiben wird. Die für Sie beste Lösung wäre eine Formulierung wie: „Herr Müller scheidet zum … wegen des Erreichens der Altersgrenze aus unserem Unternehmen aus. Wir bedauern …“ Die schlimmste Lösung wäre es, stünde dort die schlichte Wahrheit („Dieser Mann hat die letzten sieben Jahre nicht mehr real gearbeitet“).

Also: Erkundigen Sie sich jetzt, wo man Sie noch kennt und mit Ihnen spricht, was da wohl eines Tages in Ihrem Zeugnis stehen wird.

Denn das kann man sicher vorhersagen: Niemand wird Sie in Festanstellung oder freiberuflich beschäftigen wollen, wenn aus Ihren Unterlagen hervorgeht, dass Sie in den letzten sieben Jahren nicht im Fach oder überhaupt gearbeitet haben.

Grundsätzlich gilt: Man bemühe sich in jedem Fall um ein Zeugnis, das so gut wie irgend möglich ist und möglichst „unverdächtige“ Umstände beschreibt. Man mag zwar Pläne verfolgen, nach denen man das Dokument nie wieder brauchen würde, aber es sind auch schon recht oft Pläne gescheitert und es musste dann zu Alternativ-Lösungen gegriffen werden.

Das Bemühen um solch ein rundum einwandfrei aussehendes Zeugnis ist mit dem Abschluss einer Feuerversicherung für das eigene Haus vergleichbar: Man rechnet nicht mit einem Brand und tatsächlich brennt es ja auch in der Nachbarschaft bzw. im Freundeskreis praktisch nie. Und doch schliefe man sehr unruhig, wäre man nicht entsprechend versichert.

 

Frage-Nr.: 3.041
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-11-08

Von Heiko Mell

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