Heiko Mell 01.01.2016, 08:04 Uhr

Der „Auseinandersetzer“

Frage: Auf Ihre Auslegung eines Zeugnissatzes bin ich als Betroffener schon gespannt. Der schwergewichtige Satz lautet:
„Herr … nimmt Anregungen gern entgegen, jedoch nicht ohne sich mit ihnen auseinander zu setzen.“
Üben Sie, sehr geehrter Herr Mell, Nachsicht!

Antwort:

Warum sollte ich? Was befürchten Sie? Außerdem ist doch meine Interpretation gar nicht entscheidend. Wichtig ist, was die Praxis (überwiegend) davon hält. Die hält, was sie hält. Und sie bleibt dabei, auch wenn ich schönte oder verrisse.

Also ist der Appell an mich ebenso sinnlos wie am Kern des Problems vorbeizielend. Also sind Sie entweder naiv oder – aus welchen Gründen auch immer – kompliziert denkend oder „schwierig“.

Was zu beweisen war, wie der Lateiner (im Original auf Latein) sagt. Und was auch Ihrem früheren Chef aufgefallen ist.

Dabei bin ich gar nicht so boshaft wie das mancher Leser gelegentlich meint. Und Sie hätten sich vieles erspart, hätten Sie die Fähigkeit, etwas einfach hinzunehmen – ohne in vorauseilender (wie bei mir) oder aus der Hüfte geschossener, spontaner Abwehr (wie bei diesem Chef) immer erst einmal abwehrend die Hände zu heben.

Im Klartext: Zeugnisse dürfen nichts wirklich Negatives enthalten, Angestellte haben jedoch mitunter wirklich Negatives an sich – wie der Beurteiler meint (was wiederum sein Recht ist). Aus dieser Diskrepanz entsteht der ganze „Formulierungs-Eiertanz“.

Was Ihr Chef in aller Vorsicht (wegen des Verbots wirklich negativer Aussagen) mitteilen will, ist: „Man kann mit diesem Mann reden, auch wenn die Aussage für ihn unbequem ist, man ihm also Fehler nachweist oder ihn kritisiert. Aber das geht regelmäßig nicht ohne Diskussionen, ohne Auseinandersetzungen, ohne Widerworte oder Proteste ab. Der Mann ist nicht unschwierig, mitunter nervt er.“Nun könnte man sagen: „Das ist im Gegenteil eine rundum positive Aussage. Nimmt Anregungen entgegen – das ist toll. Und sie nicht etwa ungeprüft hinzunehmen – das ist ja nur vernünftig, also eher noch toller.“ Das aber ist mit Sicherheit nicht gemeint, jedenfalls nicht in Zeugnissen.

Dort muss man – leider – mit Andeutungen arbeiten, die man, so die Betroffenen etwa protestieren, als ausschließlich positiv gemeint hinstellt. Beispiel (etwas überspitzt):

Ein Mitarbeiter ist jeden Nachmittag verbraucht, müde, nervös, kaputt, übellaunig – vermutlich reicht seine Kapazität nur für vier, nicht für acht Stunden. Oder er ist von irgendwelchen Stoffen abhängig, nachmittags zeigt er Entzugserscheinungen. Im Zeugnis schriebe man dann: „Vormittags war er stets freundlich, zuvorkommend, engagiert und einsatzfreudig.“ Ende. Die Sache mit dem Nachmittag muss der Leser interpretieren. Wobei stets die Gefahr besteht, dass über- oder fehlinterpretiert wird.

Ach ja, ganz wichtig in Ihrem Fall, geehrter Leser: Natürlich gibt es eine Abhilfe gegen solche Zeugnistexte. Die besteht aber nicht darin, sich jetzt wiederum mit dieser Formulierung „auseinander zu setzen“ – sondern seinen Chef so zu behandeln, dass der das Gefühl bekommt, er ernte nicht ständig Widerspruch, wenn er Ihnen etwas sagt. Es gibt solche Leute …Und wenn es zwangsläufig beim alten Chef dafür zu spät ist, dann hilft es vielleicht beim neuen.

Kurzantwort:

Wenn ein Mitarbeiter seinen Chef (und vielleicht auch seine Kollegen) mit ständigem Widerspruch nervt und man das aus dem Zeugnis so herausinterpretieren kann – dann sagt das Dokument nichts anderes als die Wahrheit. Veränderungen sind dann nicht am Zeugnistext, sondern am Verhalten des Mitarbeiters angebracht.

Frage-Nr.: 1524
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-22

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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