Heiko Mell

Lange Dienstzeit ohne Zwischenzeugnis?

Frage: Ich bin Dipl.-Ing., Ende 40 und seit dem Studium bei einem Großkonzern beschäftigt. Für den Zeitraum bis vor etwa zehn Jahren hatte ich bereits ein Zwischenzeugnis erhalten.
Vor vier Jahren habe ich intern gewechselt. Da sich die neue Tätigkeit damals wie ein Traumjob darstellte, hatte ich auf ein weiteres Zwischenzeugnis verzichtet. Mittlerweile ist die Anfangseuphorie am neuen Arbeitsplatz verschwunden und mein Gehalt wurde durch Umstellung von 45 auf 35 Stunden entsprechend gekürzt, ich verdiene deshalb deutlich weniger als noch vor vier Jahren. Ich denke daran, durchaus nochmals zu wechseln. Hinzu kommt, dass sich eine bisher sehr belastende familiäre Situation zum Positiven gewendet hat, so dass ich wieder mit offenen Augen durchs Leben gehen will.

Vor gut einem Jahr habe ich vor Ablauf der 3-Jahresfrist für Ansprüche auf ein Zwischenzeugnis ein solches von meinem früheren Chef angefordert. Dieser hat auf der Basis meines Textentwurfs bei der Personalabteilung um Ausfertigung gebeten.

Auf meine Nachfrage hin hat ein Mitarbeiter der Personalabteilung mit dem Argument, dass das unüblich sei, geantwortet und somit indirekt die Ausstellung verweigert.

Ein Nachfragen bei einem befreundeten Betriebsratskollegen hat mich bestärkt, auf mein Anrecht zu pochen, jedoch ohne Erfolg. Was kann ich noch tun? Oder soll ich die „Aktion Zwischenzeugnis“ bleiben lassen?

Antwort:

Ich beschäftige mich beruflich sehr viel und sehr intensiv mit Zeugnissen: Ich lese und analysiere sie im Zusammenhang mit Bewerbungen, ich schreibe Gutachten über Inhalte und Aussagen, ich optimiere Entwürfe. Dabei ergibt sich ziemlich eindeutig: Zwischenzeugnisse bereiten mehr Probleme als Enddokumente. Vermutlich hat es damit zu tun, dass ein Zwischenzeugnis während eines (noch) bestehenden Arbeitsverhältnisses geschrieben wird und dass schon deswegen alle Beteiligten sensibler reagieren.

Wir sollten einmal versuchen, Klarheit in dieses Thema hineinzubringen. Sie wissen, dass ich keine rechtliche Beratung vornehmen darf, kann und will, aber ein bisschen zitieren kann ich. Insgesamt fällt mir zu Ihrem Anliegen ein:

1. Das von mir sehr geschätzte „Das Personalbüro in Recht und Praxis“, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, 1969 – 2012 (Loseblatt-Sammlung) sagt in seinem „Lexikon“ (Gruppe 2/53, S. 2) über „Anspruch auf ein Zwischenzeugnis“:

„Während des Arbeitsverhältnisses hat der Arbeitnehmer einen Anspruch auf ein Zwischenzeugnis, wenn er hieran ein berechtigtes Interesse hat. Ein berechtigtes Interesse liegt vor:

• bei Änderungen im Arbeitsverhältnis,

• bei betrieblichen Veränderungen, z. B. Versetzung in einem anderen Bereich, Übernahme einer anderen Tätigkeit, Wechsel des Vorgesetzten, drohende Insolvenz des Arbeitgebers …

• …

• …“

Ende des Zitats.

Damit hatten Sie einen gleich mehrfach zu begründenden Anspruch, den Sie damals nicht wahrgenommen haben.

2. Damit Sie nach der „trockenen“ juristischen Betrachtung auch einmal etwas eher Erheiterndes lesen: Zeugnisse dürfen weder Frage- noch Ausrufezeichen und auch keine Unterstreichungen enthalten, nichts darf durch Fettdruck hervorgehoben werden.

Mich amüsiert besonders das Verbot von Fragezeichen. Eine Formulierung wie „War Herr Müller nun faul? Wir wissen es nicht, Zweifel aber bleiben“ ist also nicht zulässig (aber auch noch aus anderen Gründen).

Als Warnung: Zeugnisse sind ein sehr komplexes Thema, die Wahrheit spielt dabei nicht die dominierende Rolle. Und es ist sogar vorgeschrieben, in welcher Art und Weise ein Zeugnis geknickt werden darf, wenn es versandt wird.

3. Von einer „3-Jahresfrist für Ansprüche auf ein Zwischenzeugnis“ weiß ich nichts, auch im zitierten Lexikon habe ich nichts darüber gefunden. Ich vermute, dass es sich um eine konzerninterne Regelung handelt.

4. Zwischenzeugnisse, auch wenn der Mitarbeiter gem. 1. einen Anspruch darauf hat, sind für die interne Administration (u. a. Personalabteilung) äußerst lästig und arbeitsaufwendig. Da das interne Umfeld immer schneller verändert wird, könnte die Anzahl fälliger Zwischenzeugnisse bald ungeahnte Dimensionen erreichen.

Wenn jetzt auch noch Mitarbeiter auftauchen, die Jahre nach einer die Berechtigung des Anspruchs durchaus begründenden Veränderung plötzlich Zwischenzeugnisse über also längst vergangene Zeiten verlangen, kann man die Unlust der Personalleute durchaus verstehen. Vor allem hat Jahre nach der Veränderung niemand mehr die Umstände des „Falles“ im Kopf, alles muss „nach Aktenlage“ recherchiert und/oder erfragt werden (das Unternehmen kann ja nicht einfach ein Dokument unterschreiben, nur weil der Mitarbeiter die dort festgehaltenen Detailumstände behauptet).

Natürlich ist ein beruflich engagierter Mitarbeiter gut beraten, sich wichtige abgeschlossene Tätigkeitsphasen derart bescheinigen zu lassen, aber doch bitte in engstem zeitlichen Zusammenhang mit der Veränderung.

5. Als Trost: Niemand ist verpflichtet, aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis Zwischenzeugnisse zu haben. schon gar nicht lückenlos!

In der Praxis gibt es Bewerber, die- aus langjährigen Arbeitsverhältnissen überhaupt keine Zwischenzeugnisse vorlegen,- aus kürzeren Verhältnissen mehr Zwischenzeugnisse präsentieren als der Empfänger lesen mag,- aus längeren Arbeitsverhältnissen Zwischenzeugnisse präsentieren, die nur einzelne Phasen belegen, dazwischen gibt es dann mehrjährige Lücken.

Das alles wird akzeptiert.

6. Als Trick: Mitunter hat jemand aus ungekündigtem Arbeitsverhältnis ein eher schwaches Zwischenzeugnis. Wenn er das bei der Bewerbung weglässt, verbessert er seine Chancen. Schön, es besteht das Risiko, dass ein späteres Endzeugnis auch schwächer wird, aber das bekommt er erst, wenn der Vertrag beim neuen Arbeitgeber längst unterschrieben ist. Und ob der neue Chef dieses Endzeugnis überhaupt nachfordert, ist völlig offen. Falls er das macht, wird er wegen der schwächeren Beurteilung durch den früheren Arbeitgeber nicht gleich kündigen, sondern sich auf sein eigenes Urteil stützen wollen.

7. Auffällig sind mehrere Zwischenzeugnisse aus einem Arbeitsverhältnis, wenn sich die Wertung von Dokument zu Dokument verschlechtert (fallende Tendenz).

8. Eigentlich verlieren Zwischenzeugnisse völlig ihren Wert, wenn aus diesem Arbeitsverhältnis ein Endzeugnis vorliegt. Um Informationsüberflutung möglichst zu vermeiden, sollten sie dann Bewerbungen nicht mehr beigefügt werden. Es sei denn, sie sind deutlich im Enddokument erwähnt („Über die Zeit von … bis …wurde mit Datum vom … ein Zwischenzeugnis erstellt“). Dann wird das genannte Zwischenzeugnis Teil des Enddokuments und muss stets beigefügt bleiben.

9. Wer aus laufendem, ungekündigtem Arbeitsverhältnis ein Zwischenzeugnis anfordert (deutlich besser: erbittet), setzt sich schnell dem Verdacht aus, nach neuen Ufern zu streben und demnächst kündigen zu wollen. Deshalb sollten Begründung (gem. 1) und Zeitpunkt der Anforderung möglichst unzweideutig sein. Allgemein akzeptiert ist der Wechsel der Abteilung und/oder des Vorgesetzten als Grund für die Bitte um ein Zeugnis über die nun abgeschlossene Phase (im engen zeitlichen Zusammenhang).

Achtung: Wenn man den bisherigen Vorgesetzten verliert (gerade auch, wenn der wechselt, gefeuert wird oder in den Ruhestand geht), dann muss man so sechs bis acht Wochen vorher mit seiner Bitte kommen (wenn also der bisherige Chef noch zuständig und greifbar ist). Sonst ist eventuell alles „weg“, was für Sie in dieser Phase von Bedeutung war. Kümmern Sie sich selbst darum, verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Personalabteilung „automatisch“ den entsprechenden Prozess einleitet.

10. Ein Grund dafür, warum gerade Zwischenzeugnisse oft so heikel sind: Mit der Bewertung legt sich der Arbeitgeber für eine längere Zeit auch im Hinblick auf ein mögliches späteres Endzeugnis fest. Will er davon abweichen, muss er diese Abweichung begründen können.

Das bedeutet: Wenn ein ausscheidender Arbeitnehmer kein Zwischenzeugnis hat, schreibt der Arbeitgeber das Endzeugnis im Rahmen der immer geltenden Vorschriften frei formuliert. Liegt aber ein halbwegs aktuelles Zwischenzeugnis vor, so bestimmt dessen Bewertung grundsätzlich auch die Aussage des Enddokuments. Will der Arbeitgeber davon abweichen, braucht er Argumente. Verstehen Sie jetzt, warum man sich mit der Bitte um Zwischenzeugnisse so „beliebt“ macht?

So, geehrter Einsender, nun noch konkret zu Ihnen: Ich an Ihrer Stelle würde aufhören mit dem Bohren nach dem „alten“ Zwischenzeugnis. Sie haben die Anforderung vor Jahren versäumt, weil Sie den neuen Job für „auf ewig traumhaft“ hielten. Das war falsch (ist es immer), aber ohne Zwischenzeugnis können Sie leben.

Was den Stellenwechsel angeht, rate ich intern zu Versuchen, extern rate ich ab. Sie sind derart lange auf diesen einen Konzern eingefahren, da wechselt man dann nicht mehr freiwillig – und schon gar nicht in Ihrem Alter. Der optimale Zeitpunkt für einen Arbeitgeberwechsel lang vor zehn bis fünfzehn Jahren. Sie glauben gar nicht, was in anderen Firmen alles anders sein kann; Sie haben keine Erfahrung darin, in Vorstellungsgesprächen gute Chefs von Schauspielern zu unterscheiden – und Sie müssten auch noch die Dimension des Arbeitgebers nach unten wechseln, denn Konzerne stellen kaum oder eher ungern neue Mitarbeiter „um 50“ ein.

Es gibt für alles im Leben eine passende Zeit, die für freiwillige Arbeitgeberwechsel ist bei Ihnen vorbei. Die Chancen, die damit verbunden sind, wiegen das Risiko nicht auf. Natürlich gibt es auch Konzernmitarbeiter, die in vergleichbaren Umständen den Wechsel geschafft haben und glücklich geworden sind, es gibt ja auch jede Woche wieder Lottogewinner.

Gegen einen Sie weiterbringenden konzerninternen Wechsel spricht nichts. Sie behalten dabei Ihre Dienstzeit, Ihr Netzwerk und Ihr Know-how im Hinblick darauf, wie Ihr Arbeitgeber „tickt“. Und Ihr Konzern ist so ungeheuer groß, wenn es dort keinen guten Platz für Sie gibt, dann finden Sie den auch draußen nicht.

Kurzantwort:

1. Abteilungs- und/oder Vorgesetztenwechsel sind gute Gründe für die „unverdächtige“ Anforderung eines Zwischenzeugnisses.

2. Arbeitgeber lieben Zwischenzeugnisse nicht: Sie sind aufwendig, bedingen lästige interne Abstimmungen und Abwägungen – und sie legen die Vorgesetzten im Hinblick auf ein späteres Endzeugnis fest.

Frage-Nr.: 2586
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-24

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