Heiko Mell

Was steht dort drin?

Frage: Seit etwa acht Jahren lese ich Ihre Serie. Sie hat mich in den Anfängen meines Berufslebens vor vielen dummen Fehlern bewahrt. Außerdem hat sie entscheidend dazu beigetragen, dass ich mit nur einer Bewerbung meine Wunsch-Arbeitsstelle bekommen habe, die ich in Kürze antreten werde. Durch Ihre Arbeit haben Sie mir geholfen, mich in die Denkweise von Bewerbungsempfängern und Vorgesetzten hineinzuversetzen. Dafür danke ich Ihnen herzlich!
Ich habe nun einige Fragen, die mein Arbeitszeugnis betreffen:

1. Wie würden Sie als Bewerbungsempfänger dieses Zeugnis bewerten?

2. Gibt es wieder, was mein Chef (mit dem ich sieben Jahre lang eng zusammengearbeitet und zu dem ich ein sehr gutes persönliches Verhältnis habe) mit seinem Entwurf ausdrücken wollte? Verfasst hat es eine mir nur flüchtig bekannte Personalreferentin.

3. Falls nötig: Wie gehe ich am besten vor, um eine Änderung des Zeugnisses zu erreichen?

4. Ist es ein Problem, dass das Zeugnis auf einen Tag datiert wurde, dem jeder ansieht, dass der nicht Ausstellungstag ist?

Antwort:

Beginnen wir mit Nr. 4, die Leser stellen sonst unnötige Vermutungen an:Ausscheidetag ist der 31.12., Ausstelltag auch. Und jetzt denken Sie: Jeder weiß doch, dass dieser Tag kein richtiger voller Arbeitstag ist (und außerdem hatte vielleicht Ihr Unternehmen damals sogar Werksferien). Das wäre zwar richtig gedacht – aber zu feinsinnig für die Belange der Praxis. Niemand nimmt Anstoß daran, ob der Ausstelltag Sonn- oder Feiertag ist oder ob der Unterzeichner damals Urlaub hatte.

Es ist verwaltungstechnisch absolut üblich, Zeugnisse auf den letzten formalen Arbeitstag zu datieren, über weitergehende Fragen in diesem Zusammenhang denkt niemand nach.

Zu Nr. 1: Dazu brauchen wir wesentliche Textstellen. Also:Namhaftes Großunternehmen; Sie waren erst Konstrukteur, dann „wegen sehr guter Leistungen“ Beförderung zum stellvertretenden Leiter einer kleineren Einheit. Es gibt diverse positive Bewertungselemente (sehr gute Fachkenntnisse, Offenheit gegenüber Neuem, Blick für das Wesentliche, immer termintreu). Dann der Kern: Resultate der Arbeit waren hervorragend. Lob von Selbstständigkeit und Kostenbewusstsein, zusätzliche Erwähnung positiver Elemente wie Entscheidungsfreude, Zielorientierung und sauberer Argumentation; genannt werden auch Engagement, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein.Verhalten gegenüber jedermann immer vorbildlich. Ausscheiden auf eigenen Wunsch. Dank für erfolgreiche Zusammenarbeit, alles Gute für die Zukunft. Ende.

Mein Eindruck: Viele positive Elemente, aber ich bin nicht so einschränkungslos beeindruckt, wie ich es wohl sein sollte.Damit es übersichtlich bleibt, konzentriere ich mich auf drei Kernpunkte:

– Es fehlt eine zusammenfassende (den Leser, der irgendwelche Zweifel haben könnte, stets befriedigende) Aussage zur Gesamt-Zufriedenheit des Arbeitgebers.

– Es fehlt jegliche Beurteilung Ihrer Führungsfunktion (zwar nur als Stellvertreter, aber immerhin).

– Es gibt kein Bedauern des Unternehmens über den „Verlust“, den Ihr Weggang ja dargestellt haben könnte.

Zusammenfassend würde ich sagen: Ein Dokument mit sehr positiven Detailelementen, das bei dem Versuch, ein rundum tolles Arbeitszeugnis zu sein, auf halbem Wege stecken geblieben ist. Und dann die Anschlussfrage, die man sich als Leser stellt: Absicht oder Zufall? Es wäre sogar denkbar, aus der Diskrepanz zwischen Ihren „hervorragenden Arbeitsergebnissen“ und dem, was fehlt einen Hinweis auf Mängel im persönlichen Bereich abzuleiten.

Schauen wir mal, was Ihr Chef eigentlich hatte sagen wollen (Frage Nr. 2); er hat das hauseigene Formular benutzt:Bei auf den Arbeitsplatz bezogenen Fähigkeiten, bei Einsatzbereitschaft, beim Verhalten zu Mitarbeitern und Vorgesetzten sind Höchstwerte angekreuzt (also 4 x sehr gut), bei Fachkenntnissen, Arbeitsqualität, Arbeitstempo, Ausdauer/Belastbarkeit und Pünktlichkeit/Termintreue wurde die zweite Stufe gewählt (also 5 x gut).

Das ist absolut nicht schlecht, insgesamt aber nicht „sehr gut“, sondern eher „gut +“.Dann hat er geschrieben, er nähme Sie wieder; er hat Sie als „sehr kompetent“ beschrieben – und frei formuliert, Sie würden eine nur schwer zu schließende Lücke hinterlassen. Dann fügt er ausdrücklich hinzu, das gelte sowohl fachlich als auch menschlich.

Damit gibt es keinen Zweifel mehr an Ihrer persönlichen Qualifikation – aber das erfährt der Zeugnisleser nicht. Und Sie hätten nach meiner Einschätzung sowohl eine positive Aussage zur allgemeinen Zufriedenheit des Arbeitgebers verdient („stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ entspricht „gut“) als auch einen Ausdruck des Bedauerns des Unternehmens darüber, dass Sie gegangen sind (gibt einen Pluspunkt).

Ein bisschen witzig finde ich, dass Sie die Zeugnisformulierung „hervorragende Resultate“ Ihrer Arbeit lt. Chef-Aussage gar nicht verdient hatten.Mit äußerster Vorsicht gesagt: Ich finde auf der Basis der mir vorliegenden Fakten die Umsetzung der Vorgesetztenbeurteilung im Arbeitszeugnis nicht so überzeugend, wie ein Unternehmen mit weltberühmtem Namen das eigentlich hinbekommen sollte (Aber: Sagen Sie das denen nicht, legen Sie nicht diesen Beitrag „als Beweis“ vor, das gibt nur Ärger – große Konzerne mögen keine Kritik von außen).

Damit nun zu Nr. 3, dem weiteren Vorgehen:

Sie sollten schon versuchen, im obigen Sinne noch etwas zu verändern. Aber behutsames Taktieren ist angesagt – Sie fordern nicht, Sie bitten. Zunächst sollten Sie Ihren (inzwischen früheren) Vorgesetzten ansprechen. Die Personalabteilung ist Service-Bereich für ihn, er ist deren „Kunde“. Also darf er auch Änderungswünsche anmelden und Verbesserungsvorschläge unterbreiten.

Besondere Vorsicht ist der Personalabteilung gegenüber geboten. Die hört genau so gern Kritik von Ihnen an ihrer Arbeit wie Sie sich über Äußerungen von denen freuen würden, die von Ihnen konstruierten Maschinen wären nicht „das Gelbe vom Ei“ gewesen. Also sagen Sie zunächst, Sie hätten mit Ihrem alten Chef gesprochen, der unterstütze Ihr Anliegen. Und dann führen Sie aus, Ihr Zeugnis sei sicher korrekt nach Konzernrichtlinie mit Textprogramm erstellt worden, aber … „Aber“ sind einige befreundete Manager, die auch Zeugnisse anlässlich von Bewerbungen läsen und ein Personalfachmann. Und die hätten gesagt, sie würden dieses Dokument so beurteilen, wie es oben ausführlich dargestellt ist. Und Ihr alter Chef würde sich auch noch nicht richtig interpretiert sehen, was sein Urteil über Sie anginge. Und Sie bäten darum, sich des Falles noch einmal anzunehmen, den Text noch einmal zu überprüfen. Dann ziehen Sie einen Textvorschlag aus der Tasche, aus dem die Veränderungswünsche deutlich hervorgehen. Auch dieser Text sei mit Ihrem alten Chef abgestimmt.

Und wenn ich mich gerade mit einem „großen Namen“ der deutschen Industrie anlege, kann ich auch noch einen Schritt weitergehen: Auch Ihr Chef hat zur Konfusion beigetragen. Indem er oben im Formular seine Kreuzchen so setzte, dass eine solide „2 +“ dabei herauskommt, aber weiter unten verbal Superlative vergibt („hinterlässt eine nur schwer zu schließende Lücke – sowohl fachlich als auch menschlich“). Was soll ein armes Computerprogramm, das mit vorgestanzten Textbausteinen arbeitet, daraus machen?

Kurzantwort:

1. Jedes Unternehmen ist verständlicherweise um eine individuelle Linie bemüht – auch im Personalbereich und eben auch bei der Zeugnisformulierung. Es ist jedoch im Interesse der Mitarbeiter, sich auf diesem Gebiet allgemein üblichen Gepflogenheiten anzuschließen und übliche Formulierungen zu verwenden.

2. Mit einem eventuell bewussten Absetzen von Zeugnis-Standards hilft ein Unternehmen niemandem. Beim Bewerbungsempfänger bildet die Mehrheit der ihm vorgelegten Zeugnisse den Standard. Abweichungen gehen schnell zu Lasten des Bewerbers.

Frage-Nr.: 2282
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-14

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