Heiko Mell

Dem Arbeitszeugnis fehlt die Wertschätzung

Frage 1:

Sie haben mir bereits vor drei Jahren weitergeholfen, als ich nach einer Kündigungsschutzklage und anschließendem Vergleich mit dem ehemaligen Arbeitgeber um Zeugnisformulierungen ringen musste.

Leider stehe ich einen Arbeitgeberwechsel später vor einem ähnlichen Problem. Ich wechselte damals in den öffentlichen Dienst als Sachbearbeiter in der immissionsschutzrechtlichen Anlagenüberwachung. Trotz eines recht spannenden Arbeitsgebietes begann ich mich reichlich drei Jahre später dennoch zu langweilen und nach Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen. Ich konnte zwar aufgrund meiner einschlägigen Berufserfahrungen eine Reihe von Berufseinsteigern in ihr Aufgabengebiet einführen und anleiten, kam allerdings offenbar intern nicht für die Position eines Sachgebietsleiters der mittleren Behörde infrage.

Antwort 1:

Halten wir zunächst einmal fest: Sie hatten schon mit Ihrem letzten Arbeitgeber Ärger (und haben den, um das vorwegzunehmen, jetzt wieder). Anzustreben sind ca. 40 Dienstjahre zwischen Examen und Rente ohne einen dieser Fälle – Sie hatten mindestens zwei davon und setzen sich dem Verdacht aus, die Ursachen könnten ganz oder zum großen Teil bei Ihnen liegen.

Dann Ihr Wechsel; soweit ich es nachvollziehen kann, mit Mitte 40 und erstmals von der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst: Die entsprechende Regel sagt, man soll es nicht tun. Die beiden Organisationen sind jeweils einfach „anders“. Damit ist keine Wertung verbunden, nur eine Warnung. Denn mit steigendem Alter ist man geprägt durch seinen bisherigen Arbeitgebertyp. Zum Schluss Ihrer Tätigkeit in dieser Behörde haben Sie sich dann gelangweilt, vermutlich auch aus Frustration über die angestrebte, aber nicht erreichte Beförderung. Dazu hier zwei Aussagen:

  1. a) Jeder (!) Chef merkt, wenn ein Mitarbeiter sich im Job langweilt! Das ist stets auch eine Art „Ohrfeige“ für ihn, denn er hat seine Leute gefälligst so einzusetzen, dass sie sich nicht langweilen, sondern engagiert und motiviert arbeiten. Gegebenenfalls muss er Aufgaben umstrukturieren oder selbst versuchen, den Mitarbeiter intern zu versetzen oder ihm vielleicht sogar zu einer externen Bewerbung zu raten.
  2. b) Ein Chef, dessen Mitarbeiter sich langweilen, macht in den Augen seiner Vorgesetzten etwas falsch, das wiederum ist nicht gut für seine Karriere. Und das nimmt er Ihnen übel. Und: Mitarbeiter, die sich vorher gelangweilt haben, bekommen nach dem Ausscheiden keine guten Zeugnisse!

Spätestens an dieser Stelle werden die ersten Leser fragen, wer denn an dieser Langeweile die Schuld trug und was die Einsenderin hätte dagegen tun können oder gar sollen. Also dann:

Zuständig im Sinne der Regeln für die Vermeidung von Langeweile bei den Mitarbeitern ist der Chef. Wenn er nun aber bei dieser Aufgabe versagt? Dann muss der Mitarbeiter eben selbst etwas dagegen tun, schließlich ist seine berufliche Existenz gefährdet:

  1. A) Sich zu langweilen ist auch eine Frage der inneren Einstellung. Man kann sich selbst motivieren, mit einer anderen Einstellung an die Dinge herangehen, man kann es sich schlicht nicht gestatten, etwas langweilig zu finde. Glauben Sie mir, das geht!
  2. B) Ein wirklich guter Mitarbeiter langweilt sich nicht, er denkt sich neue Herausforderungen aus! Er schlägt dem Chef vor, alle alten Akten digital zu erfassen, eine neue Software einzusetzen oder wichtige statistisch untermauerte Erkenntnisse zu gewinnen. Zumindest in der freien Wirtschaft wird erwartet, dass (akademisch vorgebildete) Mitarbeiter so denken und handeln (sich also notfalls „Arbeit suchen“).

Frage 2:

Vor etwa einem halben Jahr habe ich mich erfolgreich als Sachgebietsleiterin in einer anderen Behörde beworben, wo ich dank eines kurzfristigen Aufhebungsvertrages bereits vorzeitig anfangen konnte und wo ich in Kürze meine Probezeit erfolgreich bestanden haben werde. Mein Aufgabengebiet ist größer, ist sehr vielfältig, bisher wesentlich arbeits- (und zeit-)intensiver und dennoch wahrscheinlich genau richtig für mich. Ich bereue den Wechsel also in keinem Fall.

Antwort 2:

Ich denke, wie alle Leser wissen, vorrangig in den Maßstäben der freien Wirtschaft mit Schwerpunkt Industrie. Und dort gilt: Seien Sie sehr vorsichtig mit Aufhebungsverträgen. Diese sind etwas besser als eine arbeitgeberseitige Kündigung, das ist aber auch schon alles. Ein wechselwilliger Arbeitnehmer kündigt einfach und scheidet lt. Zeugnis auf eigenen Wunsch aus. Aufhebungsverträge werden praktisch ausschließlich auf Initiative des Arbeitgebers geschlossen, sie sind in der Bewertung durch spätere Bewerbungsempfänger nur eine verkappte arbeitgeberseitige Initiative, um den Arbeitnehmer loszuwerden. Wenn ein Arbeitnehmer nach seiner Kündigung nur seine entsprechende Kündigungsfrist verkürzen will und der Arbeitgeber damit einverstanden ist, dann gestattet dieser dem Mitarbeiter einfach das Ausscheiden zu einem früheren Zeitpunkt. Dazu braucht es keinen Aufhebungsvertrag.

Ihnen, geehrte Einsenderin, wünsche ich viel Glück und Erfolg im neuen Job. Dass es Ihnen so gut gefällt, beweist gerade bei Ihnen noch nichts: In Ihrer alten Anstellung begann die Langeweile ja auch erst „reichlich drei Jahre später“.

Frage 3:

Nach mehrfachem Nachfragen beim vorigen Arbeitgeber habe ich jetzt endlich ein Arbeitszeugnis erhalten. Was ich darin vermisse, ist die erhoffte (und erwartete) Wertschätzung. Ich frage mich sogar, ob die Aussagen überhaupt als positiv gewertet werden können (gute Frage; H. Mell). Außerdem tauchen ganze Passagen zu Details der tariflichen Bezahlung auf, die m. E überhaupt nicht in ein Zeugnis hineingehören. Es gibt Rechtschreibfehler („Ihr“ statt „ihr“) und das Ausstelldatum liegt sechs Monate nach dem Ende der Beschäftigungszeit.

Können Sie das Zeugnis kritisch prüfen und mir mögliche Änderungsvorschläge unterbreiten?

Antwort 3:

Das Dokument bescheinigt eine dreijährige Tätigkeit als Sachbearbeiterin eines klar beschriebenen Amtes. Der erste Absatz (Daten und Fakten) und der dritte (Aufgaben) entsprechen dem Standard.

Der zweite Absatz handelt lang und breit die zutreffenden Tarifverträge ab, enthält aber keine Details zur Einstufung der Mitarbeiterin in bestimmte Gruppen. Ein Leser aus der freien Wirtschaft könnte damit nichts anfangen, er würde diesen Text kopfschüttelnd überlesen. Ob ein gewiefter Kenner der Besonderheiten des öffentlichen Dienstes aus allen Angaben (Art der Behörde, angezogene Tarifverträge, Positionsbezeichnung der Mitarbeiterin und deren Alter) daraus ersehen kann, was Sie verdient haben, weiß ich nicht. Ich halte das für eine sicher völlig korrekte, absolut überflüssige, aber eher unschädliche Information.

Dann kommt die Beurteilung, wie üblich mit den Fachkenntnissen beginnend:

„Frau X verfügt über entsprechende ingenieurtechnische Kenntnisse, welche sie in der Praxis einsetzte.“

Das ist äußerst schwach. Es beginnt mit der „Großzügigkeit“, einer Ingenieurin immerhin „ingenieurtechnische Kenntnisse“ zuzugestehen – das ist vergleichbar mit dem Arzt, dem man „medizinische Kenntnisse“ bescheinigen würde. Diese Kenntnisse haben Sie dann „in der Praxis eingesetzt“. Das ist, wie Sie richtig vermuten, meilenweit von Lob oder Wertschätzung entfernt.

Ich soll „bessere“ Formulierungen vorschlagen. Das kann – und werde ich tun – aber ich kenne Sie nicht, kenne Ihre Leistung nicht und kenne das maßgebliche Urteil Ihres damaligen Chefs nicht. Meine Vorschläge bedeuten also nicht: „Diese Formulierungen hätten Sie verdient, so etwas müsste dort geschrieben sein“, sondern sie stehen nur für: „So etwa würde ein rundum sehr positives Zeugnis aussehen.“ Denn es gilt natürlich: Auch ein ziemlich schlechtes Dokument dieser Art kann geradezu vorbildlich korrekt sein, wenn es Persönlichkeit und Leistung des Arbeitnehmers in den Augen des Arbeitgebers richtig wiedergibt (und sich dabei noch nach den besonderen Vorschriften richtet, die Gesetzgeber und Gerichte gerade für dieses Metier erlassen haben). Unter diesen Bedingungen ein rein „technokratischer“ Vorschlag zum ersten Beurteilungssatz:

„Frau X zeichnete sich durch ein sehr fundiertes Fachwissen aus, das sie auch aus eigener Initiative stets auf dem neuesten Stand hielt, konsequent weiter ausbaute und jederzeit erfolgreich zum Nutzen des Amtes einsetzte.“

Von einer Ingenieurin mit – geschätzt – zwanzig Jahren Berufspraxis, die von einer Beförderung träumt, würde man erwarten, dass sie sich eine solche Bewertung durch den Arbeitgeber verdient hatte.

Zum nächsten Satz:

„Ihre fachlichen Leistungen entsprachen den Anforderungen, welche an einen Sachbearbeiter XYZ zu stellen sind und hätten sich mit fortschreitender Berufserfahrung auch entsprechend gesteigert.“

Ja was ist das denn? Die Problematik steckt im letzten Halbsatz. Erstens ist der Hinweis auf die Steigerung der Leistung in der Zukunft ein Signal, dass dieselbe in der Vergangenheit und Gegenwart höchst unzureichend war. Zweites ist die Formulierung mit der Steigerung reine Spekulation, drittens ist das alles unlogisch: Ein Sachbearbeiter mit zwanzig Berufsjahren vorher weiß nach drei Jahren im neuen Job „alles“ – wer noch länger brauchen würde, um seine Arbeit gut zu erledigen, taugt nicht dafür. Liebe Leute, im industriellen Alltag großer Unternehmen versetzt man Sachbearbeiter und untere Führungskräfte jeweils nach zwei bis drei Jahren ganz bewusst in neue Aufgabenfelder – im alten haben sie dann alles gebracht, was sie bringen und alles gelernt, was sie lernen konnten.

Und so ist drittens jener Satz im Originaldokument ausschließlich als Hinweis zu verstehen: Viel war da nicht! Wenn man unbedingt zwischen fachlichen und anderen Leistungen differenzieren will, müsste in einem guten Zeugnis hier etwa stehen:

„Ihre fachlichen Leistungen entsprachen jederzeit den gestellten Anforderungen und übertrafen sie oft.“ Und noch besser ließe man „fachlichen“ weg. Die Mitarbeiterin wollte ja „mehr“ und langweilte sich bereits – da müsste sie dann auch zeigen, dass sie mehr drauf hatte als gefordert war.

Nachfolgend steht dann:

„Im täglichen Berufsleben hat Frau X gezeigt, dass sie sich ihrer dienstlichen Verantwortung als Mitarbeiterin einer Mittelbehörde bewusst war. Insgesamt ist Frau X von ihrer Wesensart eine Mitarbeiterin, die auch umfangreiche Aufgaben selbstständig und termingerecht erfüllte.“

Was immer das heißt, ein Lob ist es nicht. Sie sollen sich nicht Ihrer Verantwortung „bewusst“ sein, Sie sollen entsprechend handeln! Sich bewusst zu sein, heißt hier nur: „Da war auch nicht viel. Da wir aber überwiegend Gutes und Wohlwollendes sagen sollen, auch wenn die Mitarbeiterin es nicht verdient hat, probieren wir es einmal mit dieser Worthülse. Wer lesen kann, wird wissen, was gemeint ist.“ Die Geschichte mit der Wesensart ist auch höchst merkwürdig. Ich interpretiere es als: „Wenn sie gewollt hätte, hätte sie schon gekonnt.“

Als Beispiel eines Absatzes, der hier stehen sollte, wenn jemand ein positives Zeugnis hätte schreiben wollen:

„Frau X hat auch umfangreiche und besonders komplexe Aufgaben immer selbstständig und termingerecht erfolgreich abgeschlossen. Sie war stets zu unserer vollen Zufriedenheit tätig und ist ihrer besonderen dienstlichen Verantwortung als Mitarbeiterin einer Mittelbehörde jederzeit in überzeugender Art und Weise gerecht geworden.“

Das wäre dann immerhin eine „Gesamtschulnote gut“.

Dann folgt die Bewertung des Verhaltens: „Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen sowie Anlagenbetreibern und Antragstellern war freundlich und sachorientiert.“ Das geht auch noch etwas besser, wäre aber auch in der Originalfassung keine Katastrophe.

Dann kommt das bescheinigte Ausscheiden auf eigenen Wunsch. Es gibt kein Bedauern ob dieses „Verlustes“, gedankt wird nur für die „nackte“ Mitarbeit; in der üblichen verdrehten Form gibt es Wünsche („alles Gute“ für den Berufs- und „viel Erfolg“ für den Lebensweg).

Da sollte etwa stehen, wenn man Ansprüche an sein Zeugnis stellt: „Frau X verlässt das …-Amt auf eigenen Wunsch. Wir bedauern Ihr Ausscheiden sehr und danken ihr für ihre engagierte, wertvolle Mitarbeit. Für ihren weiteren Berufs- und Lebensweg wünschen wir ihr viel Erfolg und alles Gute.“

Und dann kommt noch der eigentliche, offenbar bewusst gesetzte Tiefschlag: Das Ausstellungsdatum liegt viele Monate nach dem letzten Arbeitstag. Dieser Aspekt gilt als Signal: Hier stimmt etwas nicht! Wie kann man eine solche Zeitdifferenz anders erklären als so: „Es gab Auseinandersetzungen mit Anwälten und/oder Gerichten. Wir mussten viel Literatur wälzen, um das in unseren Augen verdiente sehr schlechte Urteil in gerade noch akzeptable Formulierungen zu gießen.“

Das ist ein bisschen bösartig, finde ich. Und unnötig. Und das Eingeständnis eines eigenen Fehlers: Auch mittlere Behörden haben das Zeugnis am letzten Arbeitstag auszuhändigen. Und wenn der Leiter des Amtes es selbst ausfertigt. Mein Eindruck: Sie müssen Ihren alten Arbeitgeber maßlos verärgert haben. Was stets zu vermeiden ist.

 

Frage-Nr.: 2.962
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31/32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-08-03

Top Stellenangebote

Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Embedded Software Entwickler (m/w/d) Berlin
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Senior Project Engineer (m/w/d) München
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover-Firmenlogo
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover Universitätsprofessur (m/w/d) W3 für Sensorsysteme der Produktionstechnik Garbsen
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Professur (W2) Immissionsschutz (w/m/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technischen Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technischen Hochschule Bingen Professur Immissionsschutz (m/w/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) für das Lehrgebiet Elektrische Energiespeicher für Intelligente Netze und Elektromobilität Nürnberg
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) im Bereich Fahrerassistenzsysteme Offenbach
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Informatik mit Schwerpunkt Datenanalyse Burghausen
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Fahrzeugkonzepte" als Direktor/-in des Instituts für Fahrzeugkonzepte Stuttgart
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: Z…