Heiko Mell

Soll ich ein Arbeitszeugnis anfordern?

Bei dem Bewerbungs- und Vorstellungsgespräch wurde ich von meinem späteren Arbeitgeber nach einem Zeugnis gefragt, konnte aber keines vorweisen, weil ich zum damaligen Zeitpunkt meinen Arbeitgeber noch nicht über einen möglichen bevorstehenden Wechsel informiert und nicht nach einem (Zwischen-)Zeugnis gefragt hatte.
Als dann der Wechsel vollzogen war, wurde ich nicht mehr auf ein Zeugnis angesprochen. Ebenso wurde vom bisherigen Arbeitgeber kein (End-)Zeugnis ausgestellt.

Daher meine Frage: Ist es notwendig und sinnvoll, ein Zeugnis anzufordern, auch wenn der neue Arbeitgeber es (nach der Einstellung) nicht verlangt?

Als Hinweis: Meines Erachtens würde das Zeugnis übrigens gut ausfallen.

Antwort:

Es scheint so als sei Ihre Frage ernst gemeint. Sie haben ein gutes Universitätsexamen und sind nebenbei auch noch Familienvater, der für einige Kinder sorgen muss. Ich weiß nicht, wie ich meine Verzweiflung so richtig deutlich machen soll: Wie kann man eine solche Frage stellen?

Stellen Sie sich doch bloß einmal vor, Sie wollten Ihren jetzigen Arbeitgeber verlassen. Oder wenn das derzeit nicht im Rahmen des Vorstellbaren liegt: Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen neuen Arbeitgeber suchen, weil Ihr heutiger verkauft, restrukturiert wird, nichts mehr von Ihnen wissen will, Ihnen einen „unmöglichen“ Chef präsentiert etc. etc. In einem solchen Fall akzeptiert wiederum der Bewerbungsempfänger, dass Sie vom derzeitigen Arbeitgeber kein Zeugnis haben. Aber er wird unter allen Umständen darauf bestehen, ein Zeugnis vom „alten“ Arbeitgeber zu sehen, bei dem Sie sechs Jahre lang tätig waren! Es ist denkbar, dass ohne dieses Dokument Ihre Bewerbung gar nicht weiter bearbeitet wird, dass Ihre Behauptungen über Ihre damalige Beschäftigung als unglaubwürdig eingestuft werden oder man sonstige Spekulationen anstellt, die nicht zu Ihrem Vorteil geraten. Und wenn dann noch zum Zeitpunkt dieses Bewerbungsvorganges die nächste Wirtschaftskrise herrscht (irgendwann kommt sie mit tödlicher Sicherheit), dann müssten Sie Ihre gesamte berufliche Existenz als gefährdet ansehen.

Zum Mindest-Basiswissen eines deutschen akademischen Arbeitnehmers gehört die Erkenntnis: Wenn ich bei einem Arbeitgeber ausscheide, brauche ich ein qualifiziertes Arbeitszeugnis über diese Zeit. Dabei ist der normale Aushändigungstag identisch mit dem Tag, an dem das Beschäftigungsverhältnis endet. Wer dann noch kein solches Dokument in Händen hält, ist aufgerufen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dieses so wichtige Stück Papier zu seinen Akten nehmen zu können.

Übrigens käme kaum jemals ein Mensch auf die Idee, beispielsweise sein Examenszeugnis wegzuwerfen und damit darauf zu verzichten. Warum eigentlich? Im weiteren Verlauf des Berufslebens werden Arbeitgeberzeugnisse gegenüber dem damaligen Examen immer wichtiger und bedeutsamer. Nur unmittelbar gegen Ende des Studiums ist das Examen alles – weil anderes noch nicht vorhanden ist. Mit zehn oder fünfzehn Jahren Berufspraxis ist diese alles und das Examen ein nettes kleines Beiwerk, mehr meist nicht.

Ob Ihr heutiger Arbeitgeber das Zeugnis haben will, ist eine völlig unerhebliche Geschichte. Der nächste Bewerbungsempfänger wird es sehen wollen, das ist das Problem! Und bitte, bitte glauben Sie keine Sekunde lang, es werde keinen nächsten Bewerbungsempfänger geben. Sie sind jetzt 34 Jahre alt und müssen noch so an die dreißig Jahre arbeiten. Da wird eine Menge an Ereignissen zusammenkommen, ich verspreche es Ihnen.

Übrigens achten Sie bitte bei dem jetzt nachträglich auszustellenden Zeugnis Ihres alten Arbeitgebers (hoffentlich existiert der noch) darauf, dass das Ausstelldatum in engem zeitlichen Zusammenhang mit dem damaligen Ende des Arbeitsverhältnisses steht und dass das Dokument nicht etwa ein Datum trägt, das ein Jahr später liegt. Daraus nämlich schließt man gemeinhin auf arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen mit dem früheren Arbeitgeber über Zeugnisformulierungen, auf Einschaltung von Rechtsanwälten und ähnlich unerfreuliche Vorkommnisse.

Kurzantwort:

In Deutschland hat der Arbeitnehmer dafür Sorge zu tragen, dass er über jedes abgeschlossene Arbeitsverhältnis ein qualifiziertes Zeugnis in Händen hält. Dies liegt in seinem ureigenen Interesse – dabei ist es unerheblich, ob er einmal auf einen neuen Arbeitgeber stößt, der solche Dokumente nicht verlangt hat.

Frage-Nr.: 1606
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-31

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