Heiko Mell

Soll ich klagen?

Frage: Ich habe kürzlich den Arbeitgeber gewechselt und mein Zeugnis jetzt endlich erhalten. Der Inhalt ist mehr als ärgerlich; der Tätigkeitsbereich ist nicht korrekt umrissen und die Bewertung ist schlecht.
Ein Jahr zuvor hatte ich ein Zwischenzeugnis bekommen, das meine Fähigkeiten „über den grünen Klee“ lobte. Jetzt klingt es wie: „Wir sind froh, ihn los zu sein.“
Folgende Sachverhalte sind darüber hinaus falsch geschildert: …

…Zur Historie: Innerhalb der zweijährigen Tätigkeit hatte ich drei Linienvorgesetzte, in „meinem“ Projekt ist der Projektleiter ausgetauscht worden. Zwischen mir und dem Teilprojektleiter hat es einige fachliche und menschliche Differenzen gegeben. Daraufhin ist mir die Funktion seines Stellvertreters entzogen worden. Was mich wiederum zur Kündigung veranlasst hat.
Ich habe eine neue Position, mache mir aber Sorgen wegen der nächsten Bewerbungsaktion (in einigen Jahren) mit diesem Zeugnis.

Soll ich gerichtlich gegen das Zeugnis vorgehen? Wie sind die Erfolgschancen und wie wird ein späterer Arbeitgeber auf ein solches Gerichtsverfahren reagieren? Was ist schlimmer: dieses Zeugnis oder der Hinweis auf ein Gerichtsverfahren im neuen Zeugnis?

Antwort:

Zunächst die wichtigsten Fakten: Dies war Ihr erstes Anstellungsverhältnis nach dem Studium. Das Zwischenzeugnis aus Abteilung A nach fünf Monaten(!) ist „befriedigend plus“, mit Wärme geschrieben und berechtigte eigentlich zu weiteren Hoffnungen. Das Endzeugnis nach weiteren fünfzehn Monaten in Abteilung B zieht beide Phasen in der Beurteilung zusammen und ist etwa „ausreichend minus“ („um Qualität seiner Arbeit bemüht“). Es enthält merkwürdigerweise auch positive Beurteilungen im Detail, der Gesamteindruck ist aber sehr kritisch: „Die ihm übertragenen Aufgaben wurden … zu unserer Zufriedenheit erledigt.“Meine zentrale Aussage: Ihre Schilderung der „Umstände“ im Vorfeld und der Tenor des Dokumentes passen zusammen – das Zeugnis gibt das alles so wieder, wie es sich abgespielt hat: Sie hatten große „Differenzen“ mit Ihrem vorgesetzten Teilprojektleiter, man hat Ihnen seine Stellvertretung entzogen und Sie damit degradiert. Das war eine Niederlage erster Güte. Und um es klar zu sagen: Das passiert einem Angestellten möglichst nicht, schon gar nicht in seinem ersten Beschäftigungsverhältnis nach dem Studium. Wer an dem Zerwürfnis die größere „Schuld“ trägt, spielt keine Rolle – und ließe sich ohnehin nicht beweisen.

Ohne juristischen Bezug betrachtet und sehr volkstümlich ausgedrückt, gilt: „So was kommt von so was“ – und ein Zeugnis dieser Güte kommt dabei heraus. Zeugnisse sollen ja die subjektive(!) Zufriedenheit eines Arbeitgebers ausdrücken. Und nach dem Ärger, den Sie gemacht haben (so wird man es dort sehen), war eben bei Ihren Chefs keine Zufriedenheit in nennenswerter Form mehr gegeben.Ich möchte wirklich, dass Sie und andere Leser diese Zusammenhänge erst einmal verinnerlichen: Man strebt als Arbeitnehmer ein harmonisches Verhältnis zum Arbeitgeber an – auch wenn einzelne Vorgesetzte unfähig, bösartig o. ä. gewesen sein sollten (was ohnehin stets ein höchst subjektives Urteil ist!).

Und: Sollte ein „Veteran“ nach siebzehn erfolgreich verbrachten Dienstjahren plötzlich „Ärger“ mit einem neuen Chef haben, so glaubt man durchaus, dass dies auch(!) ein bisschen(!) am Vorgesetzten liegen könnte(!). Wenn aber ein Anfänger nach fünfzehn Monaten(!) in einer neuen Abteilung degradiert(!) wird – will von ihm eigentlich kaum jemand „Erklärungen“ hören. Es ist Ihr Job, mit Chefs zu harmonieren – das ist Teil der Definition des „abhängig Beschäftigten“.

Es gilt auch: Angestellte, die jahrzehntelang erfolgreich arbeiten konnten, ohne jemals solchen Ärger mit Chefs zu haben, der sich in den „Papieren“ niederschlug – haben nicht etwa die besseren Chefs gehabt, sie sind bloß besser mit ihnen zurechtgekommen. Taktisches Geschick und Anpassungsbereitschaft sind unverzichtbare Persönlichkeitsattribute des erfolgreichen Angestellten.

Nun begebe ich mich auf recht glattes Eis, wenn ich noch ein zusätzliches Argument ins Gespräch bringe: In Ihren schriftlichen Ausarbeitungen fallen deutliche Mängel im Umgang mit Ihrer Muttersprache auf. Als allgemeingültiger Tipp: Vertrauen Sie niemals auf die Rechtschreibprüfung Ihres Textverarbeitungsprogramms, es kann ausgerechnet die schlimmsten Fehler gar nicht finden (wenn man beispielsweise „es klingt“ mit „es klinkt“ verwechselt, Ein- und Mehrzahl vertauscht, richtig geschriebene Wörter im falschen Zusammenhang verwendet, Kommas jenseits der Regeln und des Sprachgefühls setzt etc.), ich habe im Abdruck alles ausgemerzt.

Aber das hat mich veranlasst, tiefer in Ihren Lebenslauf einzusteigen: Aufgrund Ihres Schulwegs ist die Vermutung erlaubt, dass Sie aus einem Elternhaus kommen, welches Ihnen kaum etwas mitgeben konnte in Richtung „Wie ich mich als hochqualifizierter Angestellter im beruflichen Bereich bewege, mit Chefs umgehe und den Grundstein für eine erfolgreiche Laufbahn lege.“ Das ist ausdrücklich nur eine Feststellung, sie enthält absolut keine Wertung, im Gegenteil. Aber Sie müssen der Frage nachgehen und ggf. Ursachen für eigene Verhaltensfehler in Ihrem mangelhaften Wissen und fehlender Prägung für dieses Metier suchen – und vorsichtiger mit spontanen Reaktionen werden.Ich sage dies mit dem alleinigen Ziel, Ihnen und anderen Lesern mit ähnlichen Gegebenheiten zu helfen. Als Trost: Natürlich denken sehr viele Fachleute so, aber nicht jeder riskiert den Ärger mit empörten Zuhörern, wenn er es ausspricht. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Für „normale“ Ingenieurtätigkeiten wie Entwicklung, Produktion, Vertrieb ist auch in meinen Augen die Herkunft kein(!) Einstellkriterium (Bauchschmerzen bereitende Deutschfehler sind es allerdings ggf. schon). Wenn jedoch ein Vorstandsassistent gesucht wird, nimmt man sehr gern einen jungen Menschen, dessen Eltern auch schon Vorstände (oder sonst leitende Angestellte) waren, das hat sich bewährt.

Und nun noch ein Wort zur Frage des „Rechtsweges“. Zunächst zu Ihrer Beruhigung: In einem per Gerichtsentscheid oder gerichtlichen Vergleich verbesserten Zeugnis würde sich kein Hinweis auf diesen speziellen Weg finden, der zu dem endgültigen Dokument geführt hat.Aus meiner Sicht gilt: Das jetzige Zeugnis ist miserabel (nicht unverdient, aber doch miserabel). Es wird Ihr weiteres berufliches Fortkommen unbedingt beeinträchtigen. Wenn Sie gegen Ihren früheren Arbeitgeber den Rechtsweg einschlagen, beeinträchtigt das auch Ihr weiteres berufliches Fortkommen – aber lediglich dann, wenn Bewerbungsempfänger davon erfahren! Das aber werden sie nur, wenn sie – z. B. telefonisch – Referenzen bei dem Aussteller des Dokuments einholen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist bei einem schlechten Zeugnis sehr gering (warum erst dort anrufen, lieber die Bewerbung gleich absagen), bei einem rundum guten bis sehr guten wäre sie gering (es gibt keine Anhaltspunkte für Misstrauen) und bei einem „mittleren“ Zeugnis nie höher als 50 %.

Also wäre ein mittleres Zeugnis nach Rechtswegbeschreitung grundsätzlich für Sie besser als ein sehr schlechtes ohne. Aber im Einzelfall kann das auch anders aussehen, das hängt von den Umständen ab: Es gibt auch Chefs (z. B. Inhaber), die da sagen: „Ich gebe nichts auf Zeugnisse, ich lüge ja selbst auch. Ich rufe in jedem Fall beim früheren Arbeitgeber an (schlecht für Sie) oder ich stelle nach vermuteter Qualifikation ein und bilde mir ein eigenes Urteil (Chance für Sie).“ Aber ein solcher Inhaber kann auch sagen: „Ich gebe zwar nichts auf Zeugnisse, aber dieses hier ist so verdächtig schlecht, dass ich die Finger von dem Mann lasse.“Im konkreten Fall spricht also tatsächlich einiges dafür, noch einen Versuch zur Verbesserung des Textes zu unternehmen. Schön, Sie haben Fehler gemacht. Aber Sie waren jung und unerfahren. Eine „Strafe“ (sehr schlechtes Zeugnis), die noch in zwanzig Jahren ihre Auswirkungen hat (weil sie dann immer noch zu bohrenden Fragen in Vorstellungsgesprächen führt), wäre vermutlich sehr hart. Also lautet mein Vorschlag für ein stufenweises Vorgehen:

1. Gehen Sie in sich, zeigen Sie Einsicht und gestehen Sie – sich und anderen – ein, Fehler gemacht zu haben (ohne den Zusatz: „Die anderen haben aber auch …“).

2. Sprechen Sie auf der Basis von 1. mit Ihrem alten Arbeitgeber, „bereuen“ Sie und bitten Sie im Sinne meines Arguments mit der „lebenslangen“ Strafe um ein Gespräch über eine Nachbesserung des Dokuments.

3. Klappt das nicht, gehen Sie zu einem auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwalt. Der sollte möglichst auch nicht gleich klagen, sondern Ihnen – am besten unter Ihrem Namen – einen Brief an den alten Arbeitgeber aufsetzen (Briefe von Ex-Mitarbeitern sind in Ordnung, solche von Anwälten reizen Unternehmen bloß). Darin schreiben Sie dann, dass Sie sich haben beraten lassen und dass Ihrer Meinung nach hier eine Grenze in der Beurteilung überschritten wurde (Ihr Anwalt weiß, welche).

4. Klappt das nicht, kann Ihr Anwalt schreiben und Fristen setzen.

5. Hilft das nicht, können Sie erwägen zu klagen.Zu meiner Situation: Ich darf und kann keine Rechtsberatung erteilen und ich „hetze“ Unternehmen nicht gern „Anwälte und Gerichte auf den Hals“. Aber unabhängig von der Rechtslage meine ich: Sofern Sie Fehler einsehen und eingestehen, könnte ein „milderes Urteil“ durchaus angemessen sein. Ein Anwalt, der nur die Rechtslage sieht, könnte Ihre Chancen auch ohne Ihr Eingeständnis eventueller Fehler positiver sehen – aber nach meiner Meinung löste ein gewonnener Prozess das Problem nicht: Sie müssen die Ursachen analysieren und aufarbeiten. Damit wir uns richtig verstehen: Von einem „Ich habe alles analysiert, das Resultat ist: Der Chef hat Schuld“ halte ich gar nichts. Und bedenken Sie, dass für Bewerber und sonstige Mitarbeiter gilt: Sie tun es immer wieder! Seien Sie gewarnt. Dies ist ein Spiel mit harten Bandagen. Und im Wiederholungsfall plädiert niemand mehr für einen zweite Chance für Sie, so wie ich jetzt.

Kurzantwort:

1. Ein schlechtes Zeugnis muss nicht unverdient sein. Klagen gegen Zeugnisse bergen hohe Risiken. Im Ausnahmefall kann jedoch auch dieser Extremschritt empfehlenswert sein.

2. Das reibungslose „Funktionieren“ in fast jeder betrieblichen Situation und personellen Konstellation ist eine wichtige Grundqualifikation des Angestellten.

Frage-Nr.: 1731
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-02-13

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