Heiko Mell

Sind Fälschungen ein Problem?

Frage: Meiner Erinnerung nach ist in dieser Serie noch nie ein dunkles Thema angesprochen worden: die Fälschung von Dokumenten (Zeugnissen).
Seit es spezielle Software gibt, mit der Dokumente „gestaltet“ werden können, wäre es vermutlich ein Leichtes, Zeugnisse zu manipulieren (vorsichtig ausgedrückt!). Würden Bewerber davon Gebrauch machen, wäre die Folge eine Inflation von guten und sehr guten Beurteilungen.
Deckt sich dies mit Ihren Beobachtungen? Glauben Sie, dass ein nennenswerter Anteil der Zeugnisse gefälscht ist?

Antwort:

Computer und Software sind und waren niemals nötig, um Zeugnisse zu fälschen. Das wäre schon zu Zeiten von Schreibmaschine und Fotokopierer möglich gewesen! Sie verstehen bitte, dass ich hier keine Anleitung zu strafrechtlich relevanten Handlungen veröffentlichen kann, also erwarten Sie bitte auch keine „Gebrauchsanweisung“.

Ich will aber die wichtigsten allgemeinen Aspekte zu diesem Thema auflisten:

1. Üblich ist im Bereich der freien Wirtschaft die Vorlage unbeglaubigter Zeugniskopien. Diese sind selbstverständlich niemals fälschungssicher.

2. Ein Arbeitgeber könnte sich im Vorstel­lungsgespräch die Originaldokumente vorlegen lassen. Das nützt überhaupt nichts, diese sind auch keinesfalls fälschungssicher (nur der Aufwand beim Fälschen ist ein bisschen höher als bei Kopien)!

3. Eine nahezu endgültige Sicherheit wäre erst gegeben, riefe der Bewerbungsempfänger die einzelnen früheren Arbeitgeber an, ließe dort die Zeugniskopien aus den alten(!) Personalakten heraussuchen und würde am Telefon praktisch Wort für Wort vergleichen (Denn Sie wissen ja nicht: Hat der Bewerber das ganze Arbeitsverhältnis „erfunden“ oder nur die Aussage mit der Zufriedenheit aufgebessert, schlicht aus einem Rausschmiss ein Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“ gemacht oder zwei Beschäftigungsjahre zu sieben anwachsen lassen?). Das ist undurchführbar. Nicht nur praktische Gründe stehen dem entgegen, man hat auch mit inzwischen liquidierten, verkauften, umgezogenen, fusionierten oder ausgegliederten Unternehmen zu kämpfen, an die man nicht mehr herankommt. Über die „Begeisterung“, die solch ein pauschales Vorgehen bei den Personalabteilungen früherer Arbeitgeber auslöst, muss ich mich sicher nicht auslassen.

4. Auch Fachleute können nie sicher sein, eines Tages nicht doch einer Fälschung aufzusitzen, aber:

a) Die Lebenserfahrung lehrt: Bewerber schwindeln durchaus, lügen aber fast nie. Ersteres ist Tagesgeschäft im Umgang der Menschen miteinander und bedeutet, die Fakten etwas „aufzupolieren“ in der Darstellung. Letzteres hieße, auf die knallharte Frage „Sind Sie in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis?“ zu antworten „Ja, unbedingt“, während seit drei Wochen die arbeitgeberseitige Kündigung auf dem Tisch liegt. Das „bringt“ der Standardbewerber nach meiner Erfahrung nicht! Auch nicht bei anderen Themen.

b) Die Fälschung eines Dokuments ist aktiver Betrug, die Schwelle zum kriminellen Handeln wird überschritten. Die weitaus meisten Menschen gehen in ihrem Leben diesen Schritt niemals. Übrigens würde eine Entdeckung später mindestens mit fristloser Entlassung „bestraft“ – ein extrem hohes Risiko für einen Angestellten!

c) Immer wieder müssen Fachleute feststellen (und kritisieren), dass Bewerber viel zu wenig Aufwand bei der Gestaltung (insbesondere Formulierung) ihrer Unterlagen treiben. Und da soll das extrem aufwändige Fälschen einzelner Dokumente Volkssport werden? Eher fällt uns der Himmel auf den Kopf (nach Asterix).

d) Es ist gar nicht so einfach, Unterlagen so zu manipulieren, dass insgesamt ein ge­schlossenes Bild entsteht, welches dann auch noch mit der Persönlichkeit des Fälschers harmoniert – der muss einen Menschen darstellen (gegenüber Fachleuten), der den „tollen Eindruck“ der „aufgebesserten“ Unterlagen glaubhaft unterstreicht, sonst erreicht er ja nichts. Wer sich in einem gefälschten Zeugnis zum „Leiter“ eines Bereichs macht, obwohl er dort nur „Sachbearbeiter“ war, hat derartige Darstellungsprobleme.

e) Zeugnisse sind wichtig, aber nicht etwa alles! Der Standard-Bewerber kommt aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis und ist seit etwa fünf Jahren beim heutigen Arbeitgeber beschäftigt. Diese Tätigkeit ist der Kernpunkt seiner Qualifikation! Sie überstrahlt zunächst einmal alles – was er früher gemacht hat, wie sein Studienexamen aussah etc. Und alles, was mit diesem heutigen Arbeitsverhältnis zusammenhängt, glauben wir dem Kandidaten ohne jeglichen Beleg!

Er hat noch kein Endzeugnis, meist auch kein Zwischenzeugnis, er muss weder seinen Arbeitsvertrag noch seinen Werksausweis vorlegen – wir vertrauen ihm, rufen nicht beim heutigen Arbeitgeber an; auf dieser Basis bekommt er einen neuen Arbeitsvertrag.

5. Unser gesamtes Einstellsystem basiert also auf diesem Vertrauen – wir lassen uns ja nicht einmal den Personalausweis zeigen (und können also niemals sicher sein, dass der Bewerber wenigstens so heißt wie er sich nennt). Wer betrügen will, könnte mit „Geschichten“ über seine heutige Position viel mehr erreichen als mit dem aufwändigen Fälschen alter Zeugnisse.

Potenzielle Arbeitgeber wollen im Bewerbungsgespräch überzeugt werden. Das ist – im fachlichen wie im persönlichen Bereich – die zentrale Aufgabe („Bringschuld“) des Kandidaten. Wird der Arbeitgebervertreter auch nur ansatzweise misstrauisch, greift er meist zum einfachsten Weg, um das Problem loszuwerden: Er sagt dem Bewerber ab. Komplizierte Nachforschungen wird er nur in Ausnahmefällen anstellen.Wenn Sie in die Medien schauen, dann sehen Sie: Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Positionsinhaber eine Menge Unfug „im Job“ angestellt haben, aber nur sehr wenige Angestellte, denen jemand nachgewiesen hat, sie hätten sich die ganze Anstellung mit krimineller Energie erschlichen.

Kurzantwort:

Es gibt keine absolute Sicherheit dagegen, dass ein Bewerber gefälschte Zeugnisse vorliegt. Aber die Schwierigkeiten für ihn lägen auch nicht so sehr im Fälschungsprozess, sondern darin, insgesamt einen fachlich und persönlich so überzeugenden Eindruck zu machen, dass er alle anderen hinter sich lässt und eingestellt wird. Ein misstrauischer Arbeitgeber stellt keine Nachforschungen an, er sagt dem Bewerber ab. Und: Wer fälscht, riskiert seine gesamte berufliche Existenz.

Frage-Nr.: 1950
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-08-26

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