Heiko Mell

Nicht so gut?

Frage: Das beigelegte Zeugnis ist meiner Meinung nach nicht so gut. Es wurde direkt vom geschäftsführenden Gesellschafter ohne Rücksprache mit meinem damaligen Vorgesetzten formuliert. Die erste Ausführung war voller Rechtschreibfehler und natürlich hatte ich auch andere Vorstellungen zur Bewertung bzw. Formulierung. Er hat dann das Zeugnis teilweise überarbeitet, wollte sich dann aber auf nichts mehr einlassen. Ein Jahr nach meinem Weggang war das Unternehmen (60 Mitarbeiter) pleite.

1. Wie bewerten Sie dieses Zeugnis?

2. Wie stelle ich das Unternehmen im Lebenslauf dar (ich möchte natürlich durch eine geschickte Darstellung des Betriebes die schlechte Zeugnisaussage abmildern)?

3. Soll ich die Insolvenz erwähnen und wie?

4. Hat das Zeugnis aus der ersten Anstellung nach fünf Jahren und inzwischen erreichtem Karrierefortschritt heute noch Bedeutung?

Antwort:

Es ist nicht „natürlich“, dass Sie „andere Vorstellungen zur Bewertung“ hatten als Ihr damaliger höchster Chef. Normal und anzustreben ist:

– Er lobt Sie in den höchsten Tönen

– und Sie sehen in ihm schon deshalb einen Mann mit klarem Blick für Realitäten und abgewogenem, stets zutreffendem Urteil.

Merke: Nicht jede schlechte Beurteilung ist unverdient, nicht jedes schlechte Zeugnis ist falsch. Es gibt in der Tat auch einfach schlecht arbeitende Mitarbeiter.

Wie ist nun Ihr Zeugnis zu interpretieren? Es ist im einleitenden, sachlichen Teil korrekt und informativ, schildert Ihre Aufgaben, erwähnt Ihre Beförderung zum Projektleiter, umreißt Ihre Kontakte zu Kunden und anderen externen Stellen. Alles sehr schön.

Dann: „Wir lernten Herrn … als einen zuverlässigen, gründlichen und fleißigen Mitarbeiter kennen. Er arbeitete sich zügig und stets zu unserer vollen Zufriedenheit in alle ihm gestellten Aufgaben ein. Unsere Interessen im Geschäftsverkehr vertrat er stets loyal.“

Das bedeutet: Sehr positive, sehr brauchbare, sehr gut in ein solches Unternehmen passende Grundeigenschaften. Schade, dass die übliche Aussage hinsichtlich der „Schulnote“ des Zeugnisses („Zufriedenheit“) hier schon bei der Einarbeitung „verschlissen“ wurde. Da gehört sie nicht hin – typisch Inhaber. Aber es steht da etwa: „Er hat sich jeweils schnell und gut in alles eingearbeitet. Und er hat auch gegenüber Kunden und Lieferanten immer unsere Interessen vertreten.“ Ist doch tadellos!

Weiter geht es: „Mit den Leistungen des Herrn … waren wir immer sehr zufrieden.“ Das ist der Kernsatz des ganzen Dokumentes. Für diesen Zeugnisschreiber heißt das: „Insgesamt vergebe ich für die gezeigten Leistungen die Note gut.“Dann kommt noch: „Sein Verhalten gegenüber Kunden, Vorgesetzten und Kollegen war immer einwandfrei und von Vertrauen getragen.“ Na schön, er fängt mit den Kunden an. Das kann man machen. Solange die Kollegen nicht vorn stehen und die Vorgesetzten nicht ganz fehlen in dem Satz, ist alles in Ordnung. „Verhalten einwandfrei gegenüber jedermann“, steht da, das ist neutral und bedeutet „keine Auffälligkeiten in dem Bereich“. Ein „von Vertrauen getragenes Verhalten“ gibt es so eigentlich nicht. Aber: Man spürt zwar formulierungstechnische Unbeholfenheit, jedoch erkennt man, der Chef wollte „Vertrauen“ ins Spiel bringen. Und das kann nur heißen „Wir haben ihm vertraut“ (umgekehrt wäre es Unfug) – das ist positiv.

Schließlich folgt das Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“, es heißt danach „wir bedauern“. Für die geleistete Arbeit wird gedankt, für die Zukunft alles Gute gewünscht.Fazit: Ein unter diesen Umständen absolut gutes, Ihre weiteren beruflichen Bemühungen sehr viel mehr förderndes als behinderndes Zeugnis. Schulnote etwa „gut bis gut +“.Natürlich gibt es bessere, warmherzigere, längere Zeugnisse. Aber mit diesem hier können Sie gut leben. Damit ist Ihre Frage Nr. 1 beantwortet.

Zu 2: Eigentlich ist hier gar kein besonderer Aufwand erforderlich. Geben Sie einfach hinter dem Firmennamen korrekt an „inhabergeführt, ca. 60 Mitarbeiter“, dann weiß jeder Fachmann: „Dort kochte der allerhöchste Chef selbst“ – und wertet eventuelle Schwachstellen entsprechend.

Zu 3: Das könnte sich empfehlen, schon um dem Leser des Lebenslaufes vergebliche Bemühungen zu ersparen, dort telefonisch nachzufragen, was man denn so von Ihnen gehalten hat. Außerdem haben Sie damit ein absolut unanfechtbares Motiv für Ihren Weggang dort – Sie haben die Probleme schon damals bemerkt und die Situation als bedrohlich eingeschätzt.

Schreiben Sie hinter die Angaben lt. „zu 2“: „…, ca. 60 Mitarbeiter, Insolvenz ca. 1 Jahr nach meinem Ausscheiden.“

Zu 4: Sie haben ein Zwischenzeugnis aus der heutigen Position, das reduziert die Bedeutung des „alten“ Zeugnisses aus dem vorigen Beschäftigungsverhältnis. Aber es bleibt ein Arbeitgeber-Endzeugnis. Ganz verlieren die ihre Bedeutung nie – und dieses ist Ihr erstes und bisher einziges Dokument dieser Art.

Kurzantwort:

Der Fachmann wertet bei der Beurteilung eines Zeugnisses auch, wer es schrieb. Bei kritischen Aussagen in Dokumenten großer Konzerne gibt es keinen „Rabatt“ (der Text gilt als „in Marmor gemeißelt“), bei Formulierungen von Inhabern kleiner Unternehmen ggf. schon.

Frage-Nr.: 2078
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-09

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