Heiko Mell

„Nichtsdestotrotz“ ist Sprache wichtig

(In Frage 2.662 ging es um einen ehemaligen Master-Absolventen, der von seinem Großunternehmen nach Abschluss der Arbeit nicht übernommen wurde. Er bekam ein Zeugnis, das nach allgemeiner Auffassung etwa als „gut +“ einzuordnen ist, während, wie der Einsender schrieb, „der Vorgesetzte mir den Erhalt eines sehr guten, nicht alltäglichen Arbeitszeugnisses bestätigte“. Die schlechteste Einzelnote auf dem Kreuzchen-Dokument war ausgerechnet die bei „Innovationskraft“ – der Kandidat war in der Entwicklung tätig gewesen und wollte dort auch weiterarbeiten. H. Mell).

Leser A: Während ich im kommenden Jahr 50 werde und an mir Spuren von Altersmilde erkenne, frage ich mich, ob Sie nicht schon einen Schritt weiter sind (und das ist wirklich nicht bös‘ gemeint) und durch Starrsinn die Wirkung Ihres Schaffens unnötig schwächen, indem etwaigen Kritikern ein Nebenkriegsschauplatz eröffnet wird, dessen Kämpfe von der eigentlichen „Schlacht“ ablenken.

Ich schätze die Aufmerksamkeit, die Sie unserer Sprache widmen, aber:

a) Kann der Vorgesetzte dem in seiner Einschätzung des Zeugnisses unsicheren Werkstudenten nicht bestätigen, ein gutes Zeugnis erhalten zu haben?

b) Möglicherweise haben Sie das von Ihnen beanstandete „nichtsdestotrotz“ aus jener Einsendung im Duden nachgeschlagen. Ich habe es jedenfalls getan und bin dabei auf ein anderes schönes Wort gestoßen: „nichtsdestominder“. Dies gilt zwar laut Duden als „selten“, wird aber nicht als umgangssprachlich abgewertet. Sprache ist nicht immer kongruent, aber hier ist es der Duden nicht.

Ich schreibe Ihnen, weil es das erste Mal nach 25 Jahren ist, dass ich Ihnen nicht folgen möchte.

Leser B: Dieser dumme spätpubertäre Begriff ist nicht auszurotten. Vor vielen Jahren wurde aus den beiden Worten „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ das neue Kunstwort „nichtsdestotrotz“ erfunden. Helfen Sie den jungen Bewerbern, deren Sprachgefühl zu verbessern. Einem Bewerber, der „nichtsdestotrotz“ in seiner Bewerbung verwendet, würde ich immer auch sprachlich auf den Zahn fühlen. Gleichgültig, ob es um einen Weltkonzern oder ein Unternehmen des Mittelstands geht. Was predige ich alles meinem Neffen, der Master-Ingenieur ist. Er glaubt mir nicht, dass Sie Recht haben.

Antwort:

In einem Punkt sind wir uns einig: „Nichtsdestotrotz“ ist umgangssprachlich und gehört nicht in einen seriösen Brief.

Die Dinge sind mitunter schwieriger als gedacht. Nehmen wir den Punkt a von Leser A: Nein, so geht das nicht! Im Original hieß es: „Der Vorgesetzte bestätigte mir den Erhalt eines sehr guten Zeugnisses.“ Das kann er nicht, die Aussage ist zweifach falsch:

1. Man sagt in diesem Zusammenhang einfach nicht: „Er bestätigte mir den Erhalt.“ Man sagt entweder „Ich bestätigte ihm den Erhalt“ oder „Er versicherte mir, ein sehr gutes Zeugnis geschrieben zu haben“ oder „Er sagte ausdrücklich, ich hätte jetzt ein sehr gutes Zeugnis erhalten“.

Aber, bitteschön, „den Erhalt bestätigen“ kann nur ein Empfänger, nicht der Geber. Der Vorgesetzte ist aber nicht der Empfänger. Er könnte „bestätigen“, dass er glaubt, ein sehr gutes Dokument ausgestellt und dem Ex-Studenten in die Hand gedrückt zu haben.

2. Wobei hinzukommt, dass die Aussage des Vorgesetzten auch inhaltlich falsch war: Das Ding war gar nicht sehr gut, es war nur gut +.

Sie nun, geehrter Einsender A, fragen in Ihrem Punkt a, ob der Vorgesetzte „dem … Werkstudenten nicht bestätigen könne, ein gutes Zeugnis“ erhalten zu haben. Da sage ich mit Radio Eriwan: Im Prinzip hätte er sehr wohl sagen können: „Sie haben soeben ein gutes Zeugnis erhalten“ (nicht jedoch: „Ich bestätige Ihnen den Erhalt“). In der Praxis jedoch hat jener Vorgesetzte gesagt, hier läge ein sehr gutes Zeugnis vor, was sachlich nicht stimmt. Ihr Punkt a ist also schon deshalb nicht haltbar, weil er die Bewertungen „gut“ und „sehr gut“ im Zusammenhang durcheinanderbringt (auch Nebenkriegsschauplätze haben ihre Tücken).

Oder anders: Hätte der Vorgesetzte gesagt: „Ich habe Ihnen ein gutes Zeugnis ausgestellt“, wäre nichts daran auszusetzen gewesen. Er hat es aber laut damaligem Einsender so nicht gesagt.

Hören wir damit auf, sonst reißt dem Neffen von Leser B endgültig der Geduldsfaden. Was ich traurig fände – ein solches Geplänkel nach fast 2.700 Serien-Fragen ist doch wie eine kleine Prise Salz in der Suppe …

Frage-Nr.: 2675
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-03-06

Top Stellenangebote

Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Embedded Software Entwickler (m/w/d) Berlin
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Senior Project Engineer (m/w/d) München
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover-Firmenlogo
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover Universitätsprofessur (m/w/d) W3 für Sensorsysteme der Produktionstechnik Garbsen
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Professur (W2) Immissionsschutz (w/m/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technischen Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technischen Hochschule Bingen Professur Immissionsschutz (m/w/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) für das Lehrgebiet Elektrische Energiespeicher für Intelligente Netze und Elektromobilität Nürnberg
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) im Bereich Fahrerassistenzsysteme Offenbach
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professur (W2) Lehrgebiet: Informatik mit Schwerpunkt Datenanalyse Burghausen
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Fahrzeugkonzepte" als Direktor/-in des Instituts für Fahrzeugkonzepte Stuttgart
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: Z…