Heiko Mell

Auch für Freiberufler?

Frage: Als freiberuflicher Berater möchte ich für meine Unterlagen eine Beurteilung des abgeschlossenen Projektes (unabhängig von einer Weiterbeschäftigung).

1. Ist dies üblich und in welcher Form (ein ganz „normales“ Arbeitszeugnis)?

2. Dies war meine erste berufliche Tätigkeit. Sollte in dem Dokument hierauf eingegangen werden?

3. Gibt es wissenswerte Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland bezüglich eines Arbeitszeugnisses?

4. Sie haben bereits oft zum Unterschied angestellt – selbstständig geschrieben. Momentan bietet mir die Freiberuflichkeit einige finanzielle Vorteile, doch Sie deuteten an, dass ein eventueller Wechsel in ein Angestelltenverhältnis nicht unproblematisch ist. Ab wann sehen Sie einen Wechsel als problematisch an?

5. Mit welchen Einschränkungen/Proble­men/Vorurteilen muss ich nach längerer Beratungstätigkeit rechnen?

Antwort:

Zu 1: Sie sollten stets darauf achten, dass Sie Ihre Berufstätigkeit ab Studien­ende jeweils belegen können und nicht einfach nur behaupten müssen. Das gilt verstärkt bei einer späteren Fortsetzung Ihrer Laufbahn als Angestellter (dort ist es absolute Pflicht, abgeschlossene Arbeitsverhältnisse durch Zeugnisse nachweisen zu können).

Es gibt keine Formvorschrift für Freiberufler-Beurteilungen, alles ist möglich: Manche Firmen geben ein klassisches Zeugnis, betonen darin aber, dass der Beurteilte kein Angestellter, sondern freiberuflich tätig war. Andere geben eine Art frei formulierter Bescheinigung, in der die freiberufliche Tätigkeit bestätigt und in ein paar Worten gewürdigt wird. Es kommt auch vor, dass einzelne Manager des jeweiligen „Arbeitgebers“ ein persönliches, in der Ich-Form gehaltenes „Referenzschreiben“ ausstellen.

Zu 2: Nein, das ergibt sich aus Ihrem Lebenslauf.

Zu 3: Solche Unterschiede sind mir im Detail nicht bekannt. Vielleicht gibt es abweichende Vorschriften, aber die fertigen Zeugnisse unterscheiden sich kaum (abgesehen von der Leidenschaft der Österreicher, überall irgendwelche Stempelmarken draufzukleben).

Zu 4: Wer Angestellte einstellt, sucht Angestellten-Erfahrung. Sofern Sie also irgendwann als Angestellter arbeiten wollen: Wechseln Sie so früh wie möglich in den Angestellten-Status und bleiben Sie dabei(!). Es geht ums Prinzip, nicht darum, wo Sie momentan einige finanziellen Vorteile haben. Es empfiehlt sich, bei einer eventuellen Bewerbung als Angestellter die bisherige freiberufliche Tätigkeit als reine „Überbrückung“ zu bezeichnen oder sonst wie deutlich zu machen, dass Sie nie vorhatten, sich dauerhaft so zu betätigen. Wie immer im Leben gilt: Wenn Sie ein Ziel haben, nähern Sie sich dem so früh wie möglich. Und falls Ihres eine Angestellten-Karriere ist, …

Zu 5: Ich interpretiere die Frage so, dass sie nur auf den Beraterberuf zielt, unabhängig vom Freiberufler- oder Angestellten-Status:Was immer die Welt ohne Berater wäre – einhellig geliebt und vorbehaltlos anerkannt sind die Angehörigen dieser Berufsgruppe bei den Nicht-Beratern jedenfalls nicht. Und selbst wer Berater außerordentlich schätzt, muss doch einräumen, dass ihre Tätigkeit sich in vielen Aspekten von der Arbeit „stationärer“ Angestellten unterscheidet. Sie ist „anders“ – bei Bewerbungen vorrangig gesucht wird jedoch immer, wer „genau das“ bisher getan hat. Das verschärft sich, je länger Ihre Tätigkeit andauert:

Für die ersten zwei bis drei Jahre nach dem Studium ist die Beratertätigkeit wie eine Art Traineeprogramm zu sehen: Man sieht viel, hört viel, lernt unterschiedliche Firmen, Branchen und Tätigkeiten kennen. Geht man dann in ein klassisches (Industrie-)Unterneh­men, hat man oft (nicht immer) sogar eine Art Bonus vor anderen Bewerbern – sofern man nicht meint, jetzt sofort als Führungskraft einsteigen zu müssen.

Nach etwa fünf Jahren Beratertätigkeit wird es pauschal gesehen schon schwieriger: Der Berater ist schon ein- bis zweimal befördert worden, seine Ansprüche sind höher – und in „stationären“ Firmen schwerer zu erfüllen: Er müsste jetzt Führungskraft in der Industrie werden, das kann er aber nicht, weil ihm der „Stallgeruch“ fehlt.Nach noch mehr Jahren Beratungspraxis bleibt man besser dabei – oder man findet ein Industrieunternehmen, das Kunde ist, den Consultant schätzt und ihn unbedingt als Manager gewinnen will. Das passiert – aber seltener als Betroffene hoffen. Zumindest darf man seine Planung nicht darauf aufbauen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1954
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-09

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