Heiko Mell

Wahr oder nicht wahr, das ist die Frage

Frage: Ich möchte aufgrund der Frage 2.338 („Protokolle der Mitarbeitergespräche beilegen?“) auf ein grundsätzliches Problem auf unserem Arbeitsmarkt und in unserer Gesellschaft eingehen: Widersprüchlich ist vielfach der Zwang zum Vorzeigen einer makellosen Weste oder hier eines entsprechenden Karriereverlaufs, obwohl das im praktischen Leben bei kaum jemandem vorkommt.

Es werden schillernde Fassaden erzeugt, hinter denen man nicht selten vom Leben enttäuscht wird. Wäre es daher nicht angebrachter, in einer Position wie der Ihren mit der Möglichkeit der Einwirkung auf einen Personenkreis auch für mehr Ehrlichkeit zu werben und generell zu befürworten, dass Personalabteilungen in Beurteilungen und Arbeitszeugnissen sowohl positive als auch negative Eigenschaften darstellen sollten?
Wenn das Standard wäre, gäbe es den inhaltlichen Widerspruch zwischen Arbeitszeugnis und Protokoll der Mitarbeitergespräche nicht mehr und auch der Fragesteller von 2.339 hätte, wenn er in allen seinen Entwicklungsstufen von der Kita über die Schule, über Studium bis zum Berufsleben immer mit sachlicher Kritik in Berührung gekommen wäre, weniger Probleme, damit umzugehen.

Dann gäbe es auch mehr Mut, den deutschen Meister, Ingenieur oder Dipl.-Ing. mit und ohne FH oder TU auch international bestehen zu lassen als sich zwangsweise auf Bachelor und Master umzustellen.

Antwort:

Ich breche das Zitat aus Ihrer längeren Einsendung hier ab, weil wir auch so schon genug Themen und Anregungen für eine Diskussion haben.

Aber als Randbetrachtung: Wissen Sie, was für eine Argumentationskette Sie so ganz nebenbei aufbauen? Ich zeige es Ihnen gern: Etwas – aber noch zulässig – verkürzt gesagt, weisen Sie mir die Schuld an dem Ersatz des deutschen Dipl.-Ing. durch Bachelor/Master zu: Hätte ich mehr auf einen großen Personenkreis eingewirkt und auf mehr Ehrlichkeit in Zeugnissen gedrängt, dann hätte es letztlich mehr Mut gegeben, sich dem Bachelor/Master zu widersetzen und unser schönes deutsches System zu erhalten. Aber ich habe nicht, und so fehlte uns Deutschen der Mut.

Wer viel schreibt, gerät schon leicht in Gefahr, sich einzubilden, er bewirke etwas. Viele selbstkritische Schreiber vor mir jedoch hatten Grund, daran zu zweifeln. Ich zweifle auch. Jedenfalls dann, wenn man die Latte so hoch legt, wie Sie das tun.

Ja, ich habe viele Leser nachdenklich gemacht, ihnen die Augen geöffnet, vielleicht in kritischen Situationen Hilfestellung gegeben und Fehlhandlungen vermeiden können. Briefe von Einsendern ohne und zu bestimmtem Anlass (Jubiläen der Serie) bestätigen das. Und ich habe noch mehr Leser wenigstens unterhalten können. Damit bin ich keineswegs unzufrieden.

Aber: Dies ist eine technische Zeitung. Sie wird von vielen, durchaus aber nicht von allen Ingenieuren gelesen. Personalabteilungen, so diese denn die Kraft zur Veränderung hätten, haben dieses Medium keinesfalls alle als Pflichtlektüre auf dem Schreibtisch – sie sind eher Kaufleute. Die eigentlich maßgeblichen Unternehmensleitungen lesen dies hier nur zu einem sehr geringen Teil.

Selbst wenn diese Einschränkungen nicht wären, bliebe immer noch die Sisyphusaufgabe, die Menschen in Entscheidungspositionen zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Das ist für einen einzelnen Schreiber in einem Medium dieser Struktur einfach unmöglich. Ich sage das so klar und widme mich dem so ausführlich, weil öfter Leser an mich appellieren, doch meinen vermeintlichen Einfluss zur Veränderung des Systems zu nutzen. Unabhängig von anderen Problemen (ich habe von dieser Zeitung das Mandat übertragen bekommen, ihre Leser über die Spielregeln des Berufslebens zu informieren, nicht jedoch mit flammenden Worten zur Veränderung des Systems aufzurufen) muss gesagt werden: Ein derartiger Einfluss ist einfach nicht gegeben. Und ich weise jeglichen Vorwurf zurück, auch nur daran beteiligt gewesen zu sein, einen deutschen Ingenieur plötzlich Bachelor zu nennen, von einer konkreten Schuld daran ganz zu schweigen. Was immer ich mir zurechnen lasse, das nun nicht.Konkret zum „Zeugnis“: Manches durchaus vernünftig klingende Vorhaben ist so gewaltig, dass man vom Versuch abraten muss. Die Geschichte mit dem „wahren“ Zeugnis ist solch eine Angelegenheit. Die heute geltende Variante ist durch Gesetz, höchstrichterliche und darunter erfolgte Rechtsprechung so vielfältig fixiert, dass eine Änderung der gängigen Praxis nur durch Gesetz möglich wäre. Dazu brauchen Sie eine parlamentarische Mehrheit. Das allein sollte Ihnen zu denken geben. Und um möglichen Ideen hier gleich entgegenzutreten: Die Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestages liest meine Beiträge vermutlich eher nicht und würde – ganz sicher – meinem Appell nicht folgen, ein wahres Arbeitszeugnis durch Gesetz zum Standard zu erheben.

Dieses Zeugnis würde etwa so aussehen:“Herr B. Eng. Max Mustermann, geboren am 17.03.1974 in Köln, trat am 01.04.2004 als Entwicklungsingenieur bei uns ein.

Zu seinem wichtigsten Aufgaben gehörten- …- …- …Trotz anfänglicher Bedenken hatten wir uns entschlossen, die Probezeit in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übergehen zu lassen. Maßgebend für unsere Zurückhaltung war eine anfangs stärkere, später nur noch abgeschwächt erkennbare Aufsässigkeit von Herrn Mustermann gegenüber Autoritätspersonen wie Vorgesetzten und Geschäftsführern.

Herr M. hat nach der Einarbeitung überwiegend durchschnittliches Engagement gezeigt und meist durchschnittliche Ergebnisse erzielt. Manchmal war er bereit, auf eindringliche Bitte seines Vorgesetzten Mehrarbeit zu leisten. Seine Stärke lag in der Routinebearbeitung eines vorgegebenen Spektrums von Bauteilen, eigene Aktivitäten zeigte er selten, neuen Ideen gegenüber verschloss er sich mitunter völlig.

Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten erfüllte zuletzt Mindestansprüche. Seine Kollegen begeisterte er durch den hohen Unterhaltungswert nie versiegender Diskussionsbeiträge.

Herr M. scheidet zum 31.07.2006 auf eigenen Wunsch bei uns aus. Wir sind dankbar für die uns eingeräumte Chance, die Position entsprechend unseren hohen Anforderungen neu besetzen zu können.

Für die Zukunft begleiten Herrn M. unsere besten Wünsche.“Niemand bezweifelt, dass es in der Praxis viele Fälle gibt, die eine solche Bewertung verdienen – also würde es auch viele „wahre“ Zeugnisse dieser Art geben. Das Problem dabei: Wer, glauben Sie, würde diesen B. Eng. (Ingenieur ist er ja nun auch nicht mehr) danach wohl einstellen? Sagen Sie nicht, in dem neuen Gesetz müsste auch stehen, was nicht geschrieben werden dürfte – das genau haben wir ja heute. Entweder lassen wir alles wie es ist oder wir plädieren für einschränkungslose Wahrheit. Glauben Sie, wir bekommen im von vielen durchschnittlichen Wählern abhängigen Parlament eine Freigabe für Texte wie oben gezeigt? Ich auch nicht.

Kern der ganzen Diskussion ist der Begriff „wahr“. Ich kann den Gesetzgeber irgendwie verstehen. Nehmen wir das mögliche Argument für Ihr Projekt: „In der Schule geht es doch; wenn Lehrer Noten geben können, dann kann ein Abteilungsleiter das auch.“ Kann er durchaus – manchmal. Aber immer? Die Lehrer hat der Gesetzgeber im Griff. Die sind Beamte, also staatlich-behördlichen Weisungen unterworfen, auf das Land vereidigt, nach Reglement ausgebildet, richtig mit Staatsexamen und so.

Das alles ist bei betrieblichen Vorgesetzten sehr(!) viel schwieriger und diffuser. Diese Leute lesen vielleicht Gesetze, vielleicht auch nicht. Sie gehorchen ministeriellen Weisungen vielleicht, wahrscheinlich eher nicht. Eine einheitliche Ausbildung haben sie nicht, eine pädagogische Schulung schon gar nicht. Die Lehrer dienen dem Staat, die betrieblichen Führungskräfte eher der Unternehmensrendite.

Ist die Wahrheit dieser Manager „wahr genug“? Wäre bei deren ungebremst geschriebenen Zeugnissen Willkür, Rache, letzter Ausfluss von Mobbing auszuschließen? Eher nicht. Sicher, ein paar große Unternehmen bekämen das hin, viele andere jedoch nicht. Da würden auf der Mitarbeiterseite Existenzen vernichtet (sowohl durch schlechte Zeugnisse, die wahr sind als auch durch solche, die nur aus Bosheit oder Unfähigkeit so formuliert worden wären). Wollen wir das, wird ein MdB seinen Kollegen fragen. Nein, das wird niemand riskieren. Und daher wird Ihr Vorschlag nie realisiert werden. Eher schon schafft man Zeugnisse ganz ab. Sagen Sie aber nicht, das ginge in anderen Ländern auch. Stimmt, aber die haben ein anderes Arbeitsrecht, sie können Angestellte problemärmer feuern – „leicht rein, leicht raus“ gilt dort, „schwer rein, schwer raus“ gilt hier. Und das Bewerten von kompliziert formulierten Zeugnissen ist Teil von „schwer rein“. Es passt halt alles irgendwie zusammen.

Und so verbringt heute die eine Hälfte unserer Personalfachleute ihre Zeit damit, das obige „wahre“ Musterzeugnis so zu formulieren, dass der Mitarbeiter damit nicht zum Anwalt läuft. Und die andere Hälfte arbeitet dann daran, hinter den harmlos klingenden Formulierungen der „wahren“ Beurteilung nachzuspüren. Das macht uns so leicht niemand nach im Rest der Welt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2357
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-10-08

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