Heiko Mell

Ist meines zu kurz?

Frage: Ich habe nach fast fünfjähriger Tätigkeit als Produktionsleiter meinen alten Arbeitgeber verlassen und ein Zeugnis bekommen. Vom Wortlaut her erscheint mir dieses sehr gut, aber ist es nicht etwas zu kurz geraten? Ich meine, dass für mein damaliges Aufgaben- und Tätigkeitsfeld mehr Volumen zu erwarten gewesen wäre, immerhin war ich in der Position eines Hauptabteilungsleiters tätig. Mir unterstanden ein Betriebsleiter, die AV, das Lager und eine Produktionsabteilung mit einem Meister und fünf gewerblichen Mitarbeitern. Unter dem mir unterstellten Betriebsleiter gab es noch mehrere Abteilungen mit insgesamt fünfzig Mitarbeitern, so dass ich insgesamt fast siebzig Mitarbeiter führte und auch für die termin- und kostengerechte Fertigung zuständig war.

Wie sollte ich am besten argumentativ vorgehen, wenn ich um Nachbesserung bitte? Muss durch den Aussteller bei einer Neufassung als Datum wieder das ursprüngliche, mit meinem Ausscheidetag identische Datum stehen?

Antwort:

Letzteres zuerst: Jedes Zeugnis, ob es nun die erste Ausfertigung war oder ob man mehrfach hin- und herdiskutiert hat und es sich hier um die dritte Fassung handelt, soll unbedingt ein Ausstellungsdatum tragen, das in engstem zeitlichen Zusammenhang mit dem Ausscheidetag steht. Vierzehn Tage Abweichung nach oben oder nach unten sind unproblematisch, darüber hinaus wird es langsam kritisch. Begründung: Der spätere Leser kann denken, dass in der Zeit zwischen Ausscheidedatum und Ausstellungsdatum des Dokumentes Rechtsanwälte eingeschaltet wurden, dass Klage erhoben wurde etc. Das wäre nicht günstig für den ehemaligen Mitarbeiter, der sich jetzt mit diesem Zeugnis bewirbt.

Zur Sache selbst: Ihr Dokument nennt Ihren Status als Produktionsleiter eines Unternehmensbereiches, weist auf die Rechtsvorgängerin hin, bei der Sie damals beschäftigt waren und schildert die spätere Übernahme durch einen amerikanischen Konzern. Dann wird das Unternehmen kurz vorgestellt (all das ist positiv), anschließend wird Ihr ehemaliger Verantwortungsbereich stichwortartig aufgelistet. Die von Ihnen genannten Mitarbeiterzahlen stehen dort nicht, das ist aber völlig unproblematisch: Sie können jederzeit im Lebenslauf diese Detailangaben machen – die problemlos geglaubt werden. Konkret: Es ist absolut gleichwertig, ob Ihnen im Zeugnis hundert Mitarbeiter als unterstellt bescheinigt werden oder ob Sie im Lebenslauf behaupten, Sie hätten hundert Mitarbeiter geführt. Die Begründung für diese scheinbare Unsinnigkeit: Wir reden ja hier im Falle einer Bewerbung nur über die vorletzte Position. Ihre letzte, also dann „heutige“, ist ja ungekündigt und wird nicht durch ein Zeugnis belegt. Andererseits ist diese dann „heutige“ Funktion die wichtigste Phase Ihres ganzen beruflichen Werdeganges. Da es darüber kein Zeugnis gibt, ist der Leser der Bewerbung darauf angewiesen, Ihren Angaben in Anschreiben und/oder Lebenslauf zu glauben. Das tut er dann auch völlig problemlos – und bei der Gelegenheit tut er es bei den früheren Positionen gleich mit.

Also keine Panik bis dahin. Mit dem erwähnten Aufzählen sachlicher Details wird eine ganze erste Seite des Zeugnisses ausgefüllt.

Dann gibt es eine Angabe, dass Sie darauf „geachtet“ hätten, Ihre Kenntnisse durch Weiterbildungsmaßnahmen zu erweitern. Das ist von der Sache her nicht viel, außerdem werden die Kenntnisse nicht gewürdigt (z. B. nicht als „fundiert“ oder gar als „hervorragend“ bezeichnet). Also dient dieser Satz nur dem Hinweis, dass Sie sich weitergebildet haben und ist immer noch keine eigentliche Beurteilung.

Diese „eigentliche“ Beurteilung, also der harte Kern eines Zeugnisses, findet bei Ihnen tatsächlich nur auf kleinstem Raum statt. Schon im ersten der dafür vorgesehenen Sätze wird wiederum der Kern der Beurteilung abgehandelt, nämlich der Grad der Zufriedenheit. Die gewählte Formulierung „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ entspricht der Schulnote „sehr gut“. Dann wird ein bisschen über Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, über Zielgerichtetheit und Verlässlichkeit gesprochen. Dann wird der Pauschalsatz mit dem Verhalten gegenüber jedermann abgehandelt. Dann ist bereits Schluss. Es folgen noch das Ausscheiden auf eigenen Wunsch und das Bedauern sowie der ausdrückliche Dank für die gute Zusammenarbeit. Ende.

Versuch einer Wertung: Es ist vom Gefühl her etwas wenig „Fleisch“ in der Beurteilung, es fehlt das, was man als Fachmann „Wärme“ in einem solchen Dokument nennt. Konkret: Man hat Ihnen in kurzer, knapper Form eine sehr gute „Note“ verpasst – mehr hat man nicht getan.

Dafür gibt es zwei denkbare Ursachen:

a) Irgendjemand wollte damit irgendetwas zum Ausdruck bringen. Vielleicht hat man sich am Schluss über Sie geärgert, vielleicht haben Sie zwar gute Arbeit geleistet, was man „zähneknirschend“ anerkennt, aber Ihr Verhältnis zum Vorgesetzten war nicht so harmonisch, wie man sich das idealerweise wünschen würde.

b) Vielleicht hat man sich auch gar nichts dabei gedacht, eventuell ist dies Stil des Unternehmens, vielleicht ist Ihr Vorgesetzter ein Mann, der niemals viele Worte macht und in dessen Augen jemand schon deshalb hervorragend sein muss, weil er ihn nicht längst gefeuert hat! Solche Leute gibt es.

Die Wahrscheinlichkeit beträgt jeweils etwa 50 % – nur Sie als Betroffener könnten wissen, woran es wirklich gelegen hat.

Was die Möglichkeit zu einer Nachbesserung angeht: Es ist sehr schwer vorherzusagen, ob das Unternehmen dazu bereit ist. Es kann sich auf den Standpunkt zurückziehen, dies sei ein sehr gutes Zeugnis mit allen entsprechenden Elementen und Ihre weiteren Wünsche verstehe man einfach nicht. Es gäbe nichts zu verbessern, die Sache sei in Ordnung. Einen Grund, hier etwas einzuklagen, hätten Sie dabei tatsächlich nicht.

Vielleicht beugt man sich auch zähneknirschend Ihrem Argument, dass Sie selbst natürlich kein Fachmann seien und dieses Dokument einigen Experten vorgelegt hätten. Diese nun, so könnten Sie anführen, hätten eigentlich übereinstimmend gesagt, die Wertung sei zwar sehr gut, sie sei aber andererseits überraschend kurz, kühl und knapp gehalten. Es besteht immerhin die Hoffnung, dass das Unternehmen sich dann zu einer Nachbesserung entschließt. Vielleicht will der Vorgesetzte einen Entwurf von Ihnen, weil er sich selbst gar nicht vorstellen kann, was man denn da noch hinschreiben solle.

Als Tipp von mir: Bei einer wichtigen Führungsposition, die man über mehrere Jahre ausgeübt hat, wäre es sehr wertvoll (und würde zusätzlich Raum im Zeugnis „verbrauchen“), wenn man ein paar konkrete Arbeitserfolge aufführen würde in diesem Dokument. Sie könnten beispielsweise in Ihrem Verantwortungsbereich die Effizienz bzw. die Produktivität erhöht haben, Sie könnten für Kostensenkungen verantwortlich sein, Sie könnten die Lieferfähigkeit und/oder Qualität entscheidend verbessert haben – irgendetwas Positives wird sich doch finden, wofür Sie verantwortlich zeichneten.

Ein zweiter Aspekt ist besonders wichtig: Bei der Anzahl der Ihnen letztlich direkt und indirekt unterstellten Mitarbeiter wäre eine Aussage speziell zu Ihren Führungsfähigkeiten nicht nur außerordentlich wichtig, sondern in einem solchen Zeugnis eigentlich unbedingt zu erwarten. Jedenfalls wird der spätere Leser es vermutlich tun. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, auch dies sei mit „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ abgedeckt. Wenn das aber so wäre, dann brauchte man in Zeugnissen überhaupt keine Mühe mehr auf einzelne Formulierungen zu verschwenden und könnte nur noch mit jenen „Schulnoten“ arbeiten. Dem ist aber nicht so.Wenn Sie also vorschlügen oder darum bäten, einen Absatz über konkret von Ihnen erzielte positive Arbeitsergebnisse zu formulieren und einen zweiten über Ihre Führungseigenschaften, dann würden Sie bereits viel mehr „Fleisch“ in die Beurteilung hineinbringen, ohne das Unternehmen in eine kleinliche Diskussion über jedes einzelne Wort zu verwickeln.

Als allgemeines Beispiel für einen Absatz über Führungseigenschaften: „Bei der Führung seiner Mitarbeiter zeichnete sich Herr … durch eine hohe Motivationskraft aus. Dabei zeigte er jederzeit auch das erforderliche Durchsetzungsvermögen. Er erreichte einen hohen Leistungsstand innerhalb seines Zuständigkeitsbereiches.“

Noch speziell eine Anmerkung zu der Durchsetzungskraft: Motivation allein ist zwar ganz schön, reicht aber nicht allen späteren Bewerbungslesern, besonders wenn sie aus dem Bereich mittelständischer Industriebetriebe kommen. Wer den Eindruck erweckt, stets nur „kooperativ“, also „mitarbeiterfreundlich“ zu führen, kann leicht in den Verdacht geraten, eine Art „Schönwetterkapitän“ zu sein. Über ihn ist zwar nichts Negatives gesagt, er wirft jedoch eventuell die Frage auf, ob er auch im Ernstfall durchgreifen kann, ob er beispielsweise bei einer erforderlichen Personalanpassung nach unten hin hart genug ist, um die entsprechenden Entscheidungen durchzuführen und Vorgaben umzusetzen etc. Insofern ist für eine Führungskraft Durchsetzungsvermögen nie falsch (wobei sich Fachleute darüber einig sind, dass es ohne diese Eigenschaft überhaupt nicht geht).

Falls ein Vorgesetzter dieses liest, der selbst zu extrem kurzen Zeugnissen neigt, sei ihm noch folgendes Argument nahegebracht: Stellen Sie sich vor, Sie holen selbst eine telefonische Referenz über einen Bewerber ein und sprechen mit dessen früherem Vorgesetzten. Sie erläutern Ihr Anliegen in einigen Sätzen und fragen ihn dann konkret: „Wie beurteilen Sie diesen Mann?“ Dann macht der Angerufene eine kleine Denkpause und äußert sich so: „Sehr gut!“ Mehr kommt nicht. Mehr will er auch auf Nachfragen nicht herausrücken. Würde Ihnen das reichen? Sehen Sie, den anderen reicht das auch nicht.

Bei kritisch gemeinten Zeugnissen reicht eine kurze, aber vernichtende Stellungnahme hingegen völlig aus. Auch in meinem Beispiel mit der telefonischen Referenzeinholung wäre eine Auskunft völlig erschöpfend, wenn sie lautete: „Der Kerl ist eine Flasche!“Das wiederum fällt unter die von mir hier schon oft vorgestellte Erkenntnis: Gutes über andere will der Mensch bewiesen haben, Schlechtes hingegen glaubt er sofort.

Kurzantwort:

Insbesondere eine Führungskraft mit mehreren Beschäftigungsjahren sollte beim Ausscheiden darauf achten, dass ihr Zeugnis nicht zu knapp im Bewertungsbereich formuliert ist – selbst wenn die „Schulnote sehr gut“ erkennbar vergeben wurde. Ein bisschen „Fleisch“ an den Formulierungen steht für „Wärme“ und ein positives Klima gerade auch im Verhältnis zum Vorgesetzten. Hat der Arbeitgeber nichts zu den Führungseigenschaften geschrieben, kann das ein zusätzliches Signal sein.

Frage-Nr.: 1616
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-28

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