Heiko Mell

Taugt es oder taugt es nicht?

Frage: Ich bin nach etwa zwei Jahren von einem Kfz-Zulieferer zu einem Hersteller gegangen. Die Gründe für meinen Wechsel waren in erster Linie die meiner Ansicht nach besseren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die Chance, eine neue Umgebung in einem großen Konzern mit sehr gutem Ruf kennenzulernen und schließlich auch die finanzielle Seite.

Einen Tag nach dem Vertragsabschluß mit dem Hersteller kündigte ich als erstes mündlich bei meinem Abteilungsleiter und am nächsten Tag schriftlich im Personalbüro und bat darum, eventuell schon deutlich vor Ablauf der Kündigungsfrist (drei Monate zum Quartalsende) wechseln zu dürfen. Dies wurde mir auch gewährt.

Das jetzt ausgestellte und in Kopie beiliegende Arbeitszeugnis erscheint mir nun jedoch etwas verbesserungsfähig und ich bitte Sie um eine Beurteilung.Ich gehe bewußt nicht auf einzelne Punkte im Zeugnis ein, um Sie nicht zu beeinflussen.

Antwort:

Letzteres ist nett von Ihnen.

Das Zeugnis ist kaum eine halbe Seite lang und damit für die zweijährige Tätigkeit eines qualifizierten Akademikers etwas kurz, das jedenfalls fällt auf. Zum Ausgleich dafür ist die Wertung sehr positiv, recht umfassend und zeigt durchaus in den Details „Wärme“.

Beispiel: „Wir lernten Herrn … als zuverlässigen, belastbaren und fleißigen Mitarbeiter kennen, der stets viel Eigeninitiative zeigte. Herr … ging systematisch an seine Aufgaben heran und führte diese mit Sorgfalt und Genauigkeit aus. Sein Arbeitstempo sowie seine Arbeitsmenge lagen stets über unseren Erwartungen. Er verfügt über sichere Umgangsformen und ein gewandtes Ausdrucksvermögen. Er besitzt eine rasche Auffassungsgabe sowie ein sehr gutes Fachwissen.“Bis dahin ist eigentlich alles in bester Ordnung. Dann kommt der Kernsatz der gesamten Beurteilung (in dem die Zufriedenheit erwähnt und klassifiziert wird):“Herr … erledigte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit.“

Das ist nur eine Schulnote „befriedigend“ – nach allgemeiner Auffassung für hochqualifizierte Arbeitskräfte unangenehm wenig. Wer Ambitionen hat, sollte überall, wo er auftritt, mindestens „gute“ Noten erreichen. Das wäre bei „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ der Fall gewesen.

Dann kommt ein in diesem Fall entscheidender Satz:“Herr … schied zum … in gegenseitigem Einvernehmen aus unserem Unternehmen aus.“Mir ist klar, wie die Geschichte entstanden ist: Sie haben um vorzeitige Vertragsauflösung gebeten, das Unternehmen hat dem zugestimmt, daraufhin bestand „gegenseitiges Einvernehmen“, was hier dokumentiert wird.

In Wirklichkeit hat das Unternehmen damit – wenn sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, wie Sie sie uns schildern – eine Katastrophe angerichtet: Die Formulierung „in gegenseitigem Einvernehmen“ ist reserviert für den arbeitgeberseitigen Rausschmiß. Die Begründung dafür liegt in den strikten Rechtsvorschriften, die eine negative Aussage über einen Arbeitnehmer im Zeugnis selbst dann verbieten, wenn er sie zweifelsfrei verdient hat. Dadurch ist es üblich geworden, eine tatsächlich erfolgte arbeitgeberseitige Entlassung beschönigend (Schlechtes darf ja nicht gesagt werden) „gegenseitiges Einvernehmen“ zu nennen. Das hat vielleicht der Aussteller Ihres Zeugnisses nicht gewußt (unterstellen wir das einmal).

Im Sinne der Zeugnisschreibung korrekt wäre eine Formulierung wie folgt gewesen: „Herr … schied zum … auf eigenen Wunsch bei uns aus. Er hatte um ein Ausscheiden vor der vertraglich vereinbarten Frist gebeten, dieser Bitte konnten wir entsprechen.“ Den erklärenden letzten Satz könnte man auch komplett weglassen, der Leser kennt ja die ursprünglich vereinbarte Kündigungsfrist nicht.

Sie können nicht nur, Sie müssen darauf dringen, daß diese Sie – vermutlich unabsichtlich – diskriminierende Formulierung aus dem Zeugnis verschwindet. Bitten Sie – zunächst höflich – um eine Neuformulierung. Wenn sich Ihr alter Arbeitgeber im Hinblick auf die Interpretation seiner Formulierung uneinsichtig zeigt, dann erklären Sie einfach, Sie seien anläßlich von zufälligen Kontakten mit Personalfachleuten auf diese Interpretation gestoßen. Selbstverständlich seien das alles Ignoranten – was aber sollten Sie machen? Ganz im Ernst: Sie müssen diese Neuformulierung unter allen Umständen erreichen, sonst kommt es zu folgenschweren Fehlurteilen bei Ihrer nächsten Bewerbungsaktion. Auch Ihr heutiger Arbeitgeber, der vielleicht irgendwann auf die Idee kommt, Ihr entsprechendes letztes Zeugnis einzufordern, um es zu den Akten zu legen, wird daran vermutlich Anstoß nehmen.

Beginnen Sie mit dem Herantragen Ihres Anliegens an den früheren Arbeitgeber sofort. Im Normalfall müßten Sie das hinbekommen. Wichtig ist, daß Sie darauf achten, daß das Dokument mit dem alten Ausstelldatum neugeschrieben wird. Ein eiserner Grundsatz: Ausscheidedatum und Ausstelldatum sollen in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang (wenige Tage, höchstens zwei bis drei Wochen) liegen, sonst wird die Geschichte „verdächtig“: Es bleibt Raum für die Spekulation, der ehemalige Mitarbeiter habe Anwälte oder Gerichte bemühen müssen, um dieses (für ihn) positive Zeugnis durchzusetzen. Wer das unterstellt, glaubt keiner einzigen positiven Aussage in diesem Zeugnis mehr.

Der Bewerbungsleser will die Meinung des Arbeitgebers über den ehemaligen Arbeitnehmer kennenlernen, er ist nicht daran interessiert, was ein immer auf der Seite der Schwächeren stehendes Arbeitsgericht gemeint hat (das den Mann ja während seiner Tätigkeit niemals erleben konnte).

Als warnender Hinweis: Es besteht ein Riesenunterschied zwischen Ihrer völlig berechtigten Bitte, das Zeugnis im Hinblick auf die Formulierung mit dem Einvernehmen neu zu formulieren und Ihrem eventuellen Ansinnen, Ihnen eine bessere Gesamtnote zuzugestehen. Vielleicht ist Ihr Arbeitgeber ja der Meinung, letztere hätten Sie nicht verdient. Es ist sein gutes Recht, die Note zu vergeben, die er für angemessen hält.

Als letzter Trost: Wer nicht weiß, wie man als Arbeitgeber die Geschichte mit dem Einvernehmen zu formulieren hat, der weiß vielleicht auch nicht, welche Umschreibung welcher Schulnote entspricht. Wenn Sie ein „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ erreichen, haben Sie es immerhin zu der anzustrebenden Schulnote „gut“ gebracht – mehr wird nach der kurzen Dienstzeit nicht zu erreichen sein.

Sie müssen nur aufpassen: Die meisten Chefs mögen keine gehäuften kritischen Anmerkungen zu ihren schriftlichen Ausführungen. Wenn man also ein wichtiges Dokument verändern will, dann soll man diese Wünsche auf wenige Punkte beschränken und nicht an jeder Stelle und überall Anregungen vorbringen. Die meisten Chefs ärgern sich über solche Veränderungswünsche ebenso wie Schüler über entsprechende Anmerkungen von Lehrern an ihren Schulaufsätzen. Schließlich ist ein Chef ein solcher, weil er insgesamt klüger, erfahrener, hochstehender, gebildeter etc. etc. ist als sein Mitarbeiter (sonst wäre der ja seinerseits sein Chef geworden).

Möglicherweise hat sich ja überhaupt Ihr Unternehmen über die vielleicht von Ihnen nicht mit letzter Höflichkeit vorgetragene Forderung aufgeregt, man möge Sie vorzeitig aus dem Vertrag entlassen. Vielleicht haben Sie dem „kleinen“ Zulieferer ja auch mit dem „großen“ Hersteller gedroht, zu dem Sie nun gingen. Vielleicht hat das ja sogar etwas arrogant geklungen (selbst ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird)?

Kurzantwort:

Durch die zum Teil etwas lebensfremden rechtlichen Vorschriften über Zeugnisformulierungen, die negative Aussagen auch dann nicht zulassen, wenn sie zweifelsfrei gerechtfertigt wären, kommt es zu Verzerrungen in der Sprachinterpretation, die man kennen muß, wenn man mit solchen Dokumenten umgeht. Es handelt sich ausdrücklich nicht um einen „Geheimcode“, wie an Stammtischen oft kolportiert wird.

Frage-Nr.: 1411
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-08-06

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