Heiko Mell 01.01.2016, 12:52 Uhr

Je besser die Armee, desto schlechter das Essen

Frage: Etwa dreieinhalb Monate nach meinem freiwilligen Ausscheiden aus der … (folgt der Name einer Gesellschaft in einem der großen Konzerne der westlichen Welt) wurde mir nach telefonischer Nachfrage ein Zeugnis zugestellt, das ich in seiner Kernaussage als ungünstig einstufe. Außerdem erscheint es mir unharmonisch und lieblos in Bausteinen formuliert. Das Datum stimmt allerdings mit dem Ausscheidetag überein.
Ich bin nicht im Unfrieden ausgeschieden, vielmehr bedauerten meine Vorgesetzten meinen Schritt mir gegenüber und sprachen mir Dank und Anerkennung aus. Während meiner Tätigkeit bin ich auch auf meine Nachfrage hin nie auf etwaige Fehlleistungen aufmerksam gemacht worden. Ich sehe durch dieses Zeugnis meine berufliche Entwicklung gefährdet.

Antwort:

Schon Asterix hat gewusst, dass sich die Qualität der Verpflegung umgekehrt proportional zur Schlagkraft der Truppe verhält. Und als er dann Gelegenheit bekommt, den zusammengekochten Einheitsfraß der römischen Legion zu kosten, meint er anerkennend, er hätte nicht gedacht, dass diese Armee soooo gut sei.

Im hier interessierenden zivilen Bereich gilt oft: Je größer der Konzern, desto liebloser das Zeugnis. Ich muss viele davon lesen und kann ein Lied davon singen.Nun zu Ihrem Dokument:

Fünf Jahre Betriebszugehörigkeit mit gleichem Aufgabengebiet, aber mit einer größeren gesellschaftsrechtlichen Veränderung; Entwicklungsingenieur; Aufgabengebiet und Einzeltätigkeiten werden informativ beschrieben. Von konkret erzielten Ergebnissen ist nicht die Rede.

Dann: „überdurchschnittliches Fachwissen“ und „gute Beherrschung des eigenen Aufgabengebietes“; „ausgesprochen einsatzbereit“, „belastbar, wechselnden Beanspruchungen und dem hier typischen Termindruck jederzeit gewachsen gewesen“.

Es folgen: „große Gewissenhaftigkeit, besondere Zuverlässigkeit und viel Engagement“; „sieht Dinge in ihren Zusammenhängen“, „arbeitete mit Weitblick und Übersicht“; „zeigte das für seine Funktion wichtige Durchsetzungsvermögen“. Kernsatz: „Er zeigte sehr gute Leistungen.“Abschluss: Ausscheiden auf eigenen Wunsch, der Austritt wird „sehr bedauert“, Dank für „Mitarbeit“, Wünsche für die Zukunft.

Das beurteile ich insgesamt als „gut“, wirkliche Einschränkungen sind nicht erkennbar.

Es ist das übliche, etwas lieblose, aber deshalb nicht zu beanstandende Dokument aus den verzweigten Gliederungen eines sehr großen Konzerns. Alles was gesagt werden musste, ist gesagt worden.

Sicher mag auch die Tatsache, dass Ihr Arbeitsverhältnis während der Tätigkeit konzernintern auf eine andere Firma überging, zu dem allgemeinen Chaos beigetragen haben – so etwas führt nahezu zwangsläufig zu etwas liebloseren Dokumenten. Auch die – unüblich – lange Wartezeit zwischen Ausscheiden und Zeugnisaushändigung ist ein Symptom für die Behandlung von Mitarbeiterinteressen.

Erlauben Sie mir bitte aber auch einmal folgende Anmerkung: Ich finde es ganz großartig, dass sich so viele Angestellte so engagiert um mindestens „sehr gute“ Zeugnisse bemühen. Wenn nun aber zwischen dem Examen an der Hochschule und der Tätigkeit als Arbeitnehmer keine wundersame Vermehrung von Ehrgeiz + Fähigkeiten stattfindet, dann könnte man durchaus von dieser Annahme ausgehen: Die Quote der Arbeitnehmer, die ein „sehr gutes“ Zeugnis verdienen, dürfte eigentlich nur unwesentlich höher sein als die der „Einser“-Examensinhaber. Schön, das müssen nicht zwangsläufig jeweils dieselben Personen sein, aber der Anteil der Elite kann doch keinen so gewaltigen Schwankungen unterworfen sein, wenn man Studium und nachfolgendes Arbeitsleben betrachtet. Oder doch?

Was bedeutet: Ein „sehr gutes“ Examen allein beweist noch nichts! Aber ein Arbeitnehmer hätte bessere Argumente auf seiner Seite, wenn er ein „sehr gutes“ berufliches Zeugnis einforderte – und in davor liegenden Lebensphasen (z. B. Studium) auch schon die Anforderungen mit „sehr guter“ Beurteilung erfüllt hätte (ich gehe nicht davon aus, dass diese Aussage meine Beliebtheit nachhaltig steigert).

Also, geehrter Einsender: Das vorgelegte Dokument wird Ihren weiteren Weg nicht bremsen – obwohl es zweifelsfrei bessere, aussagefähigere, „warmherziger“ geschriebene Dokumente gibt. Es ist „gut“ – womit sich an der Hochschule ja die meisten Leute absolut zufrieden geben.

Kurzantwort:

Die Diskussion um „Noten“ in Arbeitgeberzeugnissen ließe sich entscheidend versachlichen, würden nur etwa ebenso viele Arbeitnehmer ein „sehr gutes“ Dokument einfordern wie es dem Anteil „sehr guter“ Examen im Studium entspricht (oder kommt es zwischendurch zu wundersamen Qualifikationsvermehrungen?).

Frage-Nr.: 1721
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-12-20

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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