Heiko Mell

Zu kurz für so viele Jahre

Frage: Nach mehr als zehn Jahren und verschiedenen Stationen in der Produktentwicklung eines bedeutenden Zulieferers hatte ich mich zum Wechsel entschlossen.
Mit dem beigefügten Arbeitszeugnis des vorigen Arbeitgebers bin ich zufrieden, weil ich es für fair und gut halte. Sehen Sie dies genauso?

Allerdings frage ich mich, ob der 1-seitige Umfang des Dokuments nicht etwas „mager“ ist für so viele Jahre der Betriebszugehörigkeit. Halten eventuelle spätere Bewerbungsempfänger dies ebenfalls für merkwürdig?
Meinem neuen Arbeitgeber habe ich das Zeugnis noch nicht vorgelegt. Sollte ich es nachreichen, quasi für die Akten? Verlangt hat es bislang noch niemand.

Antwort:

Das Dokument kommt tatsächlich mit einer Seite aus, das auch noch bei großzügiger Raumaufteilung. So etwas ist schon ein erstes Warnzeichen – man wird das Werk besonders sorgfältig lesen. Eine eigenständige und immer „durchschlagende“ Bedeutung hat die Länge des Dokumentes jedoch nicht, es gibt keine feste Formel für diesen Aspekt.

Wenn man eine pauschale Faustregel aufstellen will, dann sollte etwa

– ein wohlwollend gemeintes Zeugnis über ein harmonisch verlaufenes Arbeitsverhältnis ab etwa drei bis fünf Jahren bis zur Mitte der zweiten Seite reichen;

– auch ein Superzeugnis einer Top-Führungskraft bei hervorragenden Begleitumständen nicht länger sein als zwei bis maximal etwa zweieinhalb Seiten (sonst liest die Details niemand mehr).

Der Rest liegt dazwischen.

Aber erstens: Der Inhalt (die Aussage) ist wichtiger als die Länge, diese ist nur ein erster Anhaltspunkt.

Aber zweitens: Es gibt sehr große Konzerne, die auch bei Vorliegen absolut positiver Gesamtumstände zu äußerst knappen Dokumente neigen. Dagegen kann man wenig tun.

Schon Asterix wusste: Je besser die Armee, desto schlechter das Essen – und mit der Länge von Zeugnissen verhält es sich mitunter ähnlich (es gibt sehr große Konzerne, die traditionell sehr knapp formulieren).

Werfen wir einen Blick auf die Details Ihres Falles: Unter der Überschrift „Zeugnis“, das ja die Tätigkeit, die Führung und Leistung eines bestimmten Mitarbeiters beschreiben und bewerten soll – spricht dieses Unternehmen erst einmal über sich. Dann erst, im zweiten Absatz, ist von dem Mitarbeiter die Rede. Das ist ein bisschen aufdringlich und unschön, schließlich steht hier nicht der Arbeitgeber im Mittelpunkt. Aber Sie können wenig dagegen tun – es ist halt „Stil des Hauses“.

Ein Passus, in dem das Unternehmen sich selbst vorstellt, wird in Zeugnissen zwar gern gesehen, weil Bewerber es regelmäßig versäumen, in ihren Lebensläufen zu beschreiben, wer diese Müller & Sohn GmbH überhaupt ist, was sie macht und welche Größe sie hat. Aber es ist üblich, in Zeugnissen in einem ersten Absatz über die Hauptperson, den Mitarbeiter, zu sprechen (Name mit eventuellem akademischen Grad, Geburtsdatum und -ort, Eintrittsdatum und Einstiegsposition), dann stellt sich in einem zweiten Absatz das Unternehmen vor, im dritten Absatz (und im Rest) ist dann wieder (und nur noch) vom Mitarbeiter die Rede.

Die beschriebene „Besonderheit“ in Ihrem Dokument mindert den Wert des Zeugnisses nicht, ist auch kein Verstoß gegen eine diesbezügliche Vorschrift – zeigt aber einem Fachmann, dass ein Unternehmen hier seine eigenen Gestaltungsideen umsetzt. Und wer oben so anfängt, könnte natürlich auch versuchen, z. B. mit so wenig Lob wie möglich auszukommen.

Die wahrscheinlichste Erklärung für die Knappheit – die stets zulasten einer gewissen Warmherzigkeit geht – findet sich dann aber sofort: Es gäbe nicht viel zu berichten, sagt das Dokument: Da sind die mehr als zehn Dienstjahre, durchgängig als „Ingenieur in der Entwicklung“ bezeichnet.Ohne Höhen und Tiefen, ohne Beförderungen oder sonstige Besonderheiten. Der Mitarbeiter hätte, heißt es lediglich lapidar und pauschal, „in dieser Zeit verschiedene Fachabteilungen durchlaufen“, zuletzt war er von … bis … in der XY-Abteilung. Das ist alles zum innerbetrieblichen Werdegang.

Dann folgt die übliche stichwortartige Aufzählung einer Handvoll Hauptaufgaben, die damit wohl auch über all die Jahre gleichgeblieben waren. Diese Aufzählung könnte sich auch nur auf die letzte Tätigkeit beziehen, das wird nicht deutlich. Sie hätten dann ein Zeugnis in den Händen, das sich im Prinzip nur um die letzten drei Jahre kümmert. Dazu passt die Länge schon viel besser. Aber schön ist das nicht, da haben Sie recht.

Hier hätte sich das Unternehmen etwas mehr Mühe geben können. Die einzelnen Fachabteilungen sollten mit den Dienstzeiten dort stehen, bei den „älteren“ könnte je eine individuelle Hauptaufgabe erwähnt werden, bei der letzten dann – wie geschehen – mehrere. Damit käme auch mehr „Fleisch an den Knochen“, die Länge wüchse deutlich. Heute steht da symbolisch: „Er hat über zehn Jahre hinweg trotz diverser Abteilungswechsel ohne Veränderungen immer das Gleiche getan, über abweichende Details zu reden lohnt sich nicht.“Übrigens können nur die wenigsten Unternehmen solche „alten“ Informationen aus gut geführten Personalakten entnehmen, in der Regel ist alles „weg“, was vor der letzten Abteilungsveränderung war. Auch kann man oft die früheren Vorgesetzten gar nicht mehr fragen. Die pragmatische Lösung: „Herr Müller, Ihr Zeugnis steht an. Schreiben Sie doch einmal auf, was Sie wann getan haben.“ Daran hängt man dann die ausschließlich vom letzten/aktuellen Vorgesetzten stammende Beurteilung – fertig.

Nun wieder zum konkreten Fall: Ein heute nach der Tätigkeitsbeschreibung fast schon obligatorischer (aber nicht vorgeschriebener) „Erfolgsabsatz“, in dem über konkrete fachliche/sachliche Erfolge dieses Mitarbeiters bei seinem Tun berichtet wird, fehlt. Hier muss man sich aus der erteilten „Note“ zusammenreimen, ob er denn nun auch erreicht hat, was er hätte fertigbringen sollen.

Bleiben die Detailwertungen von Eigenschaften und Fähigkeiten in klassischer Form – und die sind sehr gut: „hervorragendes Fachwissen“, „das er äußerst effektiv einsetzte“, „sehr gute Auffassungsgabe“, „fand schnell richtige Lösungen“, „außergewöhnlich großes Engagement“, „besondere Eigeninitiative“, „hervorragende Belastbarkeit“, „absolut zuverlässig“, „Arbeitsergebnisse rundum von hoher Qualität“, „Verhalten war besonders vorbildlich“. Alles toll. Und dann die „Gesamtnote sehr gut“ („stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“). Es gibt ein Ausscheiden auf eigenen Wunsch, ein außerordentliches Bedauern darüber, einen engagierten Dank und die üblichen falsch sortierten Wünsche.

Falsch sortiert und üblich? Es muss eine Vorlage im Internet geben, von der alle Firmen durch die Bank abschreiben. Dort heißt es wohl (wie hier auch): „Wir wünschen ihm beruflich und persönlich alles Gute und weiterhin viel Erfolg.“ Nun sollte aber der zweite Teil dieses Satzes zum ersten passen: „Viel Erfolg“ gehört zum erstgenannten beruflichen Sektor, „alles Gute“ mehr zum privaten Bereich und damit an den Schluss. Das aber sind Kleinigkeiten.

Fazit: Im wichtigen Kern ein uneingeschränkt sehr gutes Zeugnis, das ist das Entscheidende. In einigen Details hat das Dokument gewisse Unzulänglichkeiten, die aber

a) hier allein zulasten des Unternehmens gehen und

b) von der sehr guten Gesamtbewertung überdeckt werden. Damit können Sie gut leben, es wird Ihren Bewerbungserfolg fördern.

Reichen Sie das Dokument unaufgefordert Ihrer heutigen Personalabteilung nach. Es wäre doch schade, wenn das ungelesen vergilben würde.

PS: Der eigentliche Schwachpunkt bei der Betrachtung dieser Beschäftigungsphase ist, dass ein Mitarbeiter zehn Jahre beschäftigt war und sich trotz sehr guter, insbesondere sehr guter fachlicher Beurteilung und mehrerer Abteilungswechsel kein Hinweis auf einen beruflichen Fortschritt irgendeiner Art findet.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Kleinere formale Mängel eines wichtigen Zeugnisses werden von einer uneingeschränkt sehr guten Beurteilung zugedeckt – würden sich aber zu einer schwächeren Bewertung mit negativem Vorzeichen hinzuaddieren(!).

Frage-Nr.: 2771
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-09-10

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