Zeugnis

Mein Chef hatte mich vorher scharf kritisiert

Frage:

Herzlichen Dank für Ihre kontinuierlich lehrreiche und auch unterhaltsame Karriereberatung.

Ich bin ca. 50 Jahre alt und war zuletzt längere Zeit bei einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen als Gruppenleiter tätig. Dort bin ich auf eigenen Wunsch ausgeschieden, nachdem ich eine anspruchsvolle neue Position gefunden hatte. Hintergrund des Wechsels war eine Umstrukturierung mit schwer absehbaren Folgen.

Zu meinem Chef hatte ich bis vor ca. einem Jahr ein gutes Verhältnis, seitdem hatte er u. a. mein Führungsverhalten scharf kritisiert. Ein anderer Kritikpunkt bestand in dem Vorwurf, meine Gruppe würde im Unternehmen nicht genug wahrgenommen werden. Diese Kritik habe ich bestmöglich beherzigt und Verbesserungen eingeleitet, die ich ihm in Folgegesprächen erläutert habe. Mit einer Änderung meines Führungsstils habe ich mich allerdings schwergetan. Meine Kündigung hat meinen Chef sehr überrascht, er hat mein Ausscheiden bedauert.

Würden Sie bitte so freundlich sein, mir Ihre Meinung zu dem beigefügten Zeugnis zu geben. So vermag ich z. B. keine Note herauszulesen.

Antwort:

Das Dokument nennt Sie Teamleiter, Sie nennen sich in dieser Phase Gruppenleiter (s. o.), das fällt schon auf. In manchen Organisationen ist der Gruppenleiter schon „mehr“, er hat mitunter sogar schon disziplinarische Führungsverantwortung. Übrigens klingt auch die Bezeichnung/Umschreibung Ihrer Position im Zeugnis deutlich „bescheidener“ als in Ihrer Darstellung. Wenn ein Arbeitszeugnis und ein Lebenslauf „sich streiten“, ist der Ausgang ganz klar: Das Arbeitszeugnis hat recht, der Bewerber im Lebenslauf hat gelogen. Sollte das Zeugnis objektiv falsche Informationen enthalten, müssen Sie das unmittelbar bei oder nach der Aushändigung höflich reklamieren, aber später ist das ein „deutsches Dokument“, das steht wie ein Fels in der Brandung.

Der erste Beurteilungssatz hebt Ihre große und beachtliche Berufserfahrung hervor. Das riecht schon etwas nach einer intensiv gesuchten Möglichkeit, auf einem absolut harmlosen Gebiet etwas scheinbar Lobenswertes formulieren zu können, denn die Berufserfahrung ist ein Faktum, das schon aus dem Lebenslauf hervorgeht.

Dann heißt es, „aufgrund dessen beherrschte er sein Ressort stets umfassend, sicher und vollkommen“. Das ist eine „1“ in Fachqualifikation, als Schilderung eines Zusammenhangs allerdings Unsinn – „aufgrund“ großer Berufserfahrung beherrschen Sie noch gar nichts, da muss noch eine Menge weiterer Eigenschaften und Fähigkeiten hinzukommen. Aber man glaubt zu wissen, was gemeint sein sollte. Oder ist das eine ganz diffizile kritische Aussage, die bewusst sagen will, dass alles, was auf Berufserfahrung zurückgeht, absolut tadellos war, aber dass über sonstige Eigenschaften und Fähigkeiten separat gesprochen werden muss? Oder höre ich die Flöhe husten – diese Gefahr besteht immer.

Gelobt wird ein großes Interesse an technischen Zusammenhängen – bei einem Dipl.-Ing. irgendwo nicht die große Sensation.Analytische Fähigkeiten werden hervorgehoben, die Einarbeitung in neue Felder auch. Dann kommt eine zweischneidige Geschichte: „Auch unter starker Belastung behielt er stets die Übersicht und bewältigte alle Aufgaben in guter Weise.“

Da ist zunächst der erste Teil: „Er behielt stets die Übersicht“ – das ist schon wichtig, aber Übersicht ist noch nicht alles! Man kann die Übersicht behalten und dann falsche Schlüsse ziehen oder fällige Entscheidungen verweigern! Das ist also noch nicht sehr viel!

Dann haben wir die „gute Weise“: Man kann alles interpretieren und diskutieren, aber: „gut“ ist gut, Punkt. Das läuft höchstens auf ein gutes Zeugnis hinaus, von der immer erstrebenswerten sehr guten Note ist nicht mehr die Rede.

Als Einschub dazu: Die Ansprüche an die „gesetzlich geschützten“ Arbeitszeugnisse, die nie etwas Schlechtes enthalten dürfen, sind eine Stufe höher als an Studienexamen. Und Unternehmen stellen oft sehr gute Zeugnisse aus, weil sie die Diskussionen mit ausscheidenden Mitarbeiten scheuen oder sie werfen sie gefeuerten Mitarbeitern nach, weil sie deren Fortkommen (ohne Kosten) fördern möchten. Wenn nun deshalb ein sehr gutes Zeugnis nicht mehr unbedingt beweist, dass der Mitarbeiter in den Augen des alten Chefs auch sehr gut war – was beweist dann aber ein nicht sehr gutes Dokument?

Und wer in Zeugnissen lesen kann, findet immer wieder auch kritische Details, mit denen der Vorgesetzte ggf. sein wahres Urteil anklingen lässt.

Im vorgelegen Dokument folgen dann eine Reihe sehr positiver Aussagen: große Systematik, hohes Engagement, Pioniergeist, äußerst hoher Einsatzwille (es gibt zwar keinen „hohen Willen“, aber man erkennt das Lob dahinter), ein sehr guter Beitrag zum gemeinsamen Erfolg: Immerhin, man kennt dort durchaus die Einstufung „sehr gut“ (siehe „sehr guter Beitrag“).

Dann aber folgt die kalte Dusche: Seine Resultate (auf die allein kommt es an) waren stets von guter Qualität. Mehr als eine „gute Zwei“ kommt da nicht heraus („gut“ ist gut). Das addiert sich zur „guten Weise“ im vorigen Absatz und ergibt bisher im Durchschnitt eine „2“ mit hauchzartem Plus.

Jetzt ergibt sich eine bohrende Frage nach dem Sinn einer Formulierung: „Selbstständiges Arbeiten war für ihn immer selbstverständlich. Daher war er für seinen Vorgesetzten immer ein sehr verlässlicher Partner.“ Beide Sätze sind für sich gesehen positiv – die Begründung mit „daher“ stört. Weil jemand immer sehr selbstständig ist, wird aus ihm („daher“) doch noch kein verlässlicher Partner. Eher im Gegenteil! Irgendetwas stimmt hier nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der Vorgesetzte ein wenig zu viel an Selbstständigkeit festgestellt und etwas in der Art durch die „besondere“ Formulierung auszudrücken versucht. Wer zweifelt, mache die Gegenprobe: Nehmen Sie im zweiten Satz das „Daher“ raus und fangen Sie mit „Er“ an: Schon hätten Sie zwei unverdächtig-positive Aussagen.

Nun kommt, was für den Team- oder Gruppenleiter durchaus von erheblicher Bedeutung ist: „ … war als Vorgesetzter anerkannt und beliebt. Er verstand es, seine Mitarbeiter zu erfolgreichem Arbeitseinsatz zu bewegen.“ Bei den Mitarbeitern beliebte Vorgesetzte sind nach allgemeiner Auffassung zu weich, zu nachgiebig, machen nicht genug Druck, z. B. im Hinblick auf Leistung. In keinem Arbeitsvertrag und in keiner Stellenbeschreibung steht, ein Angestellter solle sich beliebt machen, schon gar nicht bei Leuten, die er führt. Und dann das „Bewegen“ seiner Leute zu erfolgreichem Arbeitseinsatz. Das klingt nach großem Bemühen, nach Diskussionen in diesem Zusammenhang.

Aber es gibt noch mehr: „Gutes psychologisches Geschick“, mit dem er erreichte, dass die Mitarbeiter seine Einschätzung in fachlicher und persönlicher Hinsicht anerkannten. Das klingt irgendwie gequält – und klingt nicht nach der Ausstrahlung persönlicher Vorgesetztenautorität. Weiter: „Er verstand es hervorragend, die Mitarbeiter zu überzeugen und ihre Zusammenarbeit zu fördern“. Das muss er in seiner Funktion zwar auch bringen, diese Formulierung mit Superlativ-Beiwort („hervorragend“) lobt jedoch erkennbar.

Die Information des Teams wird gelobt, ebenso die Stärkung des Teamzusammenhalts mit ausgeprägter sozialer Kompetenz. Das ist grundsätzlich positiv, hängt hier aber zu sehr an der Beliebtheit bei den Mitarbeitern.

Insgesamt würde ich den Komplex „Führung“ mit einer „3+“ bewerten. Dieser Aspekt hat eine hohe Gewichtung und schlägt stark auf die Gesamtnote durch.

Anschließend werden Führungsleistungen und Arbeitserfolge „gut“ genannt, man war damit sogar „stets sehr zufrieden“. Das ist die von mir hier schon vorgestellte Methode, die Gesamtaussage nicht so leicht erkennbar zu machen. Eine gewisse Unlogik verwässert das Ergebnis: Nach z. T. recht deutlicher Detailkritik an der Führung wird die „Führungsleistung“ als „gut“ bezeichnet (was nur eine „2“ sein kann), aber mit „stets sehr zufrieden“ bewertet, was wieder über gut hinausgeht.

Schließlich sichert dem Mitarbeiter dessen „kollegiales … Wesen“ „stets ein gutes Verhältnis zu Vorgesetzten“ (und anderen). So furchtbar kollegial mögen Chefs ihre Mitarbeiter im Verhalten ihnen gegenüber gar nicht, wie die Erfahrung lehrt. Wo bleibt denn da z. B. der Respekt?

Dann gibt es das Ausscheiden auf eigenen Wunsch, das bedauert (nicht sehr) wird und die üblichen Wünsche für die Zukunft.

Fazit: Immer wieder wird die Absicht erkennbar, maximal eine gute, keinesfalls eine sehr gute Note zu vergeben. Deutlich erkennbare Kritik findet sich beim Thema „Mitarbeiterführung“. Ich vermute: Aus der Sicht Ihres Chefs hat dieser Teamleiter zu nahe bei seinen Mitarbeitern gestanden und sich auf ein gutes Verhältnis zu diesen konzentriert, statt sich vorrangig als ein Organ des Managements zu betrachten, das aus den ihm zur Verfügung gestellten personellen Ressourcen ein Maximum für das Unternehmen herausholt – und das sich nicht darauf beschränkt, seine Leute zum erfolgreichen Arbeitseinsatz „zu bewegen“.

Aus meiner Sicht (das ist persönliche Meinung, nicht etwa Ausfluss wissenschaftlich exakter Berechnung): Gesamtnote „2-“.

Service für Querleser:

Vorgesetzte, die im Laufe der Zusammenarbeit irgendetwas beim jetzt ausscheidenden Mitarbeiter recht kritisch gesehen hatten, finden erfahrungsgemäß durchaus eine Möglichkeit, im Zeugnis einen entsprechenden Hinweis unterzubringen.

Frage-Nr.: 2925
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6/7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-02-09

Von Heiko Mell
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