Heiko Mell

How to make ’ne Menge trouble

Frage: In Ihrer Stellungnahme zur Frage 1.668 schreiben Sie: „… wobei die Duden-Redaktion ‚vollste‘ in diesem Zusammenhang ausdrücklich gebilligt hat“. Um diese Schlüsselformulierung drehte sich auch eine Diskussion mit meinem ehemaligen Arbeitgeber.

Vor knapp einem Jahr verließ ich meinen Arbeitgeber XY AG. Als mein neuer Arbeitgeber feststand und vor dem Versenden meiner schriftlichen Kündigung informierte ich meinen damaligen Vorgesetzten in einem persönlichen Gespräch, dass ich zum … das Unternehmen verlassen werde.
Im Laufe des Monats nach dem Ausscheiden erhielt ich dann mein Arbeitszeugnis (siehe Anlage). Damit war ich auch (fast) zufrieden. Mich irritierte lediglich die Bemerkung „volle Zufriedenheit“ statt „vollste Zufriedenheit“. Um nicht vorschnell und unnötig „Wind“ bei meinem ehemaligen Arbeitgeber zu verursachen, ließ ich das Zeugnis von einer spezialisierten Firma analysieren (siehe Anlage). Das Ergebnis bestätigte meine Einschätzung, dass das Zeugnis im großen und ganzen „gut“ war. Allerdings wurde dort auf die Formulierung „volle/vollste Zufriedenheit“ hingewiesen.
Daraufhin entschloss ich mich, mit meinem ehemaligen Vorgesetzten Kontakt aufzunehmen (siehe Anlage). Ich trug mein Anliegen vor, listete meine Anmerkungen zu den einzelnen Bewertungspunkten auf und bat um Meinung und Stellungnahme. In der Antwort bekam ich erklärt, dass die XY AG aus grammatikalischen Gründen keine „vollste“ Zufriedenheit zugesteht.
Damit konnte ich mich nicht zufrieden geben, da ich nicht einsah, dass ich anderen (potenziellen) Arbeitgebern die grammatikalischen Bedenken der XY AG erläutern sollte. Somit schlug ich meinem ehemaligen Vorgesetzten Alternativvorschläge für „sehr gute“ Formulierungen vor (siehe Anlage).

Nachdem ich dann noch einmal nachhakte, bekam ich eine Antwort der Personalabteilung, die ich zusammenfassend als „Lassen Sie uns jetzt besser in Ruhe“ interpretiere.
Da ich hierauf nur noch den Gang zum Arbeitsgericht als letzte Möglichkeit sah, ließ ich die Geschichte auf sich beruhen.

1. Wie beurteilen Sie, der Sie ja bekanntermaßen und berechtigterweise auch gern auf Ausdruck bzw. die deutsche Sprache im allgemeinen achten, die Gewichtung „Grammatik versus Note“ bezüglich der Steigerungsformen „voll – voller – am vollsten“?

2. Wie relevant ist die Formulierung „vollen/ vollsten Zufriedenheit“ für das Gesamtbild des Zeugnisses?

3. Teilen Sie meine Auffassung, dass das beigefügte Zeugnis die Note „gut“ umschreibt und wäre es insgesamt „sehr gut“ mit der Formulierung „vollste“?

4. Wollte man mich vielleicht nur als „gut“ einstufen, mir das aber nicht offen sagen?

5. Waren die von mir gewählte Vorgehensweise über den Kontakt zum ehemaligen Chef und das externe Gutachten richtig?

6. Ist es generell ratsam, eine externe Bewertung eines Arbeitszeugnisses einzuholen und wie erkennt man als Laie die Qualität einer solchen Beurteilung bzw. die Kompetenz der beurteilenden Firma?

7. War das Thema den Aufwand wert bzw. hätte ich es sogar noch weiter verfolgen sollen?

PS. Ich hoffe, dass Sie Ihre Tätigkeit in der Karriereberatung in den VDI nachrichten noch lange fortführen, da Ihre offenen Worte und Ratschläge gerade jungen Leuten wie mir eine große Hilfestellung sind. Außerdem gibt es immer was zum Schmunzeln

Antwort:

Danke; nur vergessen Sie nicht, diesmal schmunzeln die anderen (Leser). Die furchtbare, sich aber immerhin nicht auch noch reimende Überschrift passt zum Thema „Sprache“ (voll coole Performance meinerseits oder?). Aber da sehen Sie, wie wir vielleicht in zwanzig Jahren sprechen werden – „vollste“ ist dagegen ausgesprochen harmlos.

Nun zu Ihnen: Sie, geehrter Leser, sind nach meiner Einschätzung (für die ich keine weiteren Informationen wie z. B. Lebenslauf, andere Zeugnisse etc. habe) sehr intelligent, ausgeprägt analytisch, mitunter „kompliziert“ veranlagt, könnten dazu neigen, sich in Ideen zu verlieren, die Sie nicht bis zu Ende durchdenken oder nicht rechtzeitig „beerdigen“. Faszinierend ist dabei, dass Sie alle denkbaren Aspekte aus dem Umfeld Ihres Themas selbst herausgefunden haben, wie Ihr Fragekatalog ausweist. Das war der hochintelligente, analytische Fachmann. Dann wäre aber der pragmatisch orientierte Entscheider gefragt gewesen …Ach und bitte grüßen Sie Monika, Andreas & Caroline, die mir lt. Absender auf Ihrem Briefkopf auch noch geschrieben haben. Ich habe mich sehr darüber gefreut und hoffe, sie alle sind wohlauf.

Zu 1: Physikalisch ist ein Glas entweder voll – oder es läuft über. Aber Technik ist viel, jedoch nicht alles. Kinos sind schon etwas anderes: Dieses heute ist voll; das, in dem wir gestern saßen, war aber voller. Aber am vollsten war doch das von letzter Woche. Das geht auch mit Trinkern, beispielsweise.

Sprache ist nicht logisch, sondern auch und vor allem vom Gebrauch abhängig. Unsere Deutschlehrer früherer Tage hätte bei manchem, was heute lt. Rechtschreibreform korrekt ist, noch der Schlag getroffen, also nur keine Aufregung.

Jedenfalls ist die Formulierung „vollste Zufriedenheit“ als Ausdruck höchsten Lobens in der Fachliteratur gerade für den Zeugnisbereich vielfältig vertreten. Auch meine Anfrage bei der Duden-Redaktion wurde mit Beispielen aus diesem Zusammenhang positiv beantwortet (Bedenken gegen „vollste“ bei Zeugnissen sind nicht gerechtfertigt).

Natürlich kann ein Unternehmen oder ein Personalchef die Konstruktion scheußlich finden, sich auf den physikalisch-technischen Standpunkt („geht nicht“) stellen und/oder für seinen Einflussbereich die Verwendung ablehnen. Teils glaubt man dort wirklich, man solle bestimmte Begriffe nicht steigern (wie „herzliche“ Grüße, beispielsweise), teils ist man froh, nicht über „sehr gut“ diskutieren zu müssen: „Für uns ist ‚volle‘ schon die höchste Wertung, was wollen Sie eigentlich“ – und schon ist der Arbeitgeber den lästigen Meckerer los. Hat in Ihrem Falle nicht geklappt, Pech für die XY AG.

Zu 2: Der arme Leser kann ja nicht wissen, was dahintersteht. Also wertet er nach überwiegender Gepflogenheit (zahlreiche sehr viel größere Firmen, deren Personalchefs auch Deutsch sprechen, kennen keine sprachlichen Vorbehalte!) und nach der Literatur: „volle“ ist 2, „vollste“ ist 1 – sofern „stets“ dabei steht (sonst rutscht alles eine Note tiefer).

Falls ein Arbeitgeber wirklich „vollste“ nicht mag, soll er doch andere Begriffe verwenden wie z. B. „stets sehr gut“ oder „stets zu unserer größten Zufriedenheit“. Bleibt er jedoch stur bei „voll“, unterstellt man, er wollte halt keine „1“ geben („Bei uns hat nur der Chef sehr gute Noten verdient“ – man kennt das auch von manchen Lehrern in der Schule).

Aber: Da das Problem jedem Fachmann bekannt ist, wird er versuchen, aus dem übrigen Text herauszulesen, was gemeint war. Das ist auch völlig richtig: Läge alles nur an der fraglichen Formulierung, könnte man den mühselig formulierten übrigen Text ja auch weglassen und nur noch die „Note“ vergeben. Mit sehr gutem, warmherzig und überall Superlative enthaltenden Umfeldtext wird auch „volle“ oft als „sehr gut“ interpretiert. Nur: Mit „vollste“ wäre die Interpretation einfacher und – vor allem – sicherer!

Zu 3: Ihnen wird bescheinigt: „systematisches Vorgehen, zeitplan- und kostengerechter, sehr erfolgreicher“ Abschluss Ihrer Projektaufgaben. Weiterhin „hohes Engagement, Eigeninitiative“ (fremde wäre auch zu komisch). Sie haben „alle Problemstellungen stets selbstständig und zuverlässig gelöst und neue Dinge verantwortungsvoll angepackt“. Und dann: „… erledigte er seine Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit.“Ferner gibt es noch „weitere, besonders positiv hervorzuhebende Ausprägungen in seinem Persönlichkeitsbild“ (Informationsverhalten sowie vorbildlich offenes Auftreten). Und Sie waren ein sehr guter „Teamplayer“.Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“. Vorgesetzte und Kollegen haben den Weggang „sehr bedauert“, Dank für die „sehr gute Zusammenarbeit“.

Das alles für einen jungen Mann zwischen 26 und 29, der gut 3,5 Jahre dort tätig war. Darin sind acht Monate Auslandseinsatz enthalten. Nach Rückkehr davon gab es offensichtlich eine neue Abteilung, in der Sie eingesetzt waren, Sie blieben noch zwei Jahre dort, dann schieden Sie aus.

Meine Interpretation: Sicher ist, dass dies zunächst uneingeschränkt ein gutes Dokument ist, in Schulnoten mindestens „2+“. Gäbe es darin die „vollste“ Zufriedenheit, wäre es ein „sehr gutes“ Zeugnis.Um aus den Formulierungen außerhalb der Zufriedenheit ohne die Unterstützung durch „vollste“ dennoch auf eine „1“ schließen zu können, hätten folgende Punkte in meinen Augen noch besser und eindeutiger abgehandelt sein müssen:

– Der wichtige und hinreichend lange Auslandseinsatz wird überhaupt nicht individuell beurteilt. Natürlich ist auch der im Gesamturteil enthalten, aber um unter diesen Umständen eine „1“ zu vergeben, hätte ich mir ein Sonderlob dazu gewünscht. Schließlich war Asien damals sicher Neuland für Sie. Aber es findet sich kein Wort dazu.

– Irgendwo im beschreibenden Text steht: „… und er machte sich … einen renommierten Namen in Fachkreisen.“ Schön, schön – aber sind Sie sicher, dass dies Ihre Chefs wirklich rundum und völlig ohne Einschränkungen begeistert hat? Die Firma gibt Ihnen die Chance, Sie nutzen sie für sich(!) – und hauen ab damit. So richtig glücklich wäre ich, stünde dort etwa: „… und trug damit maßgeblich dazu bei, die XY AG in Fachkreisen noch fester als renommierten Problemlöser für … zu etablieren.“ Oder der Chef hätte vielleicht schreiben mögen (wenn es denn so gewesen wäre): „…, unsere ABC-Abteilung in Fachkreisen …“ So aber steht dort, Sie hätten den auf Firmenkosten erworbenen Ruhm für sich „abgesahnt“. Das muss nichts bedeuten – kann aber.

– Ein „vorbildlich offenes Auftreten“ ohne Komma zwischen den Attributen ist kein(!) vorbildliches Auftreten! Weil sich „vorbildlich“ so ausschließlich auf „offen“ bezieht. Also ein sehr „offenes“ Auftreten – ein Mann, der sagt, was er denkt. Vorbildlich lt. Lehrbuch ja – aber hat das auch immer allen Chefs gefallen? Dies kratzt nicht am Wert Ihres Zeugnisses – aber um aus einer klaren „2“ per Interpretation eine „1“ zu machen, hätte ich mir gewünscht, für solche Überlegungen wie meine gäbe es gar keinen Ansatzpunkt.

– Am Schluss wird Ihre Entscheidung „sowohl von den Vorgesetzten als auch von den Kollegen“ sehr bedauert. Sehr schön. Aber ist es Absicht, als ausstellendes Unternehmen nicht „von uns“ zu schreiben? Will der Formulierer sagen, Vorgesetzte und Kollegen ja, aber andere Personen/Kreise und damit „der Arbeitgeber“ nicht? Auch hier gelten die Bemerkungen zum vorigen Punkt.

– Mit dem Dank für die „sehr gute“ Zusammenarbeit zeigt das Unternehmen, dass es Einser-Noten bzw. adäquate Formulierungen kennt und verwendet. Dann hätte man, so es gewollt gewesen wäre, auch für die Zufriedenheit noch etwas gefunden, das klarer als „1“ hätte interpretiert werden können.

Also: Bleiben wir bei der „2+“.

Zu 4: Ich neige zu der Ansicht, man wollte nicht. Das muss nicht falsch sein – Sie können die Firma nicht zwingen, von Ihnen einen rundum umeingeschränkt „sehr guten“ Eindruck zu haben.

Zu 5: Das war der zentrale Fehler überhaupt! Sich ein externes Gutachten über das Dokumentes zu beschaffen, war in Ordnung. Aber Sie haben Ihre Argumentation gegenüber dem Chef auf dieses externe Gutachten gestützt. Das mögen Unternehmen nun überhaupt nicht. Danach konnten die Leute dort nur bei ihrem alten Text bleiben.

Als Lebenshilfe: Kommen Sie nie einem Fachmann mit der abweichenden Meinung eines anderen Fachmannes. Dann beziehen Sie sich schon lieber auf Ihre Oma (bildlich gesprochen).

Zu 6: Beim ersten Teil der Frage erkläre ich mich für befangen, schließlich bietet auch meine Firma so etwas an. Zur Kompetenz und Qualität: Fragen Sie die Leute, welche berufliche Praxis der anfertigende Gutachter(!) hat. Selbstverständlich sollte dessen Erfahrung mit „Bewerbung/Zeugnissen/Lebensläufen“ in engstem Zusammenhang stehen. Zeugnisanalysen sind nur etwas für sehr erfahrene Praktiker, nichts für Deutschlehrer.

Zu 7: Die Kernfrage der Geschichte. Die Antwort ist ein doppeltes „Nein“. Schön, mir hat es Spaß gemacht, für viele Leser ist es interessant und lehrreich zu sehen, was alles so passiert rund um dieses wichtige Dokument.

Aber man muss auch mit einer „2“ leben können, im Examen ebenso wie in Arbeitgeberzeugnissen. Viele Menschen kommen niemals über eine „3“ hinaus, für sehr viele ist schon die ein Traum geblieben.

Für Sie gilt: Beschäftigen Sie sich einmal mit der Frage, ob da nicht doch irgendwo noch klitzekleine Vorbehalte Ihres alten Arbeitgebers gegen eine „1“ bestanden haben könnten.

Kurzantwort:

Aufregungen wegen eines Arbeitszeugnisses, das „nur“ etwa als „2+“ zu interpretieren ist, sind nicht angebracht. Andererseits sind auch Arbeitgebervorbehalte gegen die Steigerungsform „vollste“ bei Zeugnissen aus rein sprachlichen Gründen nicht gerechtfertigt!

Frage-Nr.: 1699
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-22

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