Heiko Mell

Was bedeutet …?

Frage: In meinem Zeugnis wird für die Bewertung folgender Satz verwendet:
„Wir waren mit seinen Leistungen immer voll zufrieden.“

Die Formulierung war mir bisher unbekannt, daher bitte ich Sie um eine kurze Antwort, welcher Note dies entspricht.

Antwort:

Es gibt Leute in diesem Land, die können kein Hochdeutsch – und geben auch noch Geld aus, um dies in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich kann nicht kurz – und das Geständnis kostet mich gar nichts.

Die Dinge sind leider so kompliziert, weil der Gesetzgeber es so wollte. Unter einem Aufsatz oder einer Diplomarbeit steht „2“ – und dann ist es eine solche.

Beim Zeugnis kommt es leider darauf an – wie auch bei den Juristen, beispielsweise:

Zunächst auf den Aussteller (das Unternehmen): Hat der vermutlich überhaupt gewusst, was er „angerichtet“ hat? Je größer die Firma, desto sicherer ist das; es gilt der Umkehrschluss.

Dann ist die Frage, ob alle Teile des Dokuments in ausgewogenem Verhältnis zueinander stehen: Position, Dienstzeit, Laufbahn dort, Ausführlichkeit der Aufgabenbeschreibung, Darstellung konkreter Erfolge, Einzelbeurteilung von Eigenschaften und Fähigkeiten, Vollständigkeit ohne auffälliges Fehlen wichtiger Bausteine, zusammenfassendes Urteil, Umstände (inklusive eventuellem Bedauern) des Ausscheidens.

Da ist Ihre „Schulnote“ nur ein Element, das nicht isoliert gesehen werden darf.Der erfahrene Leser weiß, dass man die Dokumente sehr vorsichtig, zurückhaltend und mit viel Sachkenntnis und Fingerspitzengefühl werten muss. Können sie doch – bei ein und demselben Arbeitgeber – auf unterschiedliche Art und Weise entstanden sein:

– durch einen ganz korrekten, fachgemäß durchgeführten Administrationsvorgang,

– auf der Basis eines Eigenentwurfs des – laienhaft vorgebildeten – betroffenen Mitarbeiters, dessen Ausführungen ein großzügiger Chef unterschreibt,

– nach sorgfältigem Aushandeln im Rahmen eines Aufhebungsvertrags (§ 17: Der Mitarbeiter erhält ein positives Zeugnis, dafür ist er mit einer reduzierten Abfindung von … zufrieden),

– als Kompromiss zwischen den Auffassungen zweier gegnerischer Anwälte in einer Auseinandersetzung um eine arbeitgeberseitige Kündigung,

– im Rahmen einer arbeitsgerichtlichen Entscheidung als Abschluss eines Prozesses,- als Ausarbeitung eines nur bruchstückhaft mit der Materie vertrauten Chefs, den eine schwache/unterbesetzte/unfähige Personalabteilung gewähren ließ,

– als „gesammeltes Werk“ eines Inhabers, der aus Prinzip kein Buch darüber liest und gewohnt ist, unwidersprochen zu machen, was er will (was nicht für alle gilt!).

Als Beispiel wäre folgender Zeugnistext denkbar:“Herr Max Müller, geb. am … trat am 01.01.1997 als Fertigungsleiter bei uns ein. Seine Aufgaben löste er stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.

Er verlässt uns am heutigen Tage (31.12.2003). Wir wünschen ihm alles Gute.“Fazit: Schulnote „sehr gut“, aber das Dokument „stinkt zum Himmel“.

Bewerten Sie also die „Schulnote“ nicht über, sie ist bei diesen Schriftstücken nur ein – wichtiger – Baustein.

Wenn denn eine isolierte Betrachtung Ihrer Formulierung sinnvoll ist: Eigentlich ist „Leistung“ nicht alles, schließlich wäre als Interpretation auch möglich: „Die fachlichen Leistungen waren in Ordnung, aber er legt sich mit jedem Chef an und verträgt sich mit Kollegen überhaupt nicht.“ Es kommt auch da wieder auf den Gesamtzusammenhang an. Eindeutiger wäre z. B.: „… war immer zu unserer vollen Zufriedenheit tätig“ – das ist mehr als nur die reine fachbezogene „Leistung“.“Immer“ ist gleichbedeutend mit „stets“, „voll zufrieden“ ist identisch mit „voller Zufriedenheit“. Also entspricht die Formulierung in ihrer Aussage dem Standard „stets zur vollen Zufriedenheit“, was für eine „2“ steht. Ob die „Leistungen“ harmlos (ohne Absicht dahinter) hingeschrieben wurden, etwas Positives aussagen oder eine Einschränkung andeuten sollen (vermutlich nicht), kann nur aus dem Gesamtzusammenhang heraus gedeutet werden.

Ein Zeugnis soll „Führung und Leistung“ würdigen („Führung“ ist gemeint als „wie hat er sich geführt“). Wer die Führung weglässt, hat sich entweder nichts gedacht oder doch.

Daher gilt: Misstrauen Sie in dem Zusammenhang kurzen Antworten.

Kurzantwort:

Ein Studienzeugnis ist mit der dort stehenden Gesamtnote ziemlich genau und aussagefähig umrissen. Bei einem Arbeitgeberzeugnis ist das nicht so – weil es nach dem Wunsch des Gesetzgebers nicht so sein soll.

Frage-Nr.: 1788
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-09-14

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