Heiko Mell

Zwischenzeugnis nach drei Jahren

Frage: Wie beurteilen Sie mein beigefügtes Zwischenzeugnis, das mir auf eigenen Wunsch anlässlich eines Aufgaben- und Vorgesetztenwechsels nach ca. dreijähriger Firmenzugehörigkeit ausgestellt wurde?
Es handelt sich um eine Sachbearbeiterposition mit teilweiser Projektverantwortung. Das Unternehmen hat mehr als 5.000 Mitarbeiter.

Antwort:

Das Dokument umfasst etwa 1,5 Seiten – das ist angemessen.

Nach den Angaben zur Person, zum Eintritt und zur Position folgt eine längere Punkt-Aufzählung der Aufgabendetails. Das ist informativ und üblich. Die dabei gewählten Formulierungen klingen positiv-anspruchsvoll („Leitung einer …-Gruppe, Projektleitung, eigenverantwortlich“).

Die Fachkenntnisse werden als „exzellent“ beschrieben und als „stets sehr erfolgreich eingesetzt“: sehr gut.

Ergebnisse sind „stets gut“, die gelieferte Menge ist „stets groß“: alles gut.

Sie arbeiten „selbstständig und effizient“: gut.

Wichtig und sehr gut: „immer große Eigeninitiative und überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft“.

Dann die Kernaussage: „mit seinen Leistungen stets voll zufrieden“.

Das ist gut – und liegt knapp unter dem Gesamturteil, das der Leser bis dahin erwartet hätte. Nun, für „gut bis sehr gut“ gibt es keine Schulnoten-Formulierung, also hat man sich entscheiden müssen. Und ein uneingeschränkt sehr gutes Gesamturteil war nach den Detailaussagen auch nicht gerechtfertigt.

Sehen wir einmal, ob noch etwas kommt. Es kommt: Die Führung und das Verhalten gegenüber Ihren Chefs sind „stets einwandfrei“. Da gibt es bessere Formulierungen! Hier also steckt des Pudels Kern (frei nach Goethe). Denn „Die Zusammenarbeit mit Kollegen ist immer sehr gut.“ Sieh an, sieh an. Umgekehrt würde ein Schuh daraus! Sie sind nicht vorrangig zur Erheiterung Ihrer Kollegen da – vor allem gilt es, Ihre Chefs, die den Sie bezahlenden Arbeitgeber repräsentieren, zu begeistern! Haben Sie aber nicht.

Leute aus „anderen Konzernbereichen“ schätzen Sie, heißt es weiter. Wie schön – aber Ihre Vorgesetzter beurteilen das Verhältnis zu Ihnen eben doch zurückhaltender, dieser Unterschied fällt auf.

Dann kommt eine korrekte Information zum Anlass der Zeugnisausstellung. Gedankt wird für gute (da ist die Schulnote wieder) Leistung, man hofft auf weiterhin erfolgreiche Zusammenarbeit (Routine-Formulierung).

 

Zusammenfassung: Dies ist eine freie Interpretation – Zeugnisformulierungen sind äußerst schwierig, durch zahlreiche Vorschriften und Urteile eingeengt. Sie werden von Könnern oder Amateuren geschrieben, von brillanten Köpfen oder von Ignoranten gelesen und ausgewertet. Zwischenzeugnisse sind zusätzlich problematisch, da der Mitarbeiter weiterhin dort tätig ist, aus zu guten Formulierungen Ansprüche ableiten und durch zu kritische Aussagen demotiviert werden könnte.

Ich ziehe meinen Hut vor diesen Verfassern, die das Kunststück fertiggebracht haben, eine differenzierte Bewertung abzugeben, deutlich Ihre Stärken zu loben und dennoch ein kleines Signal zu geben, wo Schwächen liegen.

Hier steht: Ein hervorragender Fachmann, der sich engagiert – sich vermutlich irgendwie nicht perfekt auf seine Vorgesetzten einstellt, aber mit den Kollegen deutlich besser zurecht kommt. Damit kein Zweifel entsteht: Es ist sonst ein „gutes“ Zeugnis, mit einigen „sehr guten“ Elementen.

Über die Einschränkung in diesem Dokument dürfen Sie sich ärgern. Aber die Zielperson dieses Ärgers sollte nicht Ihr Chef sein, der diese Bewertung getroffen hat, sondern Sie selbst, der Sie ihn noch nicht so behandelt haben, dass er zufrieden ist. Ihnen gegenüber ist er der zahlende Kunde, also hat er ein Recht auf maximale Zufriedenheit.

Aber Sie haben eine Chance, demnächst von diesem Unternehmen ein deutlich besseres Dokument zu bekommen: Sie bleiben ja dort weiter beschäftigt. Und Sie haben sogar eine weitere Chance: Sie bekommen einen neuen Chef. Mit dem fangen Sie ganz neu an. Denken Sie daran: Es geht nicht darum, eine nach Ihren Maßstäben sehr gute Leistung zu erbringen, sondern das Ziel ist, mit Ihrer Person und Ihrer Arbeit Ihre Arbeitgebervertreter dazu zu bringen, Sie für einen rundum brillanten Mitarbeiter zu halten(!).

Eine Empfehlung: Bitte gehen Sie nicht zur Personalabteilung, legen dort anklagend diesen Beitrag vor und „verlangen“ eine Nachbesserung dieses Dokumentes. Damit rufen Sie nur Widerstand hervor. Kein Personalfachmann dieser Welt mag es, wenn ihm Mitarbeiter Gutachten „fremder Leute“ über seine Arbeit präsentieren. Denken Sie lieber darüber nach, ob Ihr bisheriger Chef für seine Zurückhaltung Ihnen gegenüber Gründe gehabt haben könnte.

Kurzantwort:

Zeugnisse verraten oft mehr als der beurteilte Mitarbeiter denkt.

Frage-Nr.: 2121
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-16

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