Heiko Mell

Diverse Fragen zum Zwischenzeugnis

Frage: Nach einigen Jahren Tätigkeit bei einem großen mittelständischen Unternehmen bin ich firmenintern nun auf meine Wunschposition in einer anderen Abteilung gewechselt. Wunschgemäß wurde mir ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Mein damaliger Vorgesetzter hat dabei auf eine Besprechung verzichtet. Bei der Aushändigung des Zeugnisses wurde mir von der Personalabteilung eine gehobene Wertung glaubhaft gemacht. Meiner Auffassung nach ist dieses Zwischenzeugnis jedoch enttäuschend.Beim nachträglichen Einblick in meine Personalakte habe ich dann die Grundlage des Zeugnisses gefunden. Auf einem Ankreuzbogen waren folgende Wertungen jeweils einem bestimmten standardisierten Zeugnissatz zugeordnet:
– entspricht den Anforderungen- überdurchschnittlich- hervorragendIn diesem Zusammenhang nun folgende Fragen:

1. Ist die Wertung „entspricht den Anforderungen“ die schlechteste der möglichen Wertungen im Unternehmen?

2. Ist dieses standardisierte Baukastenverfahren bei größeren Unternehmen üblich?

3. Richtet sich die Wertung des Fachwissens alleine auf das Volumen ohne Berücksichtigung des Faktors Zeit?

4. Halten Sie den Satz „Er gab wertvolle Anregungen“ aufgrund der Knappheit auch für unglücklich?

5. Wie würden Sie dieses Zwischenzeugnis analysieren?

Antwort:

Fangen wir einmal mit 5. an: Das Dokument umfasst eine Seite und beurteilt eine dreijährige Tätigkeit als Sachbearbeiter in der Projektbearbeitung.

Es werden dann in Form einer Punktaufzählung eine Reihe von Einzelheiten zum Aufgabengebiet dargestellt. Dann folgen zwei Beurteilungsabsätze.Es wird von einem „guten Fachwissen“ gesprochen und davon, dass das Arbeitsgebiet „beherrscht“ wurde. Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Aufgaben, Zuverlässigkeit, zügiges Arbeiten, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein werden erwähnt. Dann heißt es: „Er gab wertvolle Anregungen.“Die Förderung der Zusammenarbeit durch diesen Mitarbeiter wird erwähnt, eine besondere Vertrauenswürdigkeit wird hervorgehoben. Der Kernsatz der Beurteilung (immer der mit der Zufriedenheit) lautet: „Wir waren mit seinen Leistungen sehr zufrieden.“ Dann kommt noch das einwandfreie Verhalten. Schließlich wird der Wechsel als Grund für die Ausstellung des Dokuments erwähnt.

Insgesamt ist das Dokument knapp, ohne besonderes Engagement (ohne Begeisterung) geschrieben, aber korrekt und nach allgemeinen Gepflogenheiten ausreichend ausführlich. Man würde es insgesamt unter „befriedigend“ (nach Schulnoten) einordnen.

Die Dinge werden deutlicher, wenn man sich die Bewertung (auf Ihrem „Ankreuzbogen“) anschaut. Dort bekommen Sie für den gesamten Komplex „Fachwissen“ nur die niedrigste überhaupt vorgesehene Wertung. Für „Qualität der geleisteten Arbeit“ bekommen Sie die gleiche Wertung – damit haben Sie zwei wesentliche Hauptpunkte auf relativ niedrigem Niveau abgeschlossen.

Bei „Arbeitsbereitschaft/Initiative“ liegen Sie im überdurchschnittlichen Bereich, dann auch noch einmal in einem Komplex aus dem sozialen Verhalten. Und bei der Gesamtwertung erhalten Sie wiederum die niedrigste der denkbaren Wertungen.

Das Zeugnis gibt also sehr korrekt und in durchaus noch annehmbarer Form, den Vorschriften für die Zeugniserstellung entsprechend und eigentlich sogar etwas geschönt, die niedergelegte Wertung des früheren Vorgesetzten wieder.

Zu 1: Die Wertung „entspricht den Anforderungen“ ist nicht die denkbar schlechteste aller Stufen, sondern nur die schlechteste aller positiven Stufen. Darunter entspricht man den Anforderungen nicht mehr – was in einem Zeugnis so deutlich nicht gesagt sein darf (Gesetz und Rechtsprechung), wofür man sich dann die üblichen Verklausulierungen der Zeugnissprache einfallen lassen muss.

Bitte gehen Sie an die Diskussion darüber nicht mit sprachlicher Akribie heran, das bringt Sie nicht weiter. Millionen von Schülern haben schon versucht, mit ihren Eltern zu diskutieren, dass eine „ausreichende“ Note unter der Mathematikarbeit ja doch nicht zu beanstanden sei, da die Leistung ja ganz offensichtlich eben ausreiche. Fakt ist, dass Ihr damaliger Vorgesetzter keinen Anlass sah, Ihretwegen in Begeisterung auszubrechen. Das wiederum ist völlig normal und verständlich – da aus Ihren Worten hervorgeht, dass Sie in der Abteilung unglücklich waren und weg wollten. Jetzt endlich, so schreiben Sie selbst, seien Sie in Ihrer Wunschabteilung tätig. Glauben Sie bloß nicht, so etwas merkt ein vernünftiger Vorgesetzter nicht! Wer dort, wo er nun einmal ist, nicht gern ist, erreicht erfahrungsgemäß auch keine sehr guten Beurteilungen.

Zu 2: Ja, absolut. Große Firmen scheinen auch alle auf das gleiche Buch o. ä. zurückzugreifen, in dem Standardformulierungen empfohlen werden. Jedenfalls gleichen sich mitunter die verwendeten Formulierungen bis auf Punkt und Komma.

Zu 3: Die Frage ist nicht sinnvoll! Sie können in keiner denkbaren Art und Weise den Begriff „Wissen“ mit dem Faktor Zeit verknüpfen. Wissen ist entweder vorhanden oder nicht. Was Sie meinen, ist der Unterschied zwischen Arbeit und Leistung, um den es aber hier nicht ging.

Zu 4: Im Gesamtzusammenhang dieses „mittelprächtigen“ Zeugnisses ist dieser Satz völlig normal.

Ihre Chance für die Zukunft: Sie sind jetzt dort (in einer Abteilung), wo Sie hinwollten. Bringen Sie Ihren neuen Chef dazu, von Ihnen begeistert zu sein, am besten gleich auf der ganzen Linie, vom Fachwissen über das soziale Verhalten bis hin zur Leistungsbeurteilung und damit Gesamtwertung. Wenn Sie das weitere drei Jahre durchhalten, ist das alte Zwischenzeugnis fast „vergessen“ und wird in seiner Wirkung von der später erfolgenden Beurteilung Ihres heutigen Vorgesetzten total überlagert. Konkret: Bringen Sie den dazu, Sie insgesamt als „gut+“ einzustufen, dann wird Ihr Endzeugnis selbst unter Berücksichtigung des dann alten Zwischenzeugnisses allerhöchstens auf ein „Gut“ herabgestuft.

Kurzantwort:

Wer einen ungeliebten Job macht, läuft Gefahr, ihn weniger gut zu erledigen. Das merkt dann der Chef, der seinerseits ein weniger gutes Zeugnis ausstellt.

Frage-Nr.: 1688
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-10

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