Heiko Mell

Bandbreiten: Abi- und Uni-Noten

Leser A: Seit Jahrzehnten lese ich Ihre Beiträge in den VDI nachrichten mit großem Gewinn, seit vielen Jahren sogar zusammen mit meiner Frau, die ebenfalls davon profitiert, zum einem zur realistischen Einschätzung der Verhältnisse im „richtigen“ Leben und zum anderen zur Vermittlung der Berufsrealitäten an ihre Schüler im Gymnasium.

Ihre Thesen und Schlussfolgerungen insbesondere zu Hochschultypen und Notenniveaus finde ich im Alltag immer wieder bestätigt. Dazu lief mir neulich ein Artikel über den Weg zum Thema Abitur- und Hochschulnoten.

Ich habe Ihnen diesen Artikel, der eine Studie von Sabrina Trapmann zu diesem Thema zitiert, als pdf beigefügt. Vielleicht freuen Sie sich, Ihre Erfahrungswerte bestätigt zu sehen.

Leser B (erreichte mich sowohl direkt als auch zusätzlich auf dem Umweg über die Redaktion, an die sie „vorsichtshalber“ ebenfalls noch geschickt worden war):

I. In Ihrer Karriereberatung in den VDI nachrichten vom 16.07.2010 schreiben Sie, dass es eine allseits bekannte Lebenserfahrung sei, dass Abiturnote und Uni-Abschlussnote nur um ± eine halbe Note variieren. Woanders habe ich das noch nie gelesen, bei Ihnen in ähnlicher Form aber schon mehrfach, und ich ärgere mich jedes Mal darüber. Ich selbst habe ein Abi von 3,4. Mein Informatikstudium habe ich mit 1,27 abgeschlossen. Außerdem habe ich drei Geschwister, bei denen die Differenz zwar nicht ganz so hoch ist, aber immer noch außerhalb der von Ihnen genannten Spannbreite liegt. Meine persönliche Erfahrung ist also eine andere. Aber betrachten wir das mal als Ausnahme, und ich gestehe Ihnen gerne zu, dass Sie hier sicher einen besseren Überblick haben werden. Vielleicht meinen Sie ja auch nur Ingenieure, aber dann sollten Sie das auch so schreiben.

II. Was aber wirklich nervt, ist die Tatsache, dass Sie Ihre Regel überhaupt nicht statistisch untermauern, sondern völlig undifferenziert, gleichsam auf dem Niveau einer Bauernregel raushauen. Es liegen doch wohl genug (zugängliche) Daten vor, mit denen man die Korrelation zwischen Abi- und Uninote belegen könnte? Und sollte es etwa keine signifikanten Unterschiede zwischen den Studiengängen und Unis geben? Das wäre ja kaum zu glauben.

III. Ihre Rubrik besteht leider in weiten Teilen aus solchen persönlichen Weisheiten, die nie statistisch fundiert sind, aber durch den Mell’schen Argumentationsschwall offenbar eindrucksvoll postuliert werden. Man muss sich dann aber auch nicht wundern, dass Sie die entstandene Verwirrung und Verunsicherung in dieser Ausgabe gleich mit drei Antworten wieder auflösen müssen – bzw. dürfen. Ich finde es doch erstaunlich, dass Sie auch noch die Gelegenheit bekommen und daran verdienen können, die Brände zu löschen, die Sie selbst gelegt haben. Dann argumentieren Sie auch noch, dass Sie ja gut sein müssen, weil die VDI nachrichten Sie sonst nicht so lange abgedruckt hätten. Das ist schon der blanke Hohn.

Antwort:

Antwort zu A: Es heißt in dem beigefügten Artikel aus der Wirtschaftswoche Nr. 25 vom 21.06.2010 (S. 80) unter der Überschrift „Noten als Indiz“:

„Beispiel Schulnoten: Als die Psychologin Sabrina Trapmann von der Universität Hohenheim 2007 sämtliche seit 1980 publizierten europäischen Studien analysierte, die sich dem Zusammenhang zwischen Schulnoten und Hochschulexamen widmeten, kam sie zu dem erstaunlichen Ergebnis: Die Abinote ist das ‚valideste“ Einzelindiz für den späteren Studienerfolg. Mit anderen Worten: Wer ein gutes Abitur gemacht hat, schneidet auch im Examen überdurchschnittlich gut ab.“

Dieser Eindruck drängt sich mir schon seit vielen Jahren auf. Wenn man sehr viele Bewerbungen um industrierelevante Positionen liest, dann stutzt man irgendwann über die hohe Übereinstimmung der ja hintereinanderliegenden Zeugnisaussagen von Schulen und Hochschulen. Die zitierte Untersuchung aus dem ganzen europäischen Raum stammt aus 2007. Da wussten meine Leser das schon: Eine auf die Schnelle gefundene ältere Aussage von mir dazu stammt z. B. aus meinem Buch „Karriereberatung Band 9“, in dem die Original-Beiträge in dieser Zeitung aus den Jahren 1992 und 1993 zusammengefasst wurden. Auf Seite 165 steht im „Service für Querleser“:

„Wie das Abitur, so das Examen – der Mensch bleibt seinem Standard treu.“ Es mag sogar ältere Hinweise geben, aber es gibt keine Systematik, mit der man sie aufspüren könnte.

So weit, so gut, mögen Sie, liebe Leser denken, eine nette, harmlose Geschichte – in der ein eitler Autor beweist, dass er es schon immer gewusst hat. Ach ja, die Einsendung A erreichte mich drei Tage nach der folgenden.

Antwort zu B: Die Nummerierung Ihrer Zuschrift mit I. bis III. ist von mir. Ich will Ihnen und anderen interessierten Lesern an diesem Beispiel etwas zeigen. Es geht mir nicht nur um Leserbriefe, ich denke auch an betriebsinterne Nachrichten, Beschwerden, Eingaben etc., die sehr oft diesem Muster folgen. Mir legen schon einmal Bei- und Aufsichtsräte die längeren Diskussionsbeiträge ihrer Geschäftsleitungen vor, und auch die passen nur zu oft in dieses Schema.

Zu I: Das ist die nüchtern-sachliche Zuschrift eines Mannes, der zu einem Thema Stellung nimmt. Sie ist Ihrer Uni-Note absolut würdig. Sie wägen sogar ab zwischen Ihren vier Geschwisterbeispielen und der mir vermutlich vorliegenden viel größeren Erfahrungsbasis. Das ist vorbildlich und alles überhaupt nicht zu beanstanden.

(Meine Antwort darauf: Ich verweise auf Einsendung A, auf etwa 15.000 persönlich geführte Vorstellungsgespräche und eine weit, weit größere Anzahl von gelesenen Bewerbungen in nunmehr 40 Berufsjahren. Dass sich die Beispiele und Aussagen in dieser Zeitung überwiegend auf Ingenieure beziehen, darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden.)

Zu II: Dann verlassen Sie diese Basis, argumentativ und auch sprachlich („Bauernregel“, „raushauen“). Noch kleiden Sie Ihren bissiger werdenden Angriff in Fragen: „Es liegen doch wohl genug (zugängliche) Daten vor …?“ Und Sie hoffen, dass Sie den „Gegner“ nun in der Ecke haben, weil er genau diese Daten nicht haben wird (hat er auch nicht, ich habe keine Zeit für Strichlisten).

Ihre Nr. I hat man noch verstanden. Bei Nr. II taucht schon die Frage auf, was Sie eigentlich wollen. Niemand glaubt, dass Beobachtungen wie meine (die Frau Trapmann in ganz Europa bestätigt fand) in jedem Einzelfall gelten. Immer und von allem gibt es Ausnahmen. Gerade in der IT-Welt, die Sie besser kennen, gilt doch: Oft funktioniert der Computer, aber manchmal eben auch nicht.Sie persönlich haben ein deutlich besseres Uni-Examen als statistisch nach Ihrem Abitur zu erwarten war. Seien Sie stolz darauf – und Schwamm darüber. Wenn 1.000 Briefe von Lesern kämen, die auch alle berichteten, meine Aussagen seien alle falsch, dann hätte es sich doch. Dann reichten diese Einsendungen als „Beweis“ meiner Niederlage völlig aus, da braucht es die – leichte – Eskalation in Nr. II gar nicht. Aber: Man kann es so machen, keine Frage. Und ohne III. hätte ich zu II. überhaupt nichts gesagt.

Zu Nr. III: Jetzt gehen die Pferde mit Ihnen durch: Angriff auf breiter Front, drauf auf den Kerl. Es geht nicht mehr um ein Thema, es heißt nur noch „nieder!“. Und immer unklarer wird, was Sie eigentlich wollen und warum. Ich freue mich über jeden Leser, auch wenn er nicht primäre Zielgruppe dieser Zeitung ist. Aber Sie scheinen sich massiv über mich zu ärgern, ganz sicher nicht nur über Ihr Abitur, das so gar nicht Ihrem geistigen Leistungsvermögen entsprach (warum das so ist, wäre eine sehr interessante Frage – die ich anlässlich einer Bewerbung stellen würde. Besteht doch der Verdacht eines je nach den Umständen schwankenden Leistungsbildes).

Da Sie gerade so schön in Fahrt waren, gab es schnell noch eine Kopie an „höhere Stellen“. Vielleicht bekommt ja dieser Autor daraufhin zusätzlichen Ärger.

Man fragt das eigentlich in einer Zeitung nicht: Aber wenn Sie diese Rubrik so furchtbar ärgert, warum lesen Sie sie dann immer wieder? Irgendwie passt Ihnen vermutlich die ganze Richtung im praktischen Berufsleben nicht. Ich habe die Regeln dort nicht gemacht, glaube aber, sie einigermaßen zutreffend wiederzugeben. Nur: Es nützt nichts, auf den Überbringer von als unerfreulich eingestuften Nachrichten einzuschlagen.

Und zu Ihrem letzten Argument: Wieso ist das Hohn? Ich bin externer Autor und werde sicher tatsächlich deshalb so lange abgedruckt, weil man das Geschreibsel für gut befunden hat (wobei ich „gut“ nicht verwendet hatte). Das ist nur zwingende Logik, mehr nicht.

Kurzantwort:

Wenn Sie ein kritisches Schreiben formulieren, achten Sie darauf, dass Sie sich nicht in pauschale Angriffe hineinsteigern. Das schmälert den Wert der Kritik. Und wer zu Zornesausbrüchen neigt, schlafe vor der Absendung eine Nacht.

Frage-Nr.: 2431
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-09-22

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