Heiko Mell

Wenn der Chef enttäuscht wurde

Frage/1: Ich lege einen Entwurf des Arbeitszeugnisses meines Ex-Arbeitgebers, eines bundesweit tätigen Ingenieurbüros, bei.
Während meiner über siebenjährigen Tätigkeit dort arbeitete ich ununterbrochen mit einem Geschäftsführer zusammen. Er war sozusagen mein Mentor. Ich würde unser Arbeitsverhältnis und unsere persönliche Beziehung als außerordentlich gut und vertrauensvoll bezeichnen. Dass ich bei ihm eine besondere Stellung einnahm, war innerhalb der Firma allgemein bekannt. Zuletzt übertrug er mir die Projektleitung eines überregionalen Pilotprojekts und gab mir hierbei den Vortritt gegenüber älteren und erfahreneren Mitarbeitern.

Aus dieser Position heraus bewarb ich mich als Projektleiter bei einem unmittelbar konkurrierenden Unternehmen. Ausschlaggebend dafür war neben fehlenden weiteren Karrierechancen auch die Tatsache, dass die Beibehaltung der „alten“ Position einen bedeutsamen Wohnortwechsel innerhalb Deutschlands mit Familie für einige Jahre (bis zur Beendigung des Großprojektes) erfordert hätte.

Die Kündigung wurde durch meinen vorgesetzten Geschäftsführer mir gegenüber sehr professionell und gelassen aufgenommen. Ich habe dann jedoch erfahren, dass ihn meine Kündigung sehr gekränkt hat.
Mein Ausscheiden erfolgte dann zwar dankenswerterweise auf meinen Wunsch hin wesentlich vor Ablauf der offiziellen Kündigungsfrist, jedoch für mich insgesamt recht ruhmlos und ohne offizielle Verabschiedung. Auch ließ mich der Arbeitgeber bis einen Tag vor dem von mir erbetenen Ausscheidetermin im Ungewissen, ob er dem nun zustimmen werde.

Ein Arbeitszeugnis wurde mir nach mehrmaligem Nachfragen erst über ein Jahr später zugestellt.

Frage/2: Hier also nun mein Zeugnis.Es datiert sechs Monate nach meinem Ausscheiden; das wäre genau das offizielle, vertragsgemäße Ausscheidedatum gewesen.

Antwort:

Antwort/1: Handeln wir die Situation erst einmal bis dahin ab, das eigentliche Zeugnis kommt dann im Teil 2.

Liebe, so weiß man, schlägt schnell in Hass um, aus Zuneigung wird leicht Abneigung. Nur durchschnittliche Gefühle gegenüber durchschnittlichen Menschen bleiben durchschnittlich stabil. Dies vorab.

Ihr damaliges Arbeitsverhältnis barg folgende besonderen Risiken bzw. Sie haben zusätzlich noch folgende Fehler gemacht:

a) Je kleiner die Firma ist, desto größer die Gefahr „gefühlsbedingter Ausreißer“ in Extremsituationen. Die Kündigung des Arbeitsverhältnisses ist eine solche.

b) Je enger das Verhältnis zu einem Chef (je hochrangiger der ist, desto schlimmer), desto kritischer reagiert der, wenn er nach seinem Empfinden enttäuscht wird. Die Kündigung gilt in solchen Fällen schnell als eine Mischung aus Fahnenflucht und Verrat. Sie hat für diesen Chef denselben „Charme“ wie die Mitteilung einer Braut an ihren Verlobten, sie zöge jetzt doch lieber zu Klaus-Dieter. Das gilt bereits, wenn „Klaus-Dieter“ nur eine fremde, unbekannte Größe ist.

c) Für sehr viele, fast immer jedoch für kleine Arbeitgeber ist der Wechsel zum direkten Wettbewerb akuter Hochverrat. Wer das tut, ist – symbolisch – des Todes!

d) Auch ein Geschäftsführer spielt eine Rolle, die er durchzuhalten versucht. Wenn ihm also sein Protegé überraschend die Kündigung auf den Tisch knallt (er sieht es so), kocht er innerlich, bleibt aber äußerlich unberührt.

e) Der „Verräter“ muss bestraft werden. Wie, das steht in Ihren entsprechenden Zeilen. Ich könnte auch „so was kommt von so was“ sagen, aber warum sollte ich mich derart gehen lassen.Sie hätten also sehr viel mehr Gedanken und Handlungen in die optimale Vorbereitung dieser Kündigung investieren sollen:

– Monatelang vorher fragt man den Chef, wie er denn Ihre weitere (persönliche) Entwicklung sehe, welche Perspektiven in Richtung Aufstieg er wohl nennen könne. Dabei betont man, wie sehr man daran interessiert sei. Seine vermutlich hinhaltend-beschwichtigen­den Aussagen dazu verfolgt man aufgeschlossen und ohne Widerspruch. Hiernach weiß er: „Gefahr im Verzug, der bleibt nicht ewig.“ Aber Sie haben bis dahin nichts Böses getan oder gesagt, nur eine Basis für den weiteren Schritt erarbeitet.

– Danach bereitet man extern den Absprung vor – arbeitet aber intern mit doppeltem Einsatz.

– Hat man den neuen Vertrag, geht man zum Chef und zeigt gewaltige „Bauchschmerzen“. Man betont, wie sehr man das Arbeiten hier und bei ihm schätzt, wie besonders wertvoll das Vertrauen ist, das er einem entgegenbringt und wie dankbar man ihm dafür ist. Dann weiß er, aber relativ gnädig gestimmt, dass jetzt etwas kommt.

– Dann kündigt man immer noch nicht, sondern spricht von einem „Angebot“ von draußen, Betont, dass es sehr reizvoll sei, dass man aber schwanke zwischen der Loyalität zu ihm und den attraktiven Elementen des Angebots.

– Anschließend bittet man ihn um seinen Rat. Er wird das nicht wollen, aber wenn man betont, dass es gerade bei dem guten Verhältnis keinesfalls in Frage käme, ohne seine Anhörung zu handeln, dass man zwar riskiere, das Verhältnis zu ihm werde jetzt arg strapaziert, aber man wisse nicht, was man tun solle. Entweder blockt er ab, dann muss man sich bedanken und erst einmal zurückziehen – oder er ist objektiv und rät sogar zur Annahme des Angebots. In beiden Fällen erklärt man, jetzt eine Nacht darüber schlafen zu wollen.

– Am nächsten Tag kommt man dann, kündigt schweren Herzens, gesteht die Gefahr ein, damit einen Riesenfehler zu begehen und dankt ihm noch einmal für alles.

– Das alles wird wesentlich erleichtert, wenn man nicht zur direkten Konkurrenz am Ort (schließe ich aus dem damit vermiedenen Wohnortwechsel) geht.

– Ach und man wusste ja: Arbeitgeberwechsel ohne Umzug bringt früher oder später anderweitigen Ärger. Nun ist er da.

Antwort/2: Die Erklärung für das späte Ausstelldatum können Sie niemandem vermitteln, bitten Sie um ein Datum „im engen zeitlichen Zusammenhang“ mit dem tatsächlichen Ausscheidedatum (ca. 14 Tage).

Sie haben lt. Dokument jeweils verschiedene Projekte betreut bzw. geleitet. Diese Projekte dauerten jeweils 1,5 bis 3,5 Jahre. Ihre letzte Projektleiterfunktion lief am Tag des Ausscheidens erst fünf bis sechs Monate, das Projekt selbst war in einer ganz anderen Region angesiedelt. Das passt zu Ihrer Eingangsbemerkung über den drohenden Umzug. Aber dann sind Sie auch noch aus der schwierigen Anlaufphase eines Vorhabens ausgestiegen, dessen Leitung man Ihnen anvertraut hatte! Das hat die Gefühle Ihnen gegenüber sicher nicht freundlicher gestaltet. Es war ein schwerer Fehler!Auf der gesamten ersten Seite des Doku­mentes werden weitgehend Fakten geschildert (Aufgaben, Zuständigkeiten, Funktionen).

Dann ist von „wesentlichen Beiträgen“ beim Aufbau einer Niederlassung die Rede (gut).

Es geht weiter mit „… zeigte sich den Anforderungen und Belastungen … stets sehr gut gewachsen und bearbeitete und löste alle Problemstellungen … sehr selbstständig, systematisch und sorgfältig“ (gut bis sehr gut).Der Kernsatz lautet: „… hat die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheiten erledigt“ (sehr gut).“

Das Verhalten gegenüber der Unternehmensleitung und den Mitarbeitern war stets einwandfrei“ (kühl und zurückhaltend, wenn man Ihr ehemals besonders gutes Verhältnis bedenkt; erfüllt formale Mindestansprüche, mehr nicht; befriedigend).“… war immer in der Lage, das ihm zugeordnete Personal zu motivieren und ergebnisorientiert zu führen“ (in der Lage sein, heißt, er hätte gekonnt – aber hat er auch? Warum hat er nicht einfach „das ihm zugeordnete Personal motiviert und …“? Also nicht frei von Zweifeln).“

Gegenüber Kunden hat er das Unternehmen allzeit vorbildlich vertreten“ (nah schau an, der Formulierer kennt das Wort vorbildlich; sehr gut).“… auf eigenen Wunsch verlassen, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden“ (in Ordnung, die neuen Aufgaben sind entbehrlich, stören aber nicht).“… bedauern diesen Schritt außerordentlich, zeigen jedoch auch Verständnis für seine persönliche Entscheidung“ (das Bedauern ist in dieser Form ein sehr gutes Element, das Verständnis ist positiv – aber was bedeutet „persönliche“ Entscheidung; das ist ein Signal, vermutlich ein Hinweis auf Kündigungsgründe, die mehr in den persönlichen Verhältnissen als in den sachlichen Gegebenheiten liegen; letzteres ist nicht unkritisch!).

„Wir danken ihm für seine Leistungen …“ (sehr zurückhaltend formuliert, es gibt diverse Adjektive zu „Leistungen“, auf die hier verzichtet wurde).

Der Rest sind die üblichen Wunschfloskeln.

Fazit: Das Dokument ist formal gut bis sehr gut, getragen von der Einser-Formulierung „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“. Aber es ist nichts, rein gar nichts geblieben von dem ehemals besonderen Vertrauensverhältnis zwischen Ihrem Chef und Ihnen, er straft Sie durch Kühle.

Das war gewollt, allein schon die erforderlichen Anmahnungen von Ihnen und dann doch das späte Ausstelldatum unterstreichen das. Dem Dokument fehlt jegliche Wärme.

Allerdings: Da der spätere Bewerbungsleser nichts über die Hintergründe weiß, vermisst er auch kaum etwas. Es bleibt einfach ein junger Mann, dem man interessante Aufgaben übertrug, der eines Tages (zum falschen Zeitpunkt) ging und ein ziemlich gutes, etwas kühles Zeugnis aus einem kleinen Unternehmen bekam.

Damit könnten Sie leben – aber Sie werden im Wissen um Ihr früher gutes, besonderes Verhältnis stets etwas vermissen. Also versuche ich hier einen Gegenentwurf eines Zeugnisses, wie es ein Geschäftsführer einer kleineren Gesellschaft formulieren würde – wenn alles in Ordnung wäre (was es aber nicht ist – verdient haben Sie ein solches Dokument in seinen Augen also nicht). Ich widme mich nur der abschließenden Beurteilung, der sachliche Teil kann bleiben wie er ist:“Herr X zeichnete sich durch ein hervorragendes Fachwissen aus, das er stets auf dem neuesten Stand hielt. In seinen Tätigkeitsbereich arbeitete er sich zügig ein, sein Aufgabengebiet beherrschte er mit zunehmender Erfahrung sicher. Er war kreativ, Neuem gegenüber aufgeschlossen, erarbeitete für die auftretenden Probleme überzeugende Lösungen und setzt sie konsequent und erfolgreich um. Dabei arbeitete er jederzeit sorgfältig und gewissenhaft und war immer äußerst zuverlässig.

Herr X setzte sich mit großen Engagement für die Belange des Unternehmens ein und stellte betriebliche Erfordernisse im Bedarfsfall über seine privaten Interessen.

Er genoss jederzeit das besondere, uneingeschränkte Vertrauen seines vorgesetzten Geschäftsführers. Seine positive Entwicklung im Unternehmen mit der Übertragung ständig größerer Verantwortung steht für das persönliche Potenzial, das wir bei ihm erkannten.

Das ihm zugeordnete Personal motivierte Herr X mit großem Erfolg, er erzielte einen hohen Leistungsstand in seinem Zuständigkeitsbereich und zeigte jederzeit auch das erforderliche Durchsetzungsvermögen.Zusammenfassend bestätigen wir gern, dass Herr X stets zu unserer vollsten Zufriedenheit tätig war. Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern war vorbildlich.

Innerbetrieblich förderte er die Zusammenarbeit, gegenüber Kunden und anderen externen Partnern vertrat er die Interessen des Unternehmens effizient und sehr erfolgreich.Herr X verlässt uns zum … auf eigenen Wunsch. Wir bedauern diesen Schritt außerordentlich, haben jedoch angesichts der zwangsläufig begrenzten weiteren Perspektiven in unserem Hause dafür Verständnis. Wir danken ihm für seine wertvolle Mitarbeit und wünschen ihm beruflich und persönlich alles Gute.“Es kommt nicht darauf an, ob jede denkbare Eigenschaft und Fähigkeit wörtlich gewürdigt wird – aber hier spürt man neben der verbalen Anerkennung von Führung und Leistung „Wärme“, die der Vorgesetzte diesem Mitarbeiter entgegenbrachte. So schreibt er aber nur, wenn er entweder nie „menschlich enttäuscht“ wurde (von Ihnen) oder wenn sein Zorn inzwischen verraucht ist – probieren Sie es aus.

Kurzantwort:

1. Ein Mitarbeiter mit einem engen Vertrauensverhältnis zu seinem vorgesetzten Geschäftsführer, der mitten aus einer ihm als Auszeichnung übertragenen Projektleitung heraus kündigt und zum Wettbewerb am Ort wechselt, darf sich über ein Zeugnis mit „strafender Kühle“ nicht wundern.

2. Wichtiger als die Auflistung aller denk­baren Eigenschaften und Fähigkeiten im Zeugnis eines Mitarbeiters mit herausgehobener Funktion ist eine gewisse „Wärme“ im gesamten Text, die von einem positiven Verhältnis zum Chef zeugt (von mit Textbausteinen arbeitenden Konzern-Personalabteilungen nicht zu verlangen).

Frage-Nr.: 1947
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-08-05

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