Heiko Mell

„Krach mit dem Chef“ im Zeugnis

Im letzten Satz Ihrer Antwort auf Frage 2.613 bleibt unklar, wer ein Zeugnis geschrieben haben muss, damit auf „Krach“ mit dem Chef geschlossen werden kann. Wer hätte das Dokument verfassen sollen, damit alles in Ordnung für den Beurteilten ist? Ist es nicht üblich, dass anhand der Beurteilung des Chefs die Personalabteilung das Zeugnis letztendlich verfasst und unterzeichnet?

Antwort:

In jener Frage ging es ganz allgemein um den Wert von Zeugnissen. Am Schluss schrieb ich: „Ich habe schon aus vermeintlichen Einser-Zeugnissen auf ‚Krach mit dem Chef‘ geschlossen – und lag richtig, wie der Kandidat einräumte. Man darf nicht nur lesen, was geschrieben steht, man muss auch werten, wer geschrieben hat.“ Darauf nun bezieht sich die Frage.

Meine Formulierung „wer geschrieben hat“ bezog sich weniger auf die Unterschrift. Zunächst einmal ist es wichtig, aus was für einem Unternehmen (Typ, Größe) ein solches Dokument kommt. Konzerne haben in der Regel eine professionelle Personalabteilung und standardisierte Verfahren (oft inklusive einer Textverarbeitungs-Software). Dort stimmt auch fast immer Ihr Beispiel mit der Personalabteilung als Ausstellerin.

Aber im Mittelstand und insbesondere in kleinen Unternehmen herrscht individueller „Wildwuchs“. Auch hier gibt es ausstellende und unterschreibende Personalabteilungen, es gibt aber auch die Erst- oder Zweitunterschrift durch den „Leiter Entwicklung“ (also den Chef) oder die Alleinunterschrift durch einen Geschäftsführer oder Inhaber.

Generell gilt: Name und Status des Unterschreibenden sind nicht so wichtig. Es handelt sich um eine offizielle Aussage des arbeitgebenden Unternehmens auf offiziellem (Zeugnis-)Briefbogen. Dieses Unternehmen muss gewährleisten, dass so etwas nur unterschreibt, wer das dort auch darf. Der spätere (Bewerbungs-)Leser darf sich darauf verlassen – und er liest den Text nicht als Beurteilung durch eine Person, sondern als Aussage eines Arbeitgebers (vertreten durch jemand, der das durfte) über einen Mitarbeiter.

Als „Autoren“ des Textes kommen infrage:

a) der beurteilte Mitarbeiter für den sachlichen Teil und der Chef oder nach dessen Angaben die Personalabteilung für den bewertenden Teil,

b) der Mitarbeiter für den gesamten Text,

c) der Chef für den gesamten Textd) die Personalabteilung, die mühsam irgendwo „recherchiert“ hat, für den gesamten Text.

Das alles führt zu unterschiedlichen Schreibstilen; mancher dieser Autoren versteht etwas davon, was bei Zeugnissen üblich ist, mancher nicht. Diese verschiedenen Autoren können Sie mit den oben genannten unterschiedlichen Unterschriften mischen – jede Kombination ist möglich.

Viele Inhaber und manche Geschäftsführer schreiben, wie ihnen der „Schnabel gewachsen“ ist, ohne sich um Vorschriften oder Gepflogenheiten bei Zeugnissen zu kümmern. Ach ja, manche Zeugnisse tragen nur die Namen der Unterzeichner ohne Angabe von Funktion und Rang, dann weiß der Leser nicht einmal, welche Position dieser Mensch innehatte.

Oft erkennt der Fachmann an bestimmten, geschäftsunüblichen Formulierungen, dass der beurteilte Mitarbeiter selbst schreiben durfte. Es kommt aber auch vor, dass man später dem Mitarbeiter im Vorstellungs- oder Beratungsgespräch vorwirft, ein schlechtes Zeugnis zu haben, worauf der errötend gesteht: „Das durfte ich selbst schreiben, ich dachte, das sei ein gutes Dokument.“

Ich will Ihnen zwei Beispiele geben für Ansätze kritischer Betrachtungen (die aber nur ein Fachmann vornehmen sollte):

1. In den wesentlichen Absätzen, in denen es um die Zufriedenheit des Arbeitgebers und um die Umstände des Ausscheidens geht, bricht plötzlich die „weiter oben“ noch zu findende „Wärme“ in der Formulierung weg, die Aussagen werden knapp und wirken „kalt“.

2. In wichtigen Beurteilungsabsätzen sind einzelne ungewöhnliche Wortkombinationen enthalten: So schreibt der Verfasser eines „Geschäftsbriefes“ nicht, wenn er „frei von der Leber weg“ formuliert. Hier hat vermutlich(!) jemand lange mit sich, mit dem Beurteilten, mit dessen Anwalt oder gar mit dem Richter gerungen, bis man sich auf einen Kompromiss geeinigt hatte. Hier gab es also „unterschiedliche Auffassungen“, was stets verdächtig ist.

Immer von Interesse bei der Auswertung sind Größe und eventuell der Standort des Unternehmens. Das von der Person des Inhabers geprägte Haus in der entlegenen Provinz formuliert häufig „anders“ als der Konzern in der Großstadt. Auch das bezieht man in die Wertung ein.

Vergessen wir nicht das anzustrebende Ideal: Der Mitarbeiter ist bei einem soliden, anständigen, eine kompetente Personalabteilung finanzierenden Unternehmen tätig, hat einen fähigen Chef, leistet sehr gute Arbeit, geht irgendwann auf eigenen Wunsch, begleitet vom Wohlwollen des Arbeitgebers – und hat ein sehr gutes Zeugnis. Dieser Mitarbeiter weiß gar nicht, wo es da Probleme geben könnte.

In Erinnerung geblieben ist mir das Zeugnis eines Firmeninhabers, das erst einen unkonventionellen Aufbau zeigte und mit dem Satz schloss: „Um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen: Dies soll ein gutes Zeugnis sein.“

Aber wenn mir – wie gerade heute – eine ganz spezielle Formulierung ganz harmlos im Text versteckt unterkommt, dann freue ich mich noch immer über die Kreativität, die solche Schreiber beflügelte: „Sein Verhalten war gegenüber Vorgesetzten korrekt, gegenüber den Mitarbeitern sehr zuvorkommend und jederzeit freundlich.“ So teilt man – unter ausschließlicher Verwendung grundsätzlich positiver Begriffe, zum Abschied eine Watschen aus. „Selbst ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird“ – und wenn er ein Chef ist.

Vergessen Sie nicht: Viele „unerklärliche“ Absagen auf Bewerbungen gehen auf Zeugnisdetails zurück, die der Bewerbungsempfänger als kritisch oder unbefriedigend empfunden hat. Ich weise vorsichtshalber noch einmal auf das Grundprinzip hin: Nicht der Bewerbungsempfänger muss beweisen können, dass der Bewerber schlecht ist, bevor er ihm absagt – sondern der Bewerber muss beweisen, dass er gut ist, sonst riskiert er eine Absage.

Frage-Nr.: 2642
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-09-12

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