Heiko Mell

Unterlagen aus DDR-Zeiten

Frage: Wie reagieren Bewerbungsempfänger auf Unterlagen aus DDR-Zeiten sowie aus der Wendezeit, die nicht der geforderten Norm entsprechen?

In meinem konkreten Fall ist ein Zeugnis aus dem Jahr 1991 nicht auf Firmenbogen gedruckt, es gibt keine Zufriedenheitsformel, keinen Hinweis auf die Umstände des Ausscheidens. Bevor ich mir dieser Fehler bewusst war, gab es die Firma schon nicht mehr.

Außerdem wage ich es kaum, mein Abiturzeugnis beizulegen, da die Formulierungen in ihrer Aussagekraft für meine Begriffe einfach nur haarsträubend und lächerlich zugleich sind.

Sollte man in seinem Bewerbungsschreiben auf diese Unzulänglichkeiten eingehen oder einfach nur hoffen, dass der Leser dem Inhalt nicht zu viel Bedeutung beimisst?

Ein ähnliches Dilemma entsteht meines Erachtens, wenn im Lebenslauf Brüche vorhanden sind, die den durchgehenden roten Faden vermissen lassen. Sind diese politisch begründet (Verweigerung bestimmter Studienrichtungen, keine Aufstiegschancen wegen fehlender Parteizugehörigkeit etc.), bin ich mir nicht so sicher, ob – westlich geprägte – Bewerbungsempfänger hier die richtigen Schlüsse ziehen können. Ich behaupte, sie können es in den meisten Fällen auch gar nicht, was eben nur Pech für „diese Leute aus dem Osten“ ist. Denn die Vergangenheit ist nun mal im Bewerbungssystem ein zentraler Bestandteil der Kandidatenfindung.

Antwort:

Ein anderer Leser hat mir in diesem Zusammenhang dankenswerterweise einen Auszug aus dem Arbeitsgesetzbuch der früheren DDR übersandt.

Dort heißt es u. a.: „§ 71,1: Der Betrieb ist verpflichtet, solche Arbeitsbedingungen zu schaffen, die … zur Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten sowie zur sozialistischen Lebensweise beitragen.“Nun weiß in den alten Bundesländern praktisch niemand, was eine „sozialistische Persönlichkeit“ oder gar eine „sozialistische Lebensweise“ überhaupt ist. Aber, und das vereinfacht die Sache, es will auch niemand wissen. Was immer damit gemeint sein sollte – irgendeine Art von gezielt zu entwickelnder einseitig geprägter politischer Persönlichkeit und/oder Lebensweise ist dem Wesen eines demokratischen Staates fremd. Sehr fremd. Und ruft heute nur noch Kopfschütteln hervor.

Das Zitat übrigens steht auf demselben DIN A4-Blatt, auf dem auch die Vorschriften über Beurteilungen im Betrieb stehen. Es ist also unverkennbar dieselbe Grundhaltung, die hinter der Verpflichtung zu einer einseitig politisch orientierten Persönlichkeit und Lebensweise sowie hinter den Regeln für das Schreiben von Beurteilungen und Zeugnissen steht. Da man nach westlichem Standard ersteres entschieden und kompromisslos ablehnt – hat man auch nur äußerst geringes Interesse daran, was bei dieser von „oben“ vorgegebenen Grundhaltung bei den Beurteilungen herausgekommen ist!

Also gilt: Alle Varianten von Unzulänglichkeiten in Arbeitszeugnissen, die vor etwa 1990 bis 1992 datieren (etwas Lernzeit musste ja sein), sind ziemlich unerheblich. Auch gute Beurteilungen oder bloß neutrale sind ziemlich unerheblich – man gibt einfach wenig darauf, was das damalige Regime in diesem Zusammenhang gesagt, getan, gewollt hat. Nur ein mit allzu vielen extremen Lobeshymnen (im erkennbar politisch gefärbten Teil) versehenes Dokument kann auch schon einmal zu fragend hochgezogenen Augenbrauen führen. Im Zweifelsfall haben Sie dann einfach aus jener Phase kein Dokument – wie so viele andere eben auch. Man glaubt dann Ihren Angaben im Lebenslauf (die korrekt sein müssen!), wie man diesen Angaben zum derzeitigen Arbeitsverhältnis ja auch glaubt. Im Anschreiben müssen Sie nicht darauf eingehen.

Dieses Problem „stirbt aus“, wird mit jedem Jahr geringer. Außerdem gilt: Alles schon einmal da gewesen. Aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren kennt man ja Probleme aus einer Zeit, in der auch „die Partei“ gesagt wurde und damit jeweils nur eine einzige gemeint war (was viele jüngere Entscheidungsträger im Westen vielleicht auch nicht verstehen, da sie nie damit in Berührung gekommen waren).

Und vor allem: Zum Glück ist diese Phase, in der es Zeugnisse nach DDR-Standard gab, nun auch schon wieder seit fast vierzehn Jahren vorbei. Seit 1990 gelten die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der „alten“ Bundesrepublik und irgendwelche unvollkommenen Dokumente sind aus heutiger Sicht ohnehin „uralt“ und damit weniger von Bedeutung. Was seither war, zählt ungleich mehr (und ist hoffentlich nach westlichem Standard geschrieben).

Sonderfall „altes DDR-Abiturzeugnis“: Viele „westliche“ Leser wissen gar nicht, dass diese Dokumente neben den Noten auch ausführliche verbale Beurteilungen enthielten. Von „arbeitete nicht im Rahmen seiner geistigen Fähigkeiten im Unterricht mit“ bis „… engagierte sich besonders bei der Festigung des sozialistischen Bewusstseins seiner Klassenkameraden“ (alles aus dem Gedächtnis geschrieben) gab es entsprechende Formulierungen. Sofern es Ihnen peinlich ist: Niemand zwingt Sie, der Bewerbung ein Abiturzeugnis beizulegen, insbesondere wenn ein Diplom vorhanden ist. Schreiben Sie die Durchschnittsabiturnote in den Lebenslauf (wenn Sie das möchten), nehmen Sie das Zeugnis zur Vorstellung mit – und warten Sie ab, ob jemand danach fragt (vermutlich nicht).

Die Brüche im Lebenslauf, die fehlenden roten Fäden etc.: Niemand macht Ihnen Vorwürfe aus Problemen dieser Art bis etwa 1992. Zumindest weiß auch jeder rein westlich geprägte Beurteiler, dass die Dinge damals anders liefen, dass es erhebliche politische Einflussnahmen und Eingriffe gab, dass man die Dinge nicht einfach mit der westlichen Brille sehen darf. Er kennt keine Details dazu – und will auch keine mehr kennen lernen.

Nur es gilt auch: Verständnis für erschwerte Umstände sind eine Seite, wirklicher „Rabatt“ bei konkreten Anforderungen sind die andere. Und diesen Nachlass für „unverschuldetes Qualifikationsdefizit“ gibt es nicht. Bei Positionsbesetzungen wird nur gewertet, welche Fähigkeiten und Erfahrungen vorhanden sind – nicht jedoch, ob den Kandidaten am Fehlen wichtiger Aspekte eine Schuld trifft.“Wir suchen einen Dipl.-Ingenieur für diese Position. Man hat Sie damals nicht studieren lassen, weil Ihre Familie als politisch unzuverlässig galt, sonst hätten Sie studiert? Das ist außerordentlich tragisch, aber für uns kann leider nur das Faktum zählen. Und Sie sind kein Dipl.-Ingenieur. Also bedauern wir sehr …“ So etwa geht das.

So ging das übrigens schon immer. Ich bin im Jahr der Schlacht von Stalingrad geboren, meine Familie kommt aus Pommern. Was dann kam, ist Standardschicksal: Vater im Krieg geblieben, Flüchtlingsdasein, Familienvermögen futsch etc. Sicher führte das zu erheblichen Belastungen in den Folgejahren. Aber auch da gab es für einen verlorenen Weltkrieg keinen Rabatt. Ich akzeptiere das.

Letztlich könnte man den Faden noch weiter spinnen: Wenn „ohne Schuld zu sein“ an einem negativen Kriterium ein Entlastungsgrund wäre, dann müssten wir dem Sportler, der nur wegen fehlender angeborener Talente gar nicht laufen kann, dennoch die Chance einräumen, den Endlauf einer Meisterschaft zu gewinnen. Aber auch das macht niemand. Umgekehrt bekommt jemand, der mit väterlichem Vermögen im Rücken geboren wird, keinen Punktabzug. Er kann international studieren, problemlos sein eigenes Unternehmen gründen etc. Und niemand fragt, woher er die Ressourcen hatte.

Wir sind eine Erfolgsgesellschaft. Erfolg hat einen merkwürdigen „Beigeschmack“: Er bedarf keiner Begründung, er gilt als Faktum an und für sich. Dummerweise gilt das für Misserfolg ebenso.Ersparen Sie sich auch nur den Gedanken, dies sei ungerecht: Das Leben hat nie versprochen, auch nur andeutungsweise gerecht zu sein.

Zurück zu den DDR-bedingten Brüchen im Lebenslauf o. ä.: Zum Glück ist ja auch hier der Zeitfaktor helfend im Spiel. Was bis 1990 war, ist inzwischen lange her, was zählt, ist die Entwicklung danach. Ist diese im Sinne der Regeln einwandfrei, ist das berufliche „Vorleben“ nur noch bedingt relevant.

Kurzantwort:

Für aus heutiger Sicht ungewöhnliche Besonderheiten in Lebensläufen oder Unterlagen aus der früheren DDR fehlt „westlichen“ Betrachtern oft das Verständnis (und das Interesse). Außerdem gilt: Fakten zählen im Leben, die „Schuldfrage“ ist dabei kaum von Bedeutung. Zum Glück sind seitdem vierzehn Jahre vergangen – die „neue“ Zeit allein reicht aus heutiger Sicht zu einer Beurteilung weitgehend aus.

Frage-Nr.: 1856
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-06-17

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