Beförderungsrücknahme wegen Elternzeit

Ich arbeite seit vielen Jahren in einem Unternehmen, welches mir nun durch eine Neuorganisation Anlass gab, nach einem Zwischenzeugnis zu fragen. Ich hatte bereits die Stellvertretung des Abteilungsleiters erreicht als ich eine Tochter bekam. Ein Jahr war ich komplett in Elternzeit. Die nächsten zwei Jahre habe ich in Teilzeit im Homeoffice gearbeitet, bis ich dann nach insgesamt drei Jahren Elternzeit wieder in Vollzeit an meinem Büroarbeitsplatz eingestiegen bin. Mein Chef hielt zunächst noch lange an meiner Position als Stellvertreterin fest, hat dann aber auf mein Drängen und vermutlich zusätzlich durch den Einfluss äußerer Umstände im letzten dieser drei Jahre Elternzeit eingesehen, dass ich die verantwortungsvolle Stellvertreter-Funktion nicht weiter von zu Hause aus erledigen konnte. Bei meiner Rückkehr in Vollzeit war die Stellvertretung bereits anderweitig vergeben worden. Soll ich bei dem Zwischenzeugnis darauf bestehen, dass diese Zeit als Stellvertreterin mit aufgenommen wird – mit allen Konsequenzen, also auch der Abgabe dieser Verantwortung? Oder soll ich sie lieber „unter den Tisch fallen“ lassen? Im mir vorgelegten Zeugnisentwurf wurde dieser Aspekt nicht erwähnt.

Antwort:

Die Ernennung zur Stellvertreterin des Abteilungsleiters ist durchaus eine Beförderung. Sie gilt als Einstieg in eine Führungslaufbahn. Mit drei einschränkenden Besonderheiten:a) Die Stellvertretung ist in der Regel keine hauptamtliche, sondern eher eine neben der eigentlichen Hauptfunktion (z. B. Entwicklungsingenieurin) ausgeübte Zusatzfunktion. Der Stellvertreter vertritt seinen Chef bei Abwesenheit oder sonstigem Ausfall – ist also eigentlich nicht in dieser Funktion tätig, wenn der Chef schlicht an seinem Platz ist. Streng genommen ruht die Stellvertretung dann (also überwiegend).In der Praxis jedoch ist der Stellvertreter auch dann „mehr“ als die Kollegen, wenn er gerade nicht den Chef vertritt. In seiner Ernennung zeigt sich ein besonderes Vertrauen, das man „höheren Ortes“ zu ihm hat. Das gibt ihm auch bei Anwesenheit des Chefs einen Sonderstatus.Außerdem kann man nur jemanden vertreten, wenn man in dessen laufende Geschäfte, dessen Planungen und Ideen eingeweiht ist. Das setzt voraus, dass der Chef enger und öfter mit dem Stellvertreter zusammenarbeitet als mit den anderen Abteilungsmitgliedern.Fazit: Eine solche Beförderung bedeutet schon etwas, sie ist durchaus erwähnenswert. Und man kann gelegentlich in Sachen Führung bereits konkret üben und sammelt erste Erfahrungen.b) Hier nur der Korrektheit halber erwähnt, für die Fragestellung aber ohne Bedeutung: Die Stellvertretung hat lt. Definition nichts mit einer möglichen Nachfolge zu tun.c) Eine Wegnahme dieser Beförderung ist grundsätzlich äußerst schädlich für den Marktwert.Nun müssen wir bei jeder Art von Beförderung zwei Stufen oder Phasen unterscheiden:1. Die Ernennung. Sie zeigt, dass diesem Mitarbeiter zu jenem Zeitpunkt das Potenzial zur Ausübung dieser neuen Funktion zugetraut wurde. Das ist schon sehr schön, aber nur „die halbe Miete“. Denn die „Ernenner“ haben nur glauben, nicht aber wissen können, dass dieser Mitarbeiter dem auch gewachsen ist. Sie könnten damit auch falsch liegen, das hat es ja durchaus schon gegeben.2. Die Bewährung in der Praxis bei Ausübung des neuen Amtes. Hier wird man bei einer Führungsfunktion klassischer Art (also hauptamtlich, nicht stellvertretend) etwa drei bis fünf Jahre täglichen Tuns ansetzen, bis bewiesen ist, dass der Mitarbeiter das wirklich kann (und man z. B: über eine nächste Beförderungsstufe nachdenken könnte). Beim Stellvertreter, der ja nur sporadisch führt, ist diese Phase idealerweise kaum kürzer anzusetzen.Sie geben keine genauen Daten an, aber bei Ihnen scheint die Beförderung nur wenige Wochen oder Monate vor Ihrem Eintritt in die Elternzeit stattgefunden zu haben. Die spezielle Phase „Stellvertretung von zu Hause aus während der Elternzeit in Teilzeitarbeit“ hat in den Augen Außenstehender überhaupt keinen Wert, ein Darstellungsversuch im Zwischenzeugnis würde eher lächerlich klingen. Aber die Ernennung ist doch auch schon etwas – ihre Erwähnung im Zeugnis würde beweisen, dass Sie sich dafür qualifiziert hatten. Wenn Sie noch länger beim heutigen Arbeitgeber bleiben, würde ein späterer Bewerbungsleser allerdings erwarten, dass Sie nach Ende der Stellvertretung noch einmal befördert wurden. Das muss kein Abteilungsleiter-Stellvertreter sein, da könnte auch ein Projekt-/Team- oder Gruppenleiter die Lücke füllen.Beim jetzt anstehenden Zwischenzeugnis rate ich zu folgendem Aufbau: Erst geht es um Ihre Grundtätigkeit, z. B. als Entwicklungsingenieurin. Die wird mit den üblichen stichwortartigen Aufgabenaufzählungen dargestellt. Dann ginge es etwa so weiter: „In Anerkennung ihrer überzeugenden fachlichen und persönlichen Qualifikation hatten wir Frau Musterfrau am …. zur Stellvertreterin des Abteilungsleiters ernannt. Neben der üblichen Abwesenheitsvertretung waren damit auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Vorgesetzten sowie die Übernahme verschiedener entlastender und unterstützender Funktionen verbunden.Vom … bis zum … war Frau Musterfrau in Elternzeit. Innerhalb dieses Zeitraumes, vom …. bis zum … war sie in Teilzeit von Homeoffice aus für uns tätig und blieb so ihrem früheren Tätigkeitsbereich eng verbunden.Seit dem … ist Frau Musterfrau wieder als Entwicklungsingenieurin in Vollzeit tätig und nimmt ihre damit verbundenen ursprünglichen Aufgaben lt. obiger Aufzählung wahr.“Anmerkung: Sie haben praktisch nur die Ernennung, die langjährige Bewährung fehlt. Also habe ich hier bewusst etwas „Fleisch an den Ernennungsknochen“ gebracht und ein bisschen „füllig“ formuliert. Das wirkt in dem Zusammenhang positiv („In Anerkennung …“).Über das Ende der Stellvertretung reden wir nicht. Das kann man im Interesse des Mitarbeiters (der ja durch Zeugnisse zu fördern ist) so machen. Die Aussage im obigen Text ist nirgends falsch; das Unternehmen kann damit leben – und jeder darf davon ausgehen, dass die Stellvertretung durch die Elternzeit und die Homeoffice-Teilzeittätigkeit „automatisch“ erloschen ist. Es heißt ja in meinem Text, dass Sie danach „nur“ als Entwicklungsingenieurin tätig waren und die „damit verbundenen ursprünglichen“ Tätigkeiten wieder übernahmen. Das sollte reichen.Als Tipp: Diese ganzen Bemühungen haben nur Sinn, wenn Sie weiter aufsteigen wollen – und in den nächsten ca. drei Jahren auch etwas in der Art erreichen. Wollen Sie das nicht oder klappt das nicht, dann lassen Sie den Hinweis auf diese Ernennung in einem späteren Endzeugnis lieber streichen und reden Sie auch im Lebenslauf nicht darüber.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Ernennungen an sich sind nur „die halbe Miete“, sie werden erst so richtig karrierefördernd, wenn danach eine entsprechende mehrjährige Bewährung folgt. Eine gute Erklärung für deren Fehlen hilft gegen den Verdacht, die spätere Wegnahme der Beförderung sei fehlender Qualifikation zuzuschreiben.
Frage-Nr.: 2803
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-02-25

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