Heiko Mell

Ich bedaure nichts

Frage: Seit meinem zweiten Studiensemester lese ich regelmäßig Ihre Karriereberatung in den VDI nachrichten. Nach Berücksichtigung vieler Ihrer Tipps in meiner Industrie- und Hochschullaufbahn sitze ich mittlerweile „auf der anderen Seite des Tisches“ und möchte mich mit einem Zeugnisproblem an Sie wenden:

Ich als Universitätsprofessor bedaure das Ausscheiden eines wissenschaftlichen Mitarbeiters eigentlich nicht, ich bin froh, wenn er geht.

Meine Aufgabe ist es, ihn (oder sie) als Doktorvater zu betreuen und nach drei oder vier Jahren mit dem Titel in eine noch bessere Industriezukunft zu verabschieden. Wenn das so läuft, bin ich glücklich und zufrieden. Da fällt mir die Standardformulierung „… bedaure das Ausscheiden …“ im Zeugnis schwer, weil sie für mich eine hohle Floskel ist. Allerdings möchte ich nicht durch ein „unkonventionelles“ Zeugnis meinen ehemaligen Mitarbeitern Schwierigkeiten bereiten. Können Sie mir helfen?

Antwort:

Ingenieure neigen viel stärker als etwa Kaufleute dazu, die Dinge sachlich-nüchtern-logisch zu betrachten. Man bloß, die „Dinge“ sind dem daraus resultierenden Anspruch sehr häufig nicht gewachsen. Unser ganzes Leben ist durchdrungen von Ritualen und sonstigen Verhaltensweisen, die einer Analyse im obigen Sinne (sachlich-nüchtern-logisch) nicht standhalten würden. Und so schreibe ich unter den Brief an einen säumigen Schuldner, dem ich nun endgültig mit der Einschaltung eines Anwaltes drohe, immer noch „mit freundlichen Grüßen“, obwohl ich im Augenblick sehr unfreundliche Gedanken hege. Dies vorab.

In der Sache gilt:

1. Die Hochschule ist eine eigene Welt, gesehen von der Industrie aus. Vieles dort ist sehr speziell, fast alles ist „anders“. Auch viele Professoren werden bei dem, was sie tun, nicht gnadenlos den industriellen Standardanforderungen unterworfen. Wenn also das von einem Hochschulprofessor auf Uni-/Lehrstuhl-/Institutsbriefbogen geschriebene Zeugnis nun nicht in allen Einzelpunkten so ist, wie es das Dokument von BMW, IBM oder Siemens wäre, dann folgt erst einmal ein Schulterzucken, dann vielleicht ein nachsichtig-freundliches Lächeln und dann erst eine hochgezogene Augenbraue. Kürzer: Sie bekommen eine Art „Rabatt“ zugestanden, wenn Sie Zeugnisse schreiben. Und da die Arbeitswelt in der Industrie nicht nur eine Fortsetzung der Hochschulwelt „mit anderen Mitteln“, sondern ein ganz eigener, völlig anderer Kosmos ist, gerät auch ein irgendwie merkwürdiges, vielleicht sogar kritisch klingendes Zeugnis aus Ihrer Hand dem betroffenen Mitarbeiter nicht in gleichem Maße zum Nachteil wie es bei der gleichlautenden Formulierung durch VW der Fall gewesen wäre (puh; vielleicht hätte ich doch Diplomat werden sollen).

2. Das Bedauern des Ausscheidens ist in der Zeugnissprache eine Art „Pluszeichen“ hinter der eigentlichen Zeugnisnote (in Schulzensuren ausgedrückt). Niemand ist verpflichtet, das Ausscheiden eines Mitarbeiters zu bedauern, kein Mitarbeiter kann ein solches Bedauern verlangen (in der Praxis nicht und auf dem Zeugnis auch nicht).

Aber das „Bedauern hat“ seinen Ursprung in der Angestelltenwelt der freien Wirtschaft. Dort ist das Arbeitsverhältnis auf Dauer angelegt, unbefristet – die arbeitnehmerseitige Kündigung ist der unvorhersehbare Ausnahmefall. Im Idealfall fügt der scheidende Arbeitnehmer seinem Chef einen ungeplanten Verlust zu, den der Vorgesetzte bei einem guten Mitarbeiter sehr wohl ausdrücklich bedauern kann. Er wird von dieser Entwicklung überrascht und hätte den Mitarbeiter gern behalten, hätte die Zusammenarbeit gern fortgesetzt. Das bringt er dann mit jener Floskel zum Ausdruck (die etwa bedeutet: „Schade, dass er geht“).

3. Der wissenschaftliche Mitarbeiter hat ein spezielles Ziel (Promotion), seine Angestelltentätigkeit am Lehrstuhl ist nur „Mittel zum Zweck“. Die ganze Geschichte ist von Anfang an befristet, auf ein verhältnismäßig gut planbares Ende ausgerichtet. Wenn somit klar ist, dass der neue Mitarbeiter bald wieder geht, dann haben Sie – noch dazu als nüchtern denkender Ingenieur – das Recht, am planmäßigen Ende der Beschäftigungszeit kein Bedauern zu empfinden, sonder Genugtuung. Nicht darüber, dass er endlich geht, sondern dass es gelungen ist, gemeinsam ein vorher definiertes Ziel erreicht zu haben.

4. „Ich bin froh, wenn er sein Ziel erreicht hat“, wäre im zweiten Absatz Ihrer Einsendung eine nette Formulierung gewesen – verkürzt auf „ich bin froh, wenn er geht“, klingt es nicht so furchtbar freundlich.Es muss doch auch junge Menschen geben, mit denen Sie gern zusammengearbeitet haben und bei denen Sie es bedauern, dass die Zusammenarbeit nun endet.

5. Ich rate Ihnen zu einer der folgenden Varianten:

a) Der von mir inzwischen (das braucht seine paar Jahrzehnte) sehr geschätzte Kölner sagt in seinem Dialekt (den ich nicht sprechen und schon gar nicht schreiben kann) etwa „Seien Sie doch nicht so pingelig“ und „Man muss auch gönnen können“. Sie haben zwar recht mit Ihrem vorhersehbaren Ende und dem erreichten Ziel der ganzen Aktion, aber wenn es in diesem Lande denn nun einmal üblich ist, das Ausscheiden eines guten, geschätzten (!, also keinesfalls pauschal jeden) Mitarbeiters zu bedauern, dann bedauern Sie es eben. Ich schlage vor, in etwa 50 % aller Fälle (oder mehr).

b) Eigentlich interessiert es niemanden, ob Sie (den der Zeugnisleser gar nicht kennt), das Ende dieser Phase bedauern oder nicht. Um Sie geht es nicht. Aber man nimmt diese Floskel als zusätzlichen Hinweis, dass es sich beim beurteilten Mitarbeiter überwiegend um einen guten, sympathischen, brauchbaren Mitarbeiter gehandelt haben muss. Nur einen solchen aber haben Sie doch ausgewählt bei der Einstellung, nur einem solchen haben Sie die begehrte sehr gute Note für die Dissertation gegeben. Also bedauern Sie doch seinen Weggang ein wenig. Davon geht die Welt nicht unter.

Und wenn der Bursche hochintelligent und tüchtig war (daher seine Promotionsnote sehr gut), Sie aber im Übrigen genervt hat, na dann verlangt niemand, dass Sie sich zwingen (zum Bedauern).

c) Sie können natürlich auch eine größere Geschichte daraus machen, das Bedauern wegen der besonderen Gegebenheiten bei Promotionskandidaten verweigern und sich etwas anderes, aber auch Positives und dabei doch sachlich Korrektes einfallen lassen. Die Hauptsache ist, dass der Leser zweifelsfrei erkennt, was Sie gemeint hatten. Etwa so:“Mit dem Auslaufen des befristeten Arbeitsvertrages verlässt uns Herr … zum … Ich freue mich, dass er mit seiner Promotion das angestrebte Ziel erreicht und sich damit für eine anspruchsvolle Berufslaufbahn qualifiziert hat. Ich habe mit Herrn … sehr gern zusammengearbeitet und wünsche ihm für seine berufliche und private Zukunft weiterhin viel Erfolg und alles Gute.“ Beispielsweise. Die Hauptsache, es schimmert ein positives Urteil in Verbindung mit etwas „menschlicher Wärme“ durch.

Und wenn Sie jetzt sagen, Sie arbeiteten überhaupt niemals gern mit jemandem zusammen, kündige ich Ihnen die Freundschaft, die Sie mit Ihren netten einleitenden Worten begründet hatten.

Kurzantwort:

1. Unser gesamtes Leben ist von Ritualen, Formeln und Verhaltensweisen geprägt, die sich einer logischen Detailanalyse weitgehend entziehen.

2. Gerade im Arbeitszeugnis ist der Arbeitgeber gehalten, ruhig ein bisschen besser zu formulieren, als er es empfindet, das Kernwort heißt „wohlwollend“. Der Leser, der das weiß, zieht einen entsprechenden Anteil wieder ab. Na und?

Frage-Nr.: 2446
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-11-26

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