Heiko Mell

Wie beurteilen Sie meines?

Frage: Gern würde ich von Ihnen wissen, wie gut oder schlecht das beiliegende Zeugnis ist.

Antwort:

Sie sind nach diesem Dokument knapp 40 und waren gut zehn Jahre in einem namhaften Unternehmen tätig. Sie waren dort Ingenieur für Grundlagenentwicklung, Projektingenieur in der Produktentwicklung, Abteilungsreferent Produktentwicklung (verantwortlich für das Projektmanagement), nach Umorganisation wurden Sie „eingesetzt in der Vorentwicklung“ mit Schwerpunkt „neue Materialien“. Ein mehrmonatiges fachliches Weiterbildungsstudium in der speziellen Materialtechnologie nach der letzten Positionsveränderung wird ausdrücklich erwähnt.

Die wesentlichen Wertungen: „… fundiertes Fachwissen; hervorragende Kenntnisse im Einsatzbereich der Produkte; Aufgaben mit überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft stets zu unserer vollen Zufriedenheit ausgeführt; Kreativität und analytische Fähigkeiten sind hervorzuheben; hat mit konstruktiven Ideen wesentlich zur Optimierung der Entwicklungstätigkeit beigetragen; gute, für den Konzernkontakt wertvolle Sprachkenntnisse; hilfsbereit; von allen gleichermaßen geschätzt; ausgeschieden auf eigenen Wunsch; Dank für langjährige erfolgreiche Mitarbeit.“ Das Ausscheiden wird nicht ausdrücklich bedauert.

Man darf die Wertungsanalyse nicht ohne Blick auf die Laufbahnentwicklung im entsprechenden Zeitraum vornehmen. Die ist keinesfalls steil nach oben führend, vorsichtig gesagt. Vor allem für die vielen Jahre.

Die Wertung zeichnet das Bild eines durchaus positiven, solide Facharbeit leistenden Mitarbeiters. Der sich sehr engagiert, gute Leistungen erzielte – und den alle mochten. Insgesamt ein guter Fachmann. Es werden keine von ihm erzielten speziellen Resultate gewürdigt. Auch das Aufstiegs-/Führungspotential scheint eher zurückhaltend gesehen worden zu sein („alle mochten ihn“ – sagt man beispielsweise niemals über Vorstandsmitglieder).

Die Gesamtaussage liegt, bezogen auf die eingenommenen Positionen, etwa bei der Schulnote „gut“. Wer dieses Zeugnis liest und keine weiteren Informationen hat, wird diesen Mitarbeiter jederzeit gern für eine Aufgabe, wie sie hier beschrieben wurde, wieder einstellen. Ein guter Mann im Team, eher kein Chef-Typ. Letzteres ist eine wertfreie Bemerkung.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1428
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-08

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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