Heiko Mell

Ist meines wirklich gut?

Frage: Das beiliegende Zeugnis bezieht sich auf meine erste Position nach dem Studium. Die Position war von vornherein befristet und eine Verlängerung aufgrund abgeschlossener Projekte nicht möglich.
Da es sich um das Zeugnis eines sehr großen und bedeutenden Unternehmens mit entsprechendem Gewicht handelt, könnte die Frage aufkommen, warum keine Weiterbeschäftigung eventuell in einem anderen Bereich erfolgte.
Hierzu sei angemerkt, daß die Bearbeitung der Bewerbung in diesem Unternehmen sich stark verzögerte und mir mittlerweile ein Angebot eines anderen Unternehmens aus einer früher eingereichten Bewerbung vorlag. Könnten mir hierdurch bei einer späteren Bewerbung Nachteile entstehen?

Die Formulierung im Zeugnis würde ich persönlich durchweg als „gut“ beurteilen, bin mir aber bei der Zeugnislänge, trotz der kurzen Dauer der Beschäftigung, nicht sicher.

Vielen Dank für Ihre kritische Meinung!

Antwort:

Ihren dritten Absatz („Hierzu sei angemerkt …“) habe ich mehrfach gelesen, glaube aber, ihn nun verstanden zu haben:Sie waren bei einem der „ganz großen Namen“ der deutschen Industrie tätig, leider auf zwei Jahre befristet. Die Abteilung, in der Sie arbeiteten, konnte oder wollte Sie anschließend nicht übernehmen. Also haben Sie sich beworben. Und zwar sowohl extern als auch innerhalb des Konzerns. Einer der externen Bewerbungsempfänger hat Ihnen schnell ein Angebot vorgelegt. Bis dahin hatten die internen Konzernstellen sich noch nicht gerührt. Daraufhin haben Sie das externe Angebot angenommen und den Konzern vertragsgemäß verlassen. Zu kündigen brauchten Sie ja nicht, ein befristeter Vertrag hört einfach „von alleine“ auf. Richtig?

Nun, ein „Anfangsverdacht“ bleibt beim späteren Leser Ihrer Bewerbungsunterlagen immer zurück. „So ein riesiger Konzern, der soll für einen jungen Hoffnungsträger keinen Job gefunden haben? Wo er doch diesen Jungingenieur über zwei Jahre hinweg ausgiebig kennengelernt hatte?“ Und dann wird er murmeln: „Vielleicht gerade deshalb.“

Aber das ist alles nicht beweisbar. Und bewerben werden Sie sich ja, wenn alles gutgeht, erst in fünf Jahren wieder. Dann aber überstrahlt die – hoffentlich – positive Zeit beim zweiten Arbeitgeber die Fragen im Hinblick auf das Ende des ersten Dienstverhältnisses deutlich. Wenn Sie aber beispielsweise beim zweiten Unternehmen nach 1,5 Jahren aus „betrieblichen Gründen“ entlassen werden sollten, dann würde der Bewerbungsempfänger vermutlich murmeln: „Also doch.“ Und wenn dann gerade Konjunkturkrise und der Markt voller Bewerber wäre (wie 1974, 1982 und 1993), dann sähe das nicht besonders gut aus.

Fazit: Es ist generell nicht gut für einen jungen Akademiker, mit zeitlicher Befristung bei einem großen Unternehmen angestellt zu sein und dann nicht übernommen zu werden. Aber gegenüber der Alternative „arbeitslos / überhaupt kein Job“ ist es das deutlich kleinere Übel.

Nun zum Zeugnis: Direkt oben steht: „Das Beschäftigungsverhältnis war von vornherein befristet bis … (2 Jahre).“ Mehr zum Ausscheiden, das vorweggenommen, folgt nicht, auch nicht am Schluß. Die mögliche Übernahme in ein unbefristetes Verhältnis wird weder erwähnt, noch wird deren Unmöglichkeit bedauert. Dann folgen Details zur Aufgabe. Die Bewertung findet in nur drei Sätzen statt:

„Wir lernten Herrn … als teamorientierten, zielstrebigen und kooperativen Mitarbeiter kennen. Die ihm übertragenen Aufgaben hat er stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt. Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war immer sehr höflich, zuvorkommend und jederzeit einwandfrei.“ Dann folgen schon die Wünsche für die Zukunft.Das Dokument ist „gesperrt“ geschrieben und kommt dennoch mit einer Seite aus. Die Analyse ergibt etwa folgendes Bild:

1. Befristetes Arbeitsverhältnis, das – vertragsgemäß – sang- und klanglos zu Ende ging; es ist nicht von Bemühungen die Rede, den Mitarbeiter zu halten, zu übernehmen o. ä. Es wird auch nichts bedauert in dem Zusammenhang.

2. Kürze des Dokuments und Formulierungsaufwand lassen „Wärme“ oder eine positive Hinwendung irgendeiner Art zu diesem Mitarbeiter vermissen. Als Maßstab: Viele junge Leute, die im unbefristeten Arbeitsverhältnis stehen, gehen von sich aus nach zwei Jahren. Sie sind also auch nicht länger da und ärgern den Arbeitgeber noch dazu mit ihrer Kündigung. Dennoch haben viele davon ein engagierteres, „wärmeres“, besseres Zeugnis.

3. Bei der Beurteilung einzelner Eigenschaften und Fähigkeiten oder gar bei der Erwähnung konkret gezeigter Leistungen bzw. erzielter Ergebnisse hält sich das Dokument sehr zurück.

4. Rein formal entspricht die Gesamtwertung (im Satz mit der Zufriedenheit) in dieser Form etwa der Schulnote „gut“.

5. „Sehr höflich“ gegenüber jedermann ist fast schon wieder nicht mehr hinreichend selbstbewußt und durchsetzungsfähig.

6. Versuch einer Gesamtwertung: Die zentrale „Schulnote“ wird durch die vielen Begleitaspekte stark gedrückt, etwa um eine Note auf „befriedigend“. Das ist für geringe weitere Ansprüche (Karriere) noch irgendwie erträglich, für höhere eher unbefriedigend (so wie eine „ausreichende“ Schulnote ja auch heißt, die Kenntnisse reichten nicht aus).

Kurzantwort:

Sind in einem Zeugnis zahlreiche eher kritisch zu sehende Aspekte enthalten, so drücken diese die zentrale „Schulnote“ (aus der Formulierung mit der Zufriedenheit) deutlich nach unten. Auch hier „macht der Ton die Musik“.

Frage-Nr.: 1438
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-11-12

Top Stellenangebote

Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen-Firmenlogo
Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen Technischer Sachbearbeiter mit taktischen Anteilen (m/w/d) Duisburg
SUSS MicroTec Litho­graphy GmbH-Firmenlogo
SUSS MicroTec Litho­graphy GmbH Ingenieur / Techniker als Produktspezialist (m/w/d) Sternenfels
Stuttgarter Straßenbahnen AG-Firmenlogo
Stuttgarter Straßenbahnen AG Elektroingenieur / Ingenieur als Planer von Elektroanlagen (m/w/d) Stuttgart
odelo GmbH-Firmenlogo
odelo GmbH Projektleiter (m/w/d) in der Elektronikentwicklung im Bereich Automotive Stuttgart
Nord-Micro GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
Nord-Micro GmbH & Co. OHG Strategischer Einkäufer (m/w/d) Frankfurt am Main
ESG Mobility GmbH-Firmenlogo
ESG Mobility GmbH Projektleiter FuSi Automotive (m/w/d) Ingolstadt (Gaimersheim)
Infineon Technologies AG-Firmenlogo
Infineon Technologies AG Entwicklungsingenieur Test Leistungselektronikmodule (w/m/div) Warstein
ESG Mobility GmbH-Firmenlogo
ESG Mobility GmbH Junior Ingenieur Funktionale Sicherheit (m/w/d) Ingolstadt (Gaimersheim)
Nord-Micro GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
Nord-Micro GmbH & Co. OHG Softwareingenieur (m/w/d) Methoden und Tools Frankfurt am Main
STOLL-Firmenlogo
STOLL Simulationsingenieur FEM (m/w/d) Lengede

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: Z…