Heiko Mell

Gestrauchelt u. a.

Frage: Ich bin in meiner beruflichen Karriere gestrauchelt.
Ich bin Dipl.-Ingenieurin (FH), Ende 20, und habe nach dem Studium über drei Jahre erfolgreich als Projektleiterin in einem Marktforschungsinstitut gearbeitet.
Vor sieben Monaten habe ich eine Stelle als Applikationsingenieurin in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen angetreten. Die Aufgabenstellung in dieser neugeschaffenen Stabsstelle ist äußerst interessant. Mein Chef ist Geschäftsführer. Trotz großer Bemühungen konnte ich kein Vertrauensverhältnis zu ihm aufbauen. Alle Kollegen haben mir bestätigt, dass es nicht einfach ist, seine Launen auszuhalten und zu verstehen, was er will.

Vor einigen Monaten gab es ein Gespräch mit meinem Chef, in dessen Verlauf ich einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet habe, der eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses in mehreren Quartalen vorsah. Dieser Vertrag wäre zerrissen worden, wenn ich die Anforderungen meines Chefs in den nächsten Monaten voll erfüllt hätte – und ich hätte dann einen unbefristeten Arbeitsplatz gehabt.

Die Arbeitssituation hat mich aber in Folge dieser gesamten Umstände derart belastet, dass ich psychosomatische Beschwerden bekam. Mein Chef hat immer wieder meine Person, nicht meine Arbeitsleistungen, kritisiert. Schließlich habe ich mich, auch auf Anraten meines Arztes, zu einer Kündigung entschlossen, obwohl ich noch keine neue Arbeitsstelle habe. Ich weiß, dass dies jeglichen Karrieretipps widerspricht, war aber nicht in der Lage, mich aus meiner Situation heraus bei anderen Firmen zu bewerben.

Der Personalleiter will mir nun ein einfaches Arbeitszeugnis ausstellen. Er sagt, dass ich die kurze Dauer des Arbeitsverhältnisses bei Bewerbungen sowieso begründen muss und dass ein qualifiziertes Arbeitszeugnis nicht sinnvoll ist.

Soll ich mich mit einem einfachen Arbeitszeugnis zufrieden geben, da ich von meinem Chef sowieso keine gute Bewertung zu erwarten habe? Wie kann ich meinen „Fehltritt“ bei zukünftigen Bewerbungen am geschicktesten erklären?Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen einige ehrliche und wertvolle Tipps zu bekommen!

Antwort:

Der Schlüssel zu der ganzen Problematik steckt in einem einzigen kurzen Satz, dem Sie erkennbar keine Aufmerksamkeit gewidmet haben. Ich komme darauf zurück.In Ihrem Interesse ebenso wie in dem potenzieller Nachahmer(innen) müssen wir uns den Ursachen und Hintergründen widmen. Außerdem wird man besser mit einer Situation fertig, wenn man weiß, warum sich alles so entwickelt hat.

Gehen wir die Dinge, Ihrer Zuschrift folgend, der Reihe nach durch:

1. Sie haben ein Abitur mit 1,3 (fast alle Noten lauten sehr gut). Damit darf man Sie mit Fug und Recht eine intelligente junge Frau nennen. Intelligenz ist eine Eigenschaft, die den „betroffenen“ Menschen eine Menge Ärger einbringen kann – sofern man sie (die Intelligenz) nicht „zähmt“. Die schlimmste aller möglichen Auswirkungen wäre ein Auftreten nach der Devise „Sehet her, wie klug ich bin.“ Es ist nicht bewiesen, dass Sie das tun.

2. Sie haben auf der Basis dieses glänzenden Abiturs ein FH-Studium gewählt. Das kann man machen. Aber so richtig ausgelastet (intellektuell) waren Sie dabei nicht. Ein im wissenschaftlich-theoretischen Bereich noch anspruchsvolleres Uni-Studium hätte Sie vielleicht noch anders fordern und formen (sowie näher an Ihre Grenzen führen) können.

Abiturienten pflegen ihr FH-Examen im Schnitt eine Note besser abzuschließen als ihr Abitur. Schön, niemand verlangt von Ihnen 0,3 als Examensnote, aber Sie haben eine irgendwo enttäuschende 1,5 (die für einen Studenten mit einer Fachhochschulreife von 2,2 hervorragend gewesen wäre).

3. Nun waren Sie dann frischgebackene Dipl.-Ingenieurin für Verfahrenstechnik, gingen in ein Marktforschungsinstitut und leiteten Marktforschungsprojekte im internationalen Bereich, aber in einem anderen Fachgebiet als es Ihrem Studienschwerpunkt entsprochen hätte. Das Zeugnis aus dieser mehr als dreijährigen Tätigkeit ist uneingeschränkt sehr gut.

4. Kurz vor Antritt Ihres zweiten, so problematisch geendeten Arbeitsverhältnisses haben Sie ein Fernstudium zur Journalistin begonnen, das noch andauert.

Wir haben also bisher: ein tolles Abitur, ein dafür beinahe enttäuschendes FH-Examen der Verfahrenstechnik, eine mehrjährige erfolgreiche Tätigkeit in der Marktforschung einer ganz anderen Branche und eine nachfolgende Tätigkeit als Applikationsingenieurin (Produktmanagement) im mittelständischen Maschinenbau sowie ein neues Weiterbildungsengagement im schreibenden Bereich. Verstehen Sie, dass kaum etwas davon zueinander passt, dass man eine durchgängige Lebensplanung (beruflich gesehen) vermisst, dass ich Einser-Leute sehr schätze, dass sie aber auch für manche meiner Stirnfalten verantwortlich sind?

Kürzer: Es wäre ein Wunder, wenn hinter dem allen eine problemlos überall integrierbare Standard-Persönlichkeit stecken würde.

5. Ihr heutiges Metier, den (bodenständigen) mittelständischen Maschinenbau, kannten Sie vorher noch gar nicht. Niemand passt überall hin, fast jeder stößt irgendwann einmal an seine Grenzen, was bestimmte Arbeitgebertypen angeht. Mit hoher Sicherheit sind Sie jetzt auch noch auf eine klassische Männerwelt gestoßen. Man hat Sie dort eingestellt und Ihnen damit eine Chance gegeben. Aber dabei hat man vermutlich gehofft, Sie würden so sein wie die typischen anderen Mitarbeiter dort. Diese Hoffnung scheint sich nicht erfüllt zu haben.

6. Neugeschaffene Stellen sind ebenso sehr gefährlicher als alteingeführte Standard-Jobs wie sie reizvoller zu sein scheinen. Man kann an zwei Hürden scheitern:

a) als Person (wie sonst auch) und

b) kann sich in den Augen des Chefs die Neuinstallation nicht bewähren. Oder: Die Chancen, die Probezeit zu überleben, sind größer, wenn es die Position schon immer gab und der Chef nur schaut, ob man ebenso gut arbeitet wie der Vorgänger.

7. So, der Geschäftsführer-Chef ist also schwierig. Gibt es auch noch andere? Und die Kollegen finden auch, …? Vergessen Sie das. Kollegen finden immer, … – aber die sind alle noch da, sind nicht psychisch „angeknackst“ und mussten nicht ohne neuen Job kündigen.

8. Ich finde, Ihr Chef hat sich viel Mühe mit Ihnen gegeben. Er hat nicht die leichte Variante gewählt, Ihnen einfach innerhalb der Probezeit zu kündigen. Mit dem Aufhebungsvertrag zu einem ungewöhnlich späten Datum hat er Ihr Arbeitsverhältnis in eine Art befristetes umgewandelt und Ihnen damit eine sehr lange Bewährungsfrist eingeräumt. Dass er damit eine etwas weniger robuste junge Frau unter enormen Druck gesetzt hat, dem sie nicht gewachsen war, hat er sicher nicht bedacht. Aus seiner Sicht war das alles irgendwie fair (und eine andere Sicht hat er nicht).

9. Nun schnell das Zeugnis: Ich stimme Ihrem Personalleiter zu: Mit einem klassischen qualifizierten Dokument könnten Sie nichts gewinnen, es wäre zwangsläufig schlecht. Theoretisch hätte darin stehen müssen: „Sie hat zwar gekündigt, wir hatten aber auch bereits Vorkehrungen getroffen, sie loszuwerden.“ Was wollen Sie unter den Umständen in den einzelnen Bewertungskriterien erwarten?

Berücksichtigen Sie bitte auch, dass Ihr Chef zutiefst(!) davon überzeugt ist, nicht etwa er sei irgendwie schwierig, sondern Sie seien unmöglich, verhielten sich falsch o. Ä. m. Der könnte gar nicht anders, als dies irgendwie in einem qualifizierten Zeugnis zum Ausdruck zu bringen – wenn man ihn zwingt, eines zu formulieren.

10. Zum Kern des Problems: Ich glaube nicht, dass Sie zufällig an den einzigen Chef in Deutschland geraten sind, mit dem Sie nicht „können“. Ich bin hingegen überzeugt, dass Sie es mit einem typischen Vertreter dieses Wirtschaftszweiges zu tun haben. Ihn können Sie nicht zufrieden stellen. Konkret: Das kann sich unter ähnlichen Voraussetzungen wiederholen!

Dass Sie auf die Probleme mit psychosomatischen Beschwerden reagiert haben, sollten Sie als Warnsignal sehen: Ihre Belastbarkeit ist, vorsichtig gesagt, begrenzt. Indiz: Die Kollegen haben denselben Chef, meckern auch, sehen aber nicht den einzigen Ausweg in einer Spontan-Kündigung.

Ja und dann Ihr zentraler Satz, hinter dem sich die Lösung verbirgt, die Sie uns jedoch vorenthalten: „Mein Chef hat immer wieder meine Person … kritisiert.“ Und? Was wirft er Ihnen denn vor? Irgendetwas haben Sie an sich, was ihm missfällt. Das ist Berufsalltag! Die meisten Angestellten scheitern wegen „persönlicher“ Differenzen, Eigenschaften oder Fähigkeiten, nicht so sehr wegen fachlicher Fehlleistungen.

Wenn Ihr Chef Sie kritisiert hat, dann vermutlich mit Details, zumindest mit Andeutungen. Das gibt Ihnen die Basis für Veränderungen des eigenen Verhaltens/Auftretens, sofern Sie den beruflichen Erfolg dauerhaft wollen. Es bringt Sie nicht weiter, die Schuld bei ihm zu suchen. Erst wenn Sie erkennen: „Ich habe etwas falsch gemacht – und er hat mir den Weg gewiesen, wie ich ihn hätte mehr zufrieden stellen können“, ist eine dauerhafte Verbesserung Ihrer Chancen, in dieser Berufswelt zu überleben, im Bereich des Möglichen.

11. Als Rat für die Zukunft:

a) Meiden Sie jene spezielle „Welt“, in der Sie „gestrauchelt“ sind. Die Wiederholungsgefahr ist zu groß. Alle Chefs einer bestimmten Arbeitgeberkategorie ähneln einander. Halten Sie sich von neugeschaffenen Stabsstellen bei Geschäftsführern mittelständischer Maschinenbauunternehmen fern – am besten meiden Sie alle diese Kriterien, ob einzeln oder zusammen.

b) Ihre psychosomatische Belastung und den daraus resultierenden „Kündigungszwang“ darf es nie gegeben haben – potentielle Arbeitgeber reagieren äußerst negativ auf entsprechend sensible, für Wiederholungen anfällige Bewerber (ja, diese Welt ist nicht gerecht, sie kennt den Begriff gar nicht).

c) Unter dem Zeitdruck und unter der psychologischen Belastung, die jetzt bei Ihnen herrschen, ist das Finden eines Traumjobs völlig illusorisch. Gehen Sie beispielsweise lieber dorthin, wo Sie lt. Zeugnis erfolgreich gearbeitet haben – in die Marktforschung, notfalls zum alten Arbeitgeber zurück. Alles (jede Art von halbwegs sinnvollem Job) ist besser als nichts (länger andauernde Arbeitslosigkeit). Irgendeinen Preis zahlen Sie für die Niederlage in jedem Fall.

d) Je weiter Ihr nächster Bewerbungsempfänger vom Firmentyp Ihres heutigen Unternehmens entfernt ist, desto überzeugender und offener können Sie dort argumentieren, Sie hätten mit dem Eintritt bei diesem Unternehmen einen Fehler gemacht, hätten dort nie hingehen sollen, passten dort überhaupt nicht hin. Das sei nicht Ihre Welt. Wenn der potenzielle neue Arbeitgeber Beispiele hören will, dann schimpfen Sie nicht auf Ihren Chef, lassen Sie den besser ganz heraus. Reden Sie hingegeben sachlich über die dort vorherrschenden Strukturen, über Arbeitsweisen, spontane bzw. persönlich gefärbte Entscheidungen, aber betonen Sie stets, Sie hätten das nicht zu kritisieren, Sie hätten dort nur nicht hingepasst („Mein Fehler“ – das kommt, insbesondere von jungen Leuten gesagt, gut an, weil es extrem großen Seltenheitswert hat).

e) Wer Sie jetzt zur Vorstellung einlädt, akzeptiert Sie ja problemlos sowohl als Fachkraft als auch als Frau. Aber Sie könnten – vermutlich wahrheitsgemäß – auch noch erzählen, dass Sie (als Frau) in diesem speziellen mittelständischen Maschinenbaubetrieb als enge Mitarbeiterin der Geschäftsführung eine Art „weißer Rabe“ gewesen seien, fast alle anderen maßgeblichen Positionen seien von Männern besetzt. Die seien persönlich alle sehr nett zu Ihnen gewesen, aber Sie hätten in dieser neugeschaffenen Position zusätzliches Misstrauen überwinden müssen, das Sie anfangs unterschätzt hätten.

(Nein, liebe feministisch angehauchte Kritiker, sie soll sich nicht für ihr Geschlecht entschuldigen. Sie hat aber eine verheerende berufliche Niederlage erlitten. Und wenn sie keine gute, sie als Bewerberin nicht belastende Erklärung findet, stellt man sie nirgends ein. Im Marketing, insbesondere in der Marktforschung, sind zahlreiche Frauen tätig. Dort versteht man diese Darstellung sofort. Ob es eine rundum gute „Ausrede“ ist, muss man abwarten.)

PS: Ich hätte schon gern gewusst, was denn jener Chef im „persönlichen“ Bereich kritisiert hat. Es hätte vielleicht ja auch anderen zur Warnung dienen können. So bleibt mir nur die allgemeine Botschaft: Nehmen Sie jede Art von Chef-Kritik ernst. Am Ende davon kann – s. o. – der Jobverlust stehen. Und: Seien Sie ruhig intelligent, aber lassen Sie es andere nicht merken. Außer Sie sind Berater.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2136
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-06-22

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