Heiko Mell

Erst frieren die Füße, dann friert der Bauch

Frage: Ich habe nach meiner Promotion für ein Jahr in einer Firma mit einer Handvoll von Mitarbeitern gearbeitet, die von einem älteren Inhaber geführt wurde. Danach habe ich dann den Sprung in ein Großunternehmen geschafft.
Um mein Arbeitszeugnis musste ich „betteln“. Obwohl ich den Inhaber rechtzeitig und mehrfach darum gebeten hatte, hielt ich am letzten Arbeitstag noch immer kein Zeugnis in den Händen. Nach zwei Telefonaten vom neuen Arbeitsort schickte er es mir endlich zu: Es stellte einen vollkommen unselbstständigen Mitarbeiter dar, die Formatierung war verrutscht, das Tätigkeitsfeld war nicht korrekt dargestellt, und es gab neben weiteren kleinen Fehlern am Ende keinen Dank für die geleistete Arbeit.
Ich suchte daraufhin wieder den Kontakt und versuchte, die Gründe für diese Unzulänglichkeiten und Fehler herauszubekommen. Der Inhaber sagte nur, ich würde das Zeugnis falsch verstehen und sollte eine dritte Meinung einholen. Die Beurteilung durch einen mir bekannten Leiter eines Unternehmens lautete: indiskutabel.

Diese Beurteilung sandte ich meinem ehemaligen Chef, der sich verleugnen ließ. Ob meiner Hilflosigkeit wagte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Schritt zum Rechtsanwalt. Auch diesem gegenüber ließ sich der Inhaber zunächst verleugnen. Der Anwalt blieb aber tapfer am Ball und einige Wochen später erhielt ich schließlich ein ordentliches, sauberes und inhaltlich korrektes Zeugnis mit einer zutreffenden „Gesamtnote“.
In Großunternehmen ist dies meist objektiver geregelt. Bei kleineren Betrieben kommt eine Fehlbeurteilung oder kommen sonstige Schwächen offensichtlich aufgrund von Zeitmangel oder „keine Lust“ vor. Kämpfen lohnt sich in jedem Fall!

Antwort:

Alles ist anschaulich geschildert, der darin liegende Hinweis auf mögliche Ausreißer aller Art (es gibt auch solche auf der positiven Seite!) gerade bei inhabergeführten Kleinbetrieben ist berechtigt, die Geschichte hat ein gutes Ende – nur der Schluss, den Sie ganz am Ende ziehen, ist falsch. Ein pauschales Vorgehen nach der Devise „Kämpfen lohnt sich“ kann sogar existenzgefährdend sein.

Sehen Sie, da lagen Sie im Bett, hatten eine viel zu kurze Bettdecke und Ihre Füße waren entsetzlich kalt. Nun zogen Sie die Decke nach unten. Da wurden die Füße warm. Daraufhin glaubten Sie, eine Lösung für solche Fälle gefunden zu haben – etwa „es lohnt sich auf jeden Fall, die Decke über die Füße zu ziehen“. Schön, sagt der Fachmann, kann man tun, aber dann friert früher oder später der Bauch.

Denn: Sie hatten ein Loch gestopft, das Zeugnis war jetzt gut. Aber Sie haben damit ein neues aufgerissen, in das Sie leicht hineinstolpern können (können, nicht zwangsläufig müssen):

Der Einsatz von bestimmten „Hilfstruppen“ in bestimmten Auseinandersetzungen hat dem „Gegner“ gegenüber ein großes bis extrem großes Verärgerungs- bis Wutpotenzial. Sehen Sie, mein Nachbar kann beispielsweise wünschen, ich möge meinen Zaun um 10 cm zurückversetzen. Soll er. Aber wenn er mir das über einen Anwalt („im Namen meines Mandanten“) mitteilen lässt, hat er „Krieg“.

Arbeitnehmer, die bei ihrem Arbeitgeber penetrant irgendetwas erreichen wollen, werden schnell als lästig empfunden. Aber Angestellte, die dem Arbeitgeber gegenüber Anwälte einsetzen, können(!) Feindschaften begründen. Was das noch schaden kann, wo der frühere Chef doch jetzt das bessere Zeugnis herausgerückt hat?

Nun, das neue Arbeitsverhältnis im Großbetrieb könnte nach ein bis zwei Jahren zwangsläufig zu Ende gehen, ein neues muss dringend her. Dem Bewerbungsempfänger kommt etwas an der Gesamtqualifikation der Bewerberin „verdächtig“ vor und er beschließt, den im Lebenslauf auftauchenden früheren Arbeitgeber um eine persönliche Beurteilung zu bitten. Schön, aus dieser Phase liegt ein gutes, unauffälliges Zeugnis vor – aber das beweist nichts, man weiß ja, wie so etwas zustande kommen kann (nur kritische Zeugnisse „beweisen“ etwas; der Mensch denkt halt so, daher sind gute Zeugnisse eine Mindestvoraussetzung).

Der potenzielle neue Arbeitgeber ruft also den Verfasser jenes alten Dokumentes an. „Barbara Müller?“, schäumt der, „und ob ich mich an die erinnere. Erst lief es mit ihr ja ganz gut, aber dann wollte sie unbedingt woanders hin. Na schön, damit muss ich leben, auch wenn es mir viel zu früh erschien. Aber dann das Zeugnis: Erst war es ihr nicht gut genug, dann war es nicht schön genug geschrieben, dann fehlte dieses, dann noch jenes. Dann kam sie mir noch mit einem Gutachten eines angeblichen Fachmannes. Ich hatte ja schließlich auch noch andere Arbeiten zu erledigen und war ihr wohl in meinen Reaktionen zu langsam. Jedenfalls hetzte sie mir Anwälte auf den Hals. Nicht einmal, sondern immer wieder. Nun, mein Anwalt riet mir dann um des lieben Friedens willen zum Kompromiss – man weiß ja, dass Arbeitsgerichte ohnehin Arbeitnehmer begünstigen. Sie wollten ja von mir etwas hören, hier meine Empfehlung: Wenn Sie jemanden einstellen wollen, der Ihnen eines Tages mit Anwälten kommt und mit Gerichten droht, dann man los. Meinen Segen haben Sie.“Ich will hier keine Panik verbreiten. Weder der Anruf überhaupt, noch die Aussage des alten Chefs müssen so geschehen. Aber sie könnten! Und dann friert Ihr Bauch.Was Sie in solchen Fällen hätten tun können oder sollen?

1. Ein gewisses Grundrisiko liegt in der Firmengröße und in der Führung durch einen älteren Inhaber (der das Zeugnisschreiben als lästig, durch blödsinnige Formvorschriften eingeengt empfindet oder einfach desinteressiert an „Verwaltungskram“ sein könnte). Man sollte dann gewarnt sein.

2. Die Art der Kündigung oder Mitteilung, man ginge jetzt woanders hin, ist ganz entscheidend für das „Klima“ ab diesem Zeitpunkt. Wer klug ist, gibt sich viel Mühe, dabei „nett“ zu sein (Dank für das Gelernte, Lob der Zeit dort, Bedauern, jetzt da leider, leider weggehen zu müssen etc.).

Dieser Aspekt ist auch im Großbetrieb wichtig – aber ein Chef dort ist nur ein schwacher Abklatsch (emotional gesehen) eines Firmeninhabers („ich bin das Unternehmen“, was ja auch stimmt). Oft gilt bei dem: Wer geht, begeht eine Art Hochverrat.

3. Ich habe hier oft gesagt: Kümmern Sie sich um die „Seelenlage“, die Befindlichkeiten, die Vorlieben und Abneigungen Ihres Chefs. Fragen Sie ihn (Vorsicht), fragen Sie Kollegen mit längeren Dienstzeiten, werten Sie Vorkommnisse aus, bilden Sie sich ein Urteil. Und dann wissen Sie, dass dieser hier mit Dingen wie Zeugnissen Schwierigkeiten haben oder machen wird. Darauf bauen Sie Ihre Strategie auf.

4. Empfehlenswert für solche Fälle: Sie gehen rechtzeitig auf ihn zu und sagen etwa: „Nun wird in Kürze auch mein Arbeitszeugnis fällig. Für mich als Arbeitnehmer (er ist keiner und denkt anders!) ist das ja außerordentlich wichtig, ich muss es während meines gesamten künftigen Berufslebens immer wieder vorlegen. Ich weiß nicht, wie Sie das handhaben möchten: Wenn Sie wollen, mache ich schon einmal einen Entwurf, den können Sie dann selbstverständlich Ihren Vorstellungen anpassen. Aber Sie müssen dann nicht mehr überlegen, was ich alles getan habe.“Oft will er. Wenn Sie den Entwurf (vergessen Sie nicht, das Wort darüber zu setzen) vorlegen, sagen Sie, erkennbar etwas verlegen: „Also es ist mir jetzt etwas peinlich. Aber wir hatten ja vereinbart, dass ich einen Entwurf ausarbeite. Damit habe ich auch gleich einen Vorschlag für die Beurteilung machen müssen. Aber das soll nun wirklich nicht mehr sein als ein Rohkonzept. Hätte ich gewusst, wie schwer es ist, sich selbst zu loben, hätte ich den Vorschlag gar nicht gemacht.“ Sprach’s und lobte sich nach Kräften. Aber es war Ihnen zumindest peinlich, das entlastet Sie etwas.

5. Es ist unwahrscheinlich, dass Sie Fachmann/-frau für Zeugniserstellung sind und es lohnt sich nicht, es für die seltenen Fälle zu werden. Lassen Sie Ihre Ausarbeitung fachmännisch optimieren (z. B. Internet, Suchmaschine, Stichwort „Zeugnisoptimierung“).

Und Anwälte mögen mir verzeihen wegen dieses Beitrags. Er richtet sich nicht gegen sie. Aber das routinemäßig-freundliche „Wir sehen uns dann vor Gericht“ ist für Nicht-Juristen ein massiver persönlicher Angriff, der ebenso massive Abwehrmaßnahmen herausfordert. Juristische Laien denken nun einmal so.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2164
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-10-12

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