Heiko Mell

Kündigungsbegründung im Zeugnis

Frage: In der von Ihnen optimierten Fassung einer Kündigungsbegründung im Arbeitszeugnis (Frage 2.420) heißt es:

„Wir betonen ausdrücklich, dass die Gründe für diesen Schritt weder in den Leistungen noch in der Person von … liegen.“

Ist es nicht grundsätzlich so, dass Verneinungen meist nicht als solche erkannt werden und gerade daher durch eine Verneinung versteckt auf die „wahren“ Gründen hingewiesen wird?

Antwort:

Mein optimierter Absatz ist, wie Sie nachlesen können, deutlich länger, enthält mehrere verschiedene Aussagen (auch Hinweise auf die wahren sachlichen Gründe für die Entlassung), das engagierte Bedauern des Arbeitgebers, die Einschätzung des Entlassenen als wertvollen Mitarbeiter und die Zusicherung, dass man ihn unter anderen Umständen gern weiter beschäftigt hätte. In diesem Textzusammenhang wird es keine Interpretation im Sinne Ihrer Frage geben.

Sagen wir es so: Angenommen, Sie hießen Müller und morgen früh drückte Ihnen Ihr Chef aus heiterem Himmel einen Zettel in die Hand, auf dem stünde: „Herr Müller ist nicht faul und belästigt auch das weibliche Personal nicht.“ Dann fühlten Sie sich ganz bestimmt nicht sehr wohl und empfänden sich irgendwie erst durch diese Verneinung in die gefährliche Nähe zur Faulheit und sexuellen Belästigung gerückt. Wenn vorher von diesen Vorwürfen nie die Rede war, wäre es Ihnen lieber, der Zettel wäre nie geschrieben worden, obwohl der Text Sie formal nicht angreift. Aber in jenem Zeugnis galt es, die nun tatsächlich und unübersehbar erfolgte arbeitgeberseitige Entlassung zu „veredeln“. Wird einfach nur der Tatbestand (Entlassung) bestätigt und bleibt es bei dürren Worten, denkt jeder Leser „automatisch“ an mögliche Gründe in den Bereichen „Fachqualifikation“ und „Persönlichkeit“. Welches Unternehmen entlässt schon seine besten Mitarbeiter zuerst? Die inflationär (auch wegen der gerade überstandenen Krise) beschworenen „betrieblichen Gründe“ allein reichen nicht aus, um jeden Verdacht zu zerstreuen. Deshalb mein Entwurf eines verschiedene Aspekte abdeckenden „Gesamtkunstwerkes“.

Oder noch klarer: Der arbeitgeberseitig entlassene Angestellte steht sehr leicht pauschal unter „Verdacht“, er hätte schlecht gearbeitet (Fachqualifikation) und/oder es hätte „Schwierigkeiten“ mit ihm gegeben (Persönlichkeit). Und genau davon spricht meine Formulierung ihn frei. Auch im Strafrecht erhalten Sie als Angeklagter bestenfalls das Urteil, in diesem speziellen Fall unschuldig gewesen zu sein – Sie bekommen keine Bestätigung, Sie wären ein durch und durch edler Mensch. Und so sehr das Beispiel auch hinkt, es gibt doch noch eine Übereinstimmung: Schöner als eines Deliktes bezichtigt, angeklagt und freigesprochen zu werden, ist es ganz sicher, nie betroffen zu sein, von Anklagen nicht und nicht von Kündigung. Ich wünsche es Ihnen allen.

Tatsächlich wäre es nett, Sie fänden diese Serie nicht „gar nicht schlecht“, sondern „richtig gut“. Es sei denn, ich stünde inzwischen schon unter „Generalverdacht“, dem Sie entgegentreten wollten …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2437
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-10-06

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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