Heiko Mell

„Wir waren nett zu ihm – aber er nicht zu uns“

Frage: Ich würde gern Ihre Meinung zu meinem kürzlich erstellten Arbeitszeugnis hören.
Vor allem: Wie werten Sie die Sätze zu meinem berufsbegleitenden MBA-Studium, wie würden Sie das als Bewerbungsempfänger deuten? Das Studium wurde zu 50 % vom Unternehmen und zu 50 % von mir finanziert, entsprechend gilt das auch für den Zeitaufwand.
Ich hatte einen Verpflichtungsvertrag bei meinem alten Arbeitgeber (Erstattung bestimmter Teile des Arbeitgeberanteils zum MBA-Studium bei Ausscheiden innerhalb bestimmter Fristen), mein neuer Arbeitgeber hat die daraus resultierende finanzielle Verpflichtung gleich zum Einstieg übernommen.

Antwort:

Sie waren Mitte 20, als Sie dort eintraten und blieben fünf Jahre. Die zentrale Tätigkeitsbezeichnung: Konstrukteur und Produktentwickler.In sehr ausführlicher Form werden im Zeugnis über 1,5 Seiten Aufgabendetails aufgelistet. Das Dokument ist zwei Seiten lang – da bleibt für den zentralen Punkt „Beurteilung“ nicht mehr viel, das sieht man sofort.

Von diesem kleinen Rest geht auch noch ein Absatz ab, in dem geschrieben steht, dass Sie bis zum … (Datum) ein vom Arbeitgeber gefördertes MBA-Studium absolvierten („mit sehr gutem Erfolg“ steht da noch, aber das hilft nicht viel, da Sie genau das auch anderweitig beweisen könnten).

Dann folgt in drei Zeilen die zentrale Bewertung („in vollem Umfang zufriedengestellt“). Das könnte man als „befriedigend“ einstufen.Danach heißt es, er war „in der Lage“, immer selbstständig zu arbeiten. Das ist nicht so eindeutig wie es die Formulierung gewesen wäre, Sie hätten es auch getan. Es ist nie ganz einfach festzustellen, ob hier jemand subtil formuliert oder „einfach so“ etwas hingeschrieben hat a) ohne nachzudenken und b) ohne böse Absicht. Aber möglich wäre es.

Dann noch „Verhalten einwandfrei“ (positiv, aber auf unterster Ebene der Skala). Schließlich noch: „Durch seine freundliche Art hat er sich allgemeine Anerkennung und Wertschätzung erworben.“ Heißt aber auch: nur durch Freundlichkeit, nicht durch Leistung oder Kompetenz. Für den flüchtigen, unkritischen Leser steht hier „allgemeine Anerkennung und Wertschätzung“, für den misstrauischen Leser steht: „Eben jene Wertschätzung, die man durch eine freundliche Art erwirbt – mehr nicht.

„Hatten wir schon „subtil“? Wir hatten, aber wir bekommen es noch einmal: Das Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“ wird bestätigt, aber es heißt „… zum heutigen Tag und nach Beendigung der oben genannten Weiterbildungsmaßnahme.“Das Ausscheiden wird kühl und knapp bedauert, für den Lebens- und Berufsweg (Reihenfolge kann kritisch interpretiert werden!) alles Gute und viel Erfolg.Also: Das Ende der Weiterbildungsmaßnahme wird zunächst korrekt mit Datum angegeben. Letzteres liegt genau drei Monate vor dem Ende des Arbeitsverhältnisses. Die darin enthaltene Aussage: „Sofort nach Abschluss der Weiterbildung, die uns viel Geld gekostet hat, ist er gegangen – für uns eine reine Fehlinvestition.“Nun hätte es ja sein können, dass es Zeugnisleser gibt, die so etwas nicht merken oder schlecht rechnen. Daher im Satz mit dem Ausscheiden der nochmalige Hinweis, Sie hätten das Haus sofort nach Beendigung der vom Arbeitgeber (teuer) geförderten Weiterbildung verlassen. Heißt übertragen: Ist menschlich nicht sauber, der Bursche. Lässt uns seine Qualifizierung bezahlen und geht am nächsten Tag – seid gewarnt, Bewerbungsempfänger.

Und, wer hat angefangen mit dem Streit? Vermutlich ja wohl Sie, geehrter Einsender. So zumindest wird es das Unternehmen sehen. Man hat Sie gefördert, hat sich das Geld kosten lassen (Studiengebühren + Arbeitszeit). Warum macht ein Unternehmen wie Müller & Sohn das? Nein, nicht etwa, damit anschließend Schulze & Tochter exzellent ausgebildete Leute bekommt. Sondern um selbst von der nunmehr deutlich höheren Qualifikation des zusätzlich geschulten eigenen Mitarbeiters zu profitieren. Ist das so schwer zu verstehen? Wohl nicht.Bleiben zwei mögliche Gegenargumente:

1. „Das Unternehmen hat doch eine Verpflichtungserklärung von mir bekommen. Die habe ich unterschrieben – und korrekt meinen fälligen Anteil (‚Vertragsstrafe“) bezahlt.“ Dass Ihr neuer Arbeitgeber das übernommen hat, ist in dem Zusammenhang unerheblich.

2. „Die hätten mir ja sofort einen meiner neuen MBA-Qualifikation entsprechenden, besser bezahlten, am besten mit Beförderung verbundenen Job geben können. Wollten sie aber nicht, konnten sie vielleicht nicht. Jedenfalls kam da nichts – aber fremde Firmen waren sofort dazu bereit.“

Zu 1: Die Firmen fördern nicht, um anschließend einen Teil(!) ihrer entsprechenden Investitionen erstattet zu bekommen. Ein geförderter Arbeitnehmer, der geht, stellt für den Arbeitgeber ein Verlustgeschäft dar, auch wenn er zahlt. Die Verpflichtung ist nur als eine Art „Bremse“ gegen allzu schnelle Spontanbewerbungen gedacht. Wer geht und korrekt zahlt, ist dennoch eine wandelnde Enttäuschung.

Stellen Sie sich das etwa so vor: Nach einem schweren Motorradunfall werden Sie aufopfernd von Ihrer Freundin Angelika gepflegt. Kaum genesen, brennen Sie mit der nächstbesten jungen Dame durch. Großzügig bieten Sie Angelika an: „… bin ich bereit, dir wegen gehabter Taxikosten für die Fahrt zur Klinik und anteilig für Pflegeleistungen Euro 500,00 zu überweisen.“ So sauer wie Angelika sein würde, so wütend war Ihr Arbeitgeber. Und dann setzte er sich hin und schrieb Ihr Zeugnis. Wes des Herz voll ist, des läuft der Mund über. Und das Herz war, man sieht es am Resultat, äußerst voll. Also lief der „Mund“, respektive die schriftliche Beurteilung im Zeugnis, über. Das lesen später andere, das ärgert jetzt Sie.

Wer seinen Arbeitgeber „sauer fährt“, bekommt ein schlechtes Zeugnis. Ich dachte bisher, das wüsste schon jeder.Und dann die menschliche Enttäuschung: Ihr Chef und der Personalleiter sind damals zum Geschäftsführer marschiert und haben sich für die Investition in Sie eingesetzt. Der GF hat misstrauisch und zweifelnd geschaut (was sein Job ist) und gemeint: „Sind Sie sicher, dass der Bursche das wert ist?“ Beide haben ihren guten Ruf dafür aufs Spiel gesetzt. Und nun? Was meinen Sie, hört sich der nächste Mitarbeiter an, der einen Förderungsantrag stellt? „Bedanken Sie sich bei Herrn Lehmann, der hat uns gezeigt, dass man damit nur Ärger hat.“

Zu 2: Bei Ihnen baut sich während des aufwändigen nebenberuflichen Studiums eine immer drängender werdende Erwartungshaltung auf: „Wenn ich erst MBA bin, dann …“ Die Quälerei muss sich doch lohnen!

Für den Chef jedoch sieht das so aus: Sie bleiben nach Überreichung der Diplomurkunde grundsätzlich derselbe Mensch wie zuvor. Mit allen Stärken und Schwächen. „Na schön, jetzt hat er ein Papier mehr. Wollen einmal sehen, ob ihn das nicht in die Lage versetzt, seine Aufgaben noch schneller und besser zu lösen.“ Ach ja, und: „Nun kann er ja wieder so richtig engagiert seine volle Arbeitszeit ableisten. Außerdem hat er Zeit für Überstunden.“ Beförderung: „Nun, im Moment ist nichts in Sicht. Es eilt ja auch nicht. Vielleicht ergibt sich in den nächsten zwei bis drei Jahren etwas.“ Aber eben nicht in den kommenden zwei Wochen.

Zur Situation: Beide Seiten haben Fehler gemacht.Sie wollten den beruflichen Fortschritt zu kompromisslos sofort. Sie haben nicht bedacht, dass bei Annahme von Investitionsgeschenken auch ein bisschen Dankbarkeit und Loyalität erwartet werden. Und Sie haben etwas naiv vermutet, wenn Sie brav nach Vertrag Ihre „Strafe“ zahlen, sei für die Gegenseite alles in Ordnung („Taxikosten für Angelika“).

Das Unternehmen hat formal im Zeugnis ebenso „korrekt“ alles niedergeschrieben. Auch der doppelte Hinweis auf Ihre Kündigung am Tage nach Abschluss der Weiterbildung ist ja nicht wirklich falsch. Aber halt schon ein bisschen gemein. Vom sozial stärkeren Arbeitgeber wird erwartet, dass er Ihr weiteres Fortkommen nicht über Gebühr behindert und bei weniger gravierenden Vorkommnissen eine gewisse Großzügigkeit an den Tag legt. Die fehlt hier, man war etwas kleinlich und hat Sie mit einem Dokument belastet, das noch in zwanzig Jahren bei Bewerbungen seine Botschaft hinausschreit.

Als Lösungsansatz: Reden Sie mit den Leuten. Lenken Sie ein und sagen Sie zur Eröffnung, Sie würden erst jetzt so richtig sehen, welchen Fehler Sie gemacht hätten. Etwas naiv hätten Sie gedacht, wenn die Firma ihr vertraglich festgelegtes Geld bekäme, sei alles gut. Sie bedauerten heute, Ihren alten Arbeitgeber enttäuscht zu haben. Und Sie bäten darum, Ihnen beim Zeugnis entgegenzukommen: Die Formulierung im letzten Absatz muss raus („… hat uns … nach Beendigung der o. g. Weiterbildungsmaßnahme … verlassen“), das Datum (von bis) des berufsbegleitenden Studiums sollte verschwinden – und nett wäre es, im zentralen Satz mit „zufriedengestellt“ ein „stets“ einzuschieben. Aber ein bisschen zerknirscht sollten Sie schon aussehen, und das Wort „Fehler gemacht“ schmückt Mitarbeiter aller Art (auch ehemalige) ganz ungemein.

Nun will auch ich noch etwas Ungewöhnliches tun – ich schließe diesen Beitrag mit einem öffentlichen

Appell an Arbeitgeber:

Sofern einer Ihrer Mitarbeiter eine umfangreiche Weiterbildungsmaßnahme von Bedeutung (Beispiel: Zweitstudium, ranghöheres Studium) beginnt, müssen Sie sich auf folgenden Effekt einstellen: Am Tage der Aushändigung seiner Urkunde über die frisch erworbene „Würde“ wird der Mitarbeiter eine Beförderung erwarten, Bekommt er die nicht, bewirbt er sich extern.Diese Erwartung ist überzogen und unrealistisch, das wissen wir alle. Aber sie ist da, und sie ist nahezu unausrottbar. Und wenn Sie den Mitarbeiter nicht verlieren wollen, müssen Sie etwas tun.Falls Sie diese Weiterbildungsmaßnahme auch noch aktiv gefördert haben, dürfen Sie dennoch „keine Gnade“ erwarten. Der Mitarbeiter ist jetzt plötzlich Dipl.-XX – und das setzt er am Markt in Angebote um: Wer am meisten bietet, bekommt ihn. Ja, Sie haben richtig vermutet: Zu den Kosten für die Förderung müssen Sie auch noch die Kosten für die höchste denkbare Gehaltserhöhung addieren. Sonst macht ein anderer Arbeitgeber das „Geschäft“. Der hatte die Förderungskosten nicht und kommt verhältnismäßig „billig“ an einen hochqualifizierten, berufserfahrenen Dipl.-XX.Natürlich sind nicht alle Mitarbeiter so. Aber doch so viele, dass die Warnung berechtigt ist. Und natürlich kann man die – übertriebene – Erwartungshaltung der Betroffenen nach z. T. jahrelanger freizeitfressender Quälerei auch ein wenig verstehen. Aber störend ist sie dennoch.

So, dann muss ich natürlich hier gleich auch den passenden

Appell an Arbeitnehmerformulieren:Jede Art von Weiterbildung ist nützlich – irgendwie, irgendwann. Und wenn sie einfach nur Ihr Selbstwertgefühl positiv beeinflusst, etwaige Unterlegenheitsgefühle abbaut oder Sie in die Lage versetzt, im vorhandenen (bisherigen) Aufgabengebiet nun brillant statt nur gut zu arbeiten. Und Ihre mittel- bis langfristigen Karrierechancen sind mit dem zusätzlichen Abschluss durchaus besser.

Also lehnen Sie sich, das neue Zeugnis in der Hand, aufatmend zurück und sagen Sie sich: „Meine Chance wird kommen.“ Aber es gibt keinen vernünftigen Grund, am Tage der Diplomüberreichung vom vorhandenen Arbeitgeber eine angemessene Beförderung zu erwarten – und zu gehen, wenn die nicht sofort erfolgt. Für Ihre bisherigen Chefs, die Sie ja genau kennen, bleiben Sie auch mit Zusatzdiplom erst einmal derselbe Mitarbeiter wie bisher. Aber wenn die zusätzliche Qualifikation etwas taugt, dann werden Sie ja jetzt zu besseren Problemlösungen, überzeugenderen Leistungen oder eindrucksvolleren Diskussionsbeiträgen in der Lage sein. Die wiederum bringen Sie grundsätzlich auch dem Aufstieg oder dem verantwortungsvolleren Job näher.

Hat aber der bisherige Arbeitgeber Ihre Weiterbildung aktiv gefördert, so haben Sie – unabhängig von vertraglichen Vereinbarungen – eine klare moralische Verpflichtung, nach Weiterbildungsabschluss noch einige Zeit (mindestens etwa ein Jahr) zu bleiben. Sonst gelten Sie als undankbar. Und das steht dann vielleicht im Arbeitszeugnis.

Kurzantwort:

Hat der Arbeitgeber eine aufwändige Weiterbildung aktiv gefördert, so muss der Arbeitnehmer, der die Firma unmittelbar nach Abschluss der Maßnahme verlässt, mit tiefgreifender Verärgerung seiner Chefs rechnen. Das gilt auch dann, wenn er schulterzuckend eine etwa vorher vereinbarte Kostenbeteiligung nachträglich leistet. Arbeitgeber bestehen aus lebenden Personen, die „menschlich enttäuscht“ werden können (was sie nicht zu warmherzigen Zeugnisformulierern macht).

Frage-Nr.: 2292
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-02-18

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