Heiko Mell

Die Beförderung verschmäht …

Frage: Ich habe nach einem Stellenwechsel das Zeugnis vom letzten Arbeitgeber erhalten. Im Grunde bin ich mit der Bewertung zufrieden, wäre da nicht der vorletzte Satz, der verschiedene, nicht nur positive Interpretationen zulässt.
Ich konnte mich mit dem Wechsel in die Geschäftsleitung eines …unternehmens deutlich verbessern.

Antwort:

Die Interpretation des (geschriebenen) Wortes kommt ohne die Wertung des Zusammenhangs nicht aus. Das gilt auch für Zeugnisse. Wurde der Mitarbeiter gefeuert und ist die Gesamtaussage des Dokumentes zusätzlich kritisch – dann hat eine bestimmte Formulierung ein ganz anderes Gewicht als wenn das ganze übrige Zeugnis Anerkennung und Wohlwollen ausstrahlt.

Sehen wir uns also das Formulierungsumfeld des fraglichen Satzes an. Ich zitiere auszugsweise:“… beschäftigt von XX.1995 bis XX.2000; … die übertragenen Aufgaben so erfolgreich auszufüllen, dass ihm die komplette …verantwortung …; … gelang es ihm, unsere Marktanteile … auszubauen; … übernahm er zusätzlich die …leitung …; … gelang es ihm, ein international ausgerichtetes …system aufzubauen, das die Position des Unternehmens als … größter …produzent der Welt nachhaltig stärkte; … erweiterten wir seinen Verantwortungsbereich; seine im Unternehmen nachweislich erbrachten Erfolge …, dass die Leistung von Herrn … stets als hervorragend einzustufen war; … verlässt er leider unser Unternehmen auf eigenen Wunsch; wir bedauern, …“Das alles ist uneingeschränkt sehr gut. Selbst wenn man gelegentlich auf sprachliche Ungeschicklichkeiten stößt, bleibt an der Einstufung der Gesamtaussage kein Zweifel!

Also kümmern wir uns nun mit der daraus resultierenden Gelassenheit um den fraglichen Satz:“Obwohl wir Herrn … die Erweiterung seines Verantwortungsbereiches verbunden mit Prokura angeboten hatten, verlässt er leider unser Unternehmen auf eigenen Wunsch.“

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte Gorbatschow. Und genau das umschreibt auch hier die damalige Situation, in der sich der Mitarbeiter und sein Arbeitgeber befanden. Der Mitarbeiter war gut, sogar hervorragend, war jung (Mitte 30) und wollte „mehr“. Der Arbeitgeber brauchte mit seiner Entscheidung länger und rückte wohl auch in seinem Angebot etwas weniger heraus als das fremde Unternehmen. Wie das so geht: „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande“, wusste schon Goethe und vor ihm die Bibel.

Nun ja, vermutlich war der alte Arbeitgeber dann ein bisschen beleidigt über die Ablehnung des als großzügig eingestuften Angebots. Aber das gehört zu den Risiken des „Geschäfts“, das man betreibt, wenn man Leute beschäftigt.

Von jenem Satz geht also keine negative Wirkung aus. Im Gegenteil: „Auch wir hätten ihn gern behalten und befördert, leider kamen wir dabei nicht zum Zuge“, das steht da und nichts anderes. Und das ist positiv. In jedem Fall positiver als wenn dieser Satz entfiele.

Diese Formulierung nämlich beseitigt jeden überhaupt denkbaren Zweifel, wie das Dokument gemeint sein könnte: der Mann war so gut, den wollten wir befördern! Mehr geht kaum.

Dass dieser (ehemalige) Mitarbeiter dennoch gegangen ist, wird ihm niemand als Illoyalität auslegen – schließlich hat der Mann nur sein Recht auf Kündigung in Anspruch genommen. Da ist man auf Arbeitgeberseite leicht ein wenig enttäuscht, aber das vergeht.

Und ein späterer Bewerbungsleser, der ja nicht in die damalige Angelegenheit verwickelt war, wird noch nicht einmal diese Enttäuschung werten – sie ist situationsbezogen zu sehen und lässt nicht etwa auf eine Charaktereigenschaft des beurteilten Menschen schließen.

Zu Zeugnis und weitergehender Karriere meinen Glückwunsch. Wenn in Ihrem Alter die Prokura bei A nicht mehr reizvoll ist und die Geschäftsleitung bei B winkt, dann ist das doch schon etwas!

Wobei meine Aussage nicht vollständig wäre, fehlte diese Warnung:

Ich habe bisher einen „normalen“, ruhigen Verlauf der ganzen Angelegenheit beim alten Arbeitgeber vorausgesetzt. Anders sähe es in folgendem Fall aus: Der Mitarbeiter drängt intern auf persönliche Fortschritte (Beförderung) und bewirbt sich gleichzeitig („trau schau wem“) heimlich extern. Immer wieder fragt er intern nach, bringt Details ins Gespräch, fordert mehr als man zunächst bietet, bis sich die gesamte Geschäftsführung mit seinem Fall beschäftigt. Dann zögert er seine Entscheidung hinaus. Schließlich kündigt er und erklärt triumphierend, draußen hätte man ihn halt mehr geschätzt.

Dann wäre der alte Arbeitgeber unbedingt verärgert. Der Vorgesetzte würde niemals vergessen, dass er sich wegen dieses Mannes mehrfach beim Geschäftsführer weit aus dem Fenster gelehnt hatte und sich nun anhören muss: „Und wegen dieses Kerls haben Sie die ganze Aufregung veranstaltet?“

In so einem Fall könnte jener Zeugnissatz auch so aussehen: „Obwohl Herr … sich zunächst nachdrücklich an einer Beförderung interessiert zeigte und wir ihm dann nach einer speziellen Entscheidung der Geschäftsführung eine Erweiterung seines Verantwortungsbereiches, verbunden mit Prokura, anbieten konnten, akzeptierte er dies nicht, sondern verließ uns auf eigenen Wunsch.“ Daran (oder an einer anderen Variante) könnte man direkt „riechen“. Es geht hier nicht darum, ob der Arbeitgeber damit im Rechtsstreit durchkäme. Erst einmal stünde es da …

Kurzantwort:

Wenn der Arbeitgeber dem ausscheidenden Mitarbeiter (nur) bescheinigt, er hätte ihn gern befördert, aber leider sei der Mitarbeiter auf eigenen Wunsch gegangen, ist das ein Kompliment – nichts sonst.

Frage-Nr.: 1523
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-15

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