Heiko Mell

Erstellung eines Zeugnisses

Leser A: Als treuer Leser Ihrer Karriereberatung verfolge ich die Beiträge seit meinem Studium – anfangs zunächst eher mit Kopfschütteln, mittlerweile eher mit Kopfnicken.

Zum Thema „Endzeugnis“ (Frage 2.810) kann ich Ihnen allerdings eine Rückmeldung aus der Praxis geben, die anders lautet als von Ihnen geschildert.

Vor sechs Jahren verließ ich die ABC AG in Richtung DEF AG, zu meinem ehemaligen Vorgesetzten pflege ich heute noch regen Kontakt. Das Zeugnis jedoch brauchte sechs (sic!) Monate nach Austritt, trotz regelmäßiger Mahnung. Die Gründe lagen nach Angaben des Vorgesetzten in der Überlastung der Personalabteilung, die Entwürfe lagen mir lange vor.

Im vergangenen Jahr wechselte ich dann zur GHI AG. Auch hier ist das Verhältnis vollkommen unbelastet. Das Formular zur Zeugniserstellung hatte ich zusammen mit dem Vorgesetzten drei Monate vor Ausscheiden ausgefüllt, die Personalabteilung brauchte sechs Monate, d. h. ich erhielt das Zeugnis drei Monate nach dem Ausscheiden.

Jetzt, ich bin selbst Vorgesetzter, habe ich es in der Hand, „mehr Druck“ zu machen, was natürlich bei ehemaligen Mitarbeitern nicht immer höchste Priorität hat.

Auch in diesem Unternehmen ist es nicht besser. Für ein Zeugnis benötigte man drei Monate, die Hälfte der Zeit ging allerdings für die interne Abstimmung mit den bisherigen Vorgesetzten drauf. Ich kannte meine Mitarbeiterin erst ein halbes Jahr, sie war aber zwölf Jahre im Konzern.

Letztlich kann ich also Ihren Satz aus dem damaligen Beitrag „Hätten Sie also damals schlicht gekündigt und den Konzern verlassen, hätten Sie jetzt mit Sicherheit längst Ihr Zeugnis – und niemand hätte von einer überlasteten Personalabteilung gesprochen“ aus eigener Erfahrung nicht bestätigen.

Bei allen drei DAX-Konzernen war bzw. ist es immer die „überlastete Personalabteilung“, die Zeiträume sind erschreckend, die Qualität ist zum Teil äußerst schlecht. Keines der drei genannten Zeugnisse konnte ohne mehrfachen Korrekturlauf akzeptiert werden.

 Leser B: (Diese Zuschrift ist so nett – allein schon der Anfang –, dass es mir sehr schwer fällt, hier zwangsläufig kürzen zu müssen, aber es geht nicht anders; H. Mell).

Ich bin ein ganz großer Fan Ihrer Kolumne. Sie findet auch jedes Mal, wenn mein Mann mir am Frühstückstisch Ihre Seite rüberreicht, meine absolute Zustimmung.

Aber dieses Mal sah ich mich doch gezwungen, für alle verantwortungsvollen und engagierten Menschen in den Personalabteilungen dieses Landes eine Lanze zu brechen.

Ich war ab 1988 in der Personalabteilung eines Hauses mit ca. 2.000 Mitarbeitern, dann in unterschiedlich großen Unternehmen, zuletzt zwischen 60 und knapp hundert Mitarbeitern.

Wir hatten also im letzten Betrieb zu keinem Zeitpunkt ein paar hundert Mitarbeiter. Und doch gehörte ich noch zu der hoffentlich nicht aussterbenden Spezies, die sich als Dienstleister versteht. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass ohne die Mitarbeiter, die unserer Unterstützung bedürfen, unser Arbeitsplatz abgeschafft würde.

In Bezug auf Arbeitszeugnisse sollte man sich dessen bewusst sein, dass dies das einzig wirklich wichtige Formular ist, welches man einem Arbeitnehmer immer noch mitgeben kann. Ein unnötig schlechtes, weil liebloses oder eilig oberflächlich gefertigtes Zeugnis kann für ihn den Weg in die Arbeitslosigkeit bedeuten. Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass größere Unternehmen Arbeitszeugnisse in aller Regel selbst schreiben. Diese Aufgabe wird sehr oft gerade dort „outgesourcet“. Man kann sich sicher vorstellen, was bei einem Zeugnis herauskommt, wenn es von einer Person angefertigt wird, die weder den Arbeitnehmer kennt, noch die Strukturen im Unternehmen. Da wird sich nur auf einen Beurteilungsbogen bezogen. Daraus entsteht dann ein Zeugnis, welches eben wahrscheinlich nur den Mindestanforderungen genügt.

Ich will es mal so vergleichen: Was soll sich denn ergeben, wenn ich meine Personalgespräche an einen Dienstleister übertrage, der die Beteiligten nicht kennt.

Und hier stimmt die Aussage eben gerade nicht: „Großes Unternehmen, solide Professionalität.“ Es gibt furchtbar uninformierte Personalmenschen, gerade in größeren Betrieben, wo jeder nur noch mit einem kleinen Aufgabenbereich betraut ist.

Selbstverständlich ist es sehr zeitaufwendig, ein Zeugnis zu erstellen, welches trotz aller einengenden Klauseln und mittlerweile vom Arbeitnehmer erwarteten Formulierungen nicht oberflächlich bleiben soll. Hier versuche ich immer, den Leuten das erwartete „zur vollsten Zufriedenheit“ auszureden. Bisher konnte ich auch stets überzeugen. Denn wie Sie ja selbst am besten wissen, gibt es in der deutschen Sprache diese Formulierung nicht.

Antwort:

Zu Leser A: Es war damals um einen Einsender gegangen, der innerhalb einer Unternehmensgruppe gewechselt und Schwierigkeiten hatte, in einem vernünftigen Zeitrahmen an sein Zeugnis zu kommen. Damals hatte ich die Vermutung geäußert, die Schwerfälligkeit des Unternehmens könnte am Zwischenzeugnis-Charakter des Dokumentes liegen. Offenbar war das von mir zu optimistisch gedacht. In der Sache kann es kein Pardon geben, das Verhalten dieser Unternehmen ist unverantwortlich! Zwar brauchen die ehemaligen Mitarbeiter ihr Endzeugnis nicht für eine aktuelle Bewerbung – zum Bewerbungszeitpunkt sind sie ja noch beschäftigt, der Bewerbungsempfänger akzeptiert letztlich, dass es noch kein Endzeugnis geben kann (und eben kein Zwischenzeugnis gibt). Mit zu spät ausgestelltem Endzeugnis aber kann der alte Arbeitgeber seinem ehemaligen Mitarbeiter aus drei Gründen Schaden bis schweren Schaden zufügen:

a) Wenn beim Ausscheiden noch nicht einmal eine Beurteilung des Vorgesetzten eingeholt worden ist, dann wird die ebenfalls viel später angefordert. Ein ehemaliger Chef jedoch, der sechs Monate nach dem Ausscheiden gefragt wird, was er von dem längst seinem Gedächtnis entschwundenen ehemaligen Mitarbeiter gehalten hatte, kommt erfahrungsgemäß eher zu einem „abgeflachten“, durchschnittlichen Urteil ohne Höhen und Tiefen. Inzwischen hat er vielleicht sogar den Nachfolger wieder entlassen und ganz andere Sorgen. Oder dieser ehemalige Chef ist selbst ausgeschieden und alles (Gute), was er je über den Mitarbeiter gedacht hatte, ist schlicht weg. Sagen Sie nur nicht, so etwas wäre nicht möglich: Wer „wegen Überlastung“ kein Zeugnis ausstellen kann, der versäumt aus nämlichem Grund auch das rechtzeitige Anfordern einer Beurteilung.

b) Eine gut organisierte Personalabteilung beim neuen Arbeitgeber fordert etwa ein bis zwei Wochen nach Dienstantritt vom neuen Mitarbeiter sein letztes Zeugnis an (sofern er das nicht bereits freiwillig eingereicht hatte). Kann der kein solches Dokument vorweisen, gerät er in Verdacht. Er könnte ja noch immer mit dem alten Arbeitgeber über den Text des Zeugnisses prozessieren – was selbst dann ein schlechtes Zeichen ist, wenn der Mitarbeiter gewinnt.

c) Der fragliche Mitarbeiter ohne Arbeitgeberzeugnis von seinem alten Arbeitgeber steckt beim neuen erst einmal in der Probezeit. Wenn er nun mit der dabei geltenden kurzen Kündigungsfrist dort wieder weggehen will oder muss, steckt er in großen Schwierigkeiten: Jetzt ist jenes „alte“ Arbeitsverhältnis längst Geschichte – und ein Zeugnis daraus wird vom Bewerbungsempfänger zwingend und ziemlich kompromisslos erwartet. „Ich habe keines“ gilt als Ausrede – vermutet wird, es sei so kritisch, dass der Kandidat die Vorlage scheut. Man darf auch nicht vergessen, dass sich „so etwas“ auf dem Arbeitsmarkt herumspricht. Es braucht dann viele kernige Marketing-Allgemeinplätze in Stellenanzeigen, um da wieder gegenzusteuern.

Zu Leser B: Ich breche den Abdruck hier ab, um auch noch schnell etwas dazu schreiben zu dürfen: Hier irren Sie, geehrte Einsenderin. Ich habe extra noch einmal bei der Duden-Sprachbe­ratung angerufen und erhielt die Bestätigung: Gerade für Zeugnisformulierungen wird „vollste Zufriedenheit“ ausdrücklich zugelassen. Wer es nachlesen will: Duden, Band 9 (Richtiges und gutes Deutsch, 7. Auflage, S. 960). Die Abneigung mancher Unternehmen gegen diese Formulierung resultiert weniger aus ihrer selbstauferlegten Verpflichtung heraus, die deutsche Sprache sauber zu halten. Diese Arbeitgeber scheuen hingegen die Diskussion mit ausscheidenden Mitarbeitern über die „Note“ des Zeugnisses. Also greifen sie gern zu Formulierungen, die man nicht so leicht zuordnen kann: Es ist bequemer.  Generell liegen die Erwartungen an Arbeitgeber-Zeugnisse etwa eine Notenstufe höher als bei Examen nach dem Studium. Kein Wunder, da man auch dann nichts Schlechtes sagen darf, wenn der Mitarbeiter es verdient hätte.

Ihnen, geehrte Einsenderin, vielen Dank für Ihren engagierten Beitrag. Menschen wie Sie gibt es – wenn ich auch das Gefühl habe, sie sterben aus.

Frage-Nr.: 2845
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-11-03

Top Stellenangebote

Procter & Gamble-Firmenlogo
Procter & Gamble Electronic Engineer / System Integrator (Smart Products / IoT) (m/f) Kronberg
Procter & Gamble-Firmenlogo
Procter & Gamble Process & Engineering – Career in Engineering (m/f) Crailsheim, Kronberg
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Algorithmenentwicklung (m/w/x) Oberkochen
Ludwig Meister GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Ludwig Meister GmbH & Co. KG Technischer Leiter (m/w/d) Fluidtechnik Dachau
GC-heat Gebhard GmbH & Co.KG-Firmenlogo
GC-heat Gebhard GmbH & Co.KG Vertriebsingenieur (m/w/d) für industrielle Beheizung Waldbröl
DFS Deutsche Flugsicherung GmbH-Firmenlogo
DFS Deutsche Flugsicherung GmbH Flugsicherungsingenieur (m/w/d) mit Schwerpunkt Streckennavigationsanlagen München
Hydro Aluminium Rolled Products GmbH-Firmenlogo
Hydro Aluminium Rolled Products GmbH Sicherheitsingenieur (m/w/d) Arbeitsschutz Grevenbroich
Schüco-Firmenlogo
Schüco Ingenieur / Architekt (w/m/d) als projektleitender Konstrukteur Sonderkonstruktion Bielefeld
AGCO GmbH-Firmenlogo
AGCO GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Systems Engineering für den Bereich Elektrik/ Elektronik Marktoberdorf
Daimler AG-Firmenlogo
Daimler AG Entwicklungsingenieur (m/w/d) im Bereich Forschung & Entwicklung (RD) – technische Compliance in der Entwicklung Sindelfingen

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: Z…