Heiko Mell

„Wohltaten“ gegenüber Mitarbeitern?

Frage: Ich wüsste gern, was ein Arbeitgeber denkt, wenn er in einem Zeugnis (wie bei mir) liest:
„Hervorzuheben ist … seine stets vorhandene Bereitschaft, sich der menschlichen Probleme seiner Mitarbeiter anzunehmen.“
Vielleicht ist diese Formulierung ja so exotisch, dass dafür gar kein „Schlüssel“ existiert und mein damaliger Chef wollte mir nur eine altruistische Eigenschaft bescheinigen. Doch ich kann mich an keine größeren Wohltaten erinnern; jedenfalls habe ich weder zinsgünstige Darlehen an meine Mitarbeiter vergeben, noch wacklige Ehen gekittet, noch Transsexuellen zu neuer Identität verholfen, noch …

Antwort:

Ich habe nie das Zeug zu einem guten Konstrukteur gehabt. Mir fehlt nahezu jegliches räumliche Vorstellungsvermögen, ich kann keine komplexen Konstruktionszeichnungen lesen, jedenfalls nicht so schnell wie es nötig wäre. Nun stelle ich mir vor, dass ein wirklich begabter Konstruktionsingenieur einen intensiven Blick auf eine Zeichnung (Papier oder CAD-Bildschirm) wirft und instinktiv erkennt, ob es sich da um eine durchdachte Geschichte handelt oder um besseren Murks.

Zum Ausgleich habe ich eine ähnliche Fähigkeit bei Texten, bei Formulierungen. Die „sprechen“ irgendwie zu mir – ich ahne zumindest, was der Schreiber wohl gemeint haben mag, erkenne einen im Wortfluss „störenden“ Begriff (um den sein „Konstrukteur“ vermutlich lange gerungen hat) – und ich kann mich in die Lage des Lesers versetzen, an den der Text gerichtet war. Natürlich erziele ich keine Trefferquote von 100 % – weil u. a. manche Leute beim Schreiben und andere beim Lesen so „ungewöhnlich“ denken, dass sie außerhalb meiner Fähigkeiten liegen.

Spätestens jetzt wollen Sie gern wissen, was diese Einleitung soll: Ich riskiere die Aussage, dass die Quote derjenigen Leser, die „altruistisch“ sicher definieren können, nicht so groß ist, dass man damit Wahlen gewinnen würde. Ganz im Gegenteil. Also zitiere ich aus dem Duden („Das Fremdwörterbuch“): „selbstlos, uneigennützig, aufopfernd; Gegensatz: egoistisch“.

Aber meine Einleitung passt auch zum Rest der Antwort: Es geht nicht so sehr um einen „Schlüssel“ in diesem Metier. Teils stehen Ansätze dazu in Büchern – mit dem üblichen Effekt: drei Fachleute, vier Meinungen. Teils (sogar mit extrem hohen Quoten, mit denen man Wahlen sehr wohl gewönne) lesen weder die Schreiber, noch die Zielgruppen von Zeugnissen diese Bücher. Teils sind die Zeugnisschreiber darauf auch noch stolz – die Leser eher weniger, sie lesen aber dennoch solche Bücher nicht. Wie ich so oft sage: Die berufliche Welt „menschelt“ sehr stark oder in ihr „menschelt“ es – wie Sie wollen.

Bedenken Sie also stets: Es nützt Ihnen gar nichts, wenn Ihr Zeugnis nach dem modernsten aller Fachbücher geschrieben wurde. Die Gefahr ist nämlich ziemlich hoch, dass die späteren Bewerbungsempfänger jenen „Schlüssel“ überhaupt nicht kennen – und das Gegenteil von dem hineininterpretieren, was der Schreiber gemeint hatte.

Nun zu dem, was mit großer Wahrscheinlichkeit Bewerbungsempfänger denken, wenn sie bei einer Führungskraft auf solch eine Formulierung im Zeugnis stoßen: Ein menschenfreundlicher, fürsorglicher Vorgesetzter, der stets ein offenes Ohr hat für die Belange seiner Mitarbeiter und der dann natürlich auch versucht, diesen Anliegen „oben“ Geltung zu verschaffen. Das wiederum kann nur zu Lasten des Betriebes gehen. Dieser Manager hat vermutlich nicht die nötige Härte (das Feuern von Leuten treibt den Aktienkurs nach oben, nicht nette Umgangsformen) zum Führen, tritt bei seinen Chefs gern als Minibetriebsrat seiner unterstellten Mitarbeiter auf. Er vergisst leicht, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: Der Arbeitgeber bezahlt ihn, um Firmeninteressen in seinem Zuständigkeitsbereich konsequent umzusetzen. Sicher ist das ein netter Mensch – aber hier geht es um die Sicherung von Renditeinteressen. Und wenn es daher morgen nötig ist, diese Abteilung aufzulösen, dann wird er stattdessen die Mitarbeiterbelange als Gegenargument anführen.

Ich glaube übrigens nicht, dass in Ihrem Fall (Text des gesamten Dokumentes liegt mir vor) der Zeugnisformulierer damit wirklich etwas Kritisches sagen wollte, aber darum geht es ja im Leben fast nie.

Führungseigenschaften im Zeugnis sind idealerweise eine Mischung aus „… erreichte einen sehr hohen Leistungsstandard bei unterstellten Mitarbeitern“, „überdurchschnittliche Motivationskraft“ – und „stellte jederzeit das erforderliche Durchsetzungsvermögen unter Beweis“. Das kann man dann noch garnieren mit weiteren positiven Formulierungen (etwa zur Überzeugungskraft, zur aktiven Förderung der Zusammenarbeit, zur vollständigen Information der Mitarbeiter, zur Förderung von deren Weiterbildung und zur Delegation von Aufgaben und Verantwortung). Zur Warnung: „altruistisch“ steht da besser nicht!

Kurzantwort:

„Führungsqualifikation“ im Zeugnis(!) ist etwas anderes als das Kümmern um die „menschlichen Probleme“ der unterstellten Mitarbeiter.

Frage-Nr.: 1653
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-22

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