Heiko Mell

Wenn der Schreiber kein Deutsch kann

Frage: In Kürze werde ich von einem kleinen Unternehmen in ein größeres wechseln (Projekt-/Sachgebietsleitung). Somit benötige ich von meinem derzeitigen Vorgesetzten, dem Inhaber des Unternehmens, ein Zeugnis.
Mein Problem: Der Mann kann kein Deutsch (Syntax, Semantik und Orthographie), obwohl es seine Muttersprache ist. Eine Sekretärin gibt es bei uns nicht.Fehler macht jeder im Arbeitsalltag. Aber auch wenn mein Vorgesetzter sich erklärtermaßen bei einem Schreiben sehr viel Mühe gegeben hat, lese ich seinen Text oft mit Unbehagen. Im Tagesgeschäft wird dieses sprachliche Defizit durch seinen hervorragenden technischen Sachverstand und großen persönlichen Einsatz mehr als aufgewogen. Nur: Ein Zeugnis gehört nicht zum Tagesgeschäft.
Wie kann ich mich verhalten?
Wie reagiert ein Bewerbungsempfänger auf ein Zeugnis, das vielleicht alle Empfehlungen kluger Ratgeber beachtet und bei dem der geneigte Leser beste Absichten erkennt, das aber sprachlich ungenügend ist?
Auf den Vorschlag, das Zeugnis selbst zu schreiben, möchte ich verzichten, da ich mit Irritationen durch eines solches Ansinnen rechne.

Antwort:

1. Der Trost: Bei Befolgung der wichtigsten Regeln legen Sie das Zeugnis erst in etwa fünf Jahren einer Bewerbung bei. Dann jedoch sind Sie nicht mehr ein Mensch „aus dieser Klitsche“, sondern der „interessante Bewerber aus jenem größeren Unternehmen“ – der als Jugendsünde, also in grauer Vorzeit, einmal bei einer „Klitsche“ war, in der man nicht einmal richtiges Deutsch schreiben konnte.

2. Die Problemdefinition: „Ich kenne meine Pappenheimer“ (nach Schiller, ich lerne dazu, „Wallensteins Tod“). Dazu gehört auch ein Gefühl dafür, was die mit einer Aussage konfrontierten Menschen (Leser), vermutlich nicht so spontan „parat haben“. Also zitiere ich aus dem Fremdwörterduden:

– Syntax: Lehre vom Bau des Satzes als Teilgebiet der Grammatik; Satzbau; korrekte Art und Weise, sprachliche Elemente zu Sätzen zu ordnen.

– Semantik: Teilgebiet der Linguistik, auf dem man sich mit den Bedeutungen sprachlicher Zeichen und Zeichenfolgen befaßt.

– Orthographie: nach bestimmten Regeln festgelegte Schreibung der Wörter; Rechtschreibung.

Man muß die Menschen schon recht genau kennen, um eine derartige öffentliche Definition riskieren zu können. Würden alle Leser alle drei Begriffe auf Anhieb korrekt definieren können, sähe es nicht gut für mich aus („was denkt der sich“). Sieht es aber doch – probieren Sie es in Ihrem Umfeld einmal aus, kaum jemand kann auf Anhieb alle drei Begriffe richtig einordnen.

Konkret: Was der Einsender hatte sagen wollen: Sein Chef schreibt unmögliche Satzkonstruktionen, setzt Kommas alle 7,5 cm und baut schlimme Rechtschreibfehler in wichtige Wörter ein.

3. Die Lehre, die andere daraus ziehen können: Man kann bei der Auswahl seines Arbeitgebers nicht vorsichtig genug sein. Vor allem bei sehr kleinen Privatunternehmen hängt alles von der Person des Inhabers ab. Er ist das Unternehmen – mit allen Konsequenzen. Und wenn man dort eines Tages unfreiwillig weggeht, hat man eventuell das Zeugnis sogar schon zum Bewerbungszeitpunkt. Natürlich, der dort beschriebene Mitarbeiter kann „nichts dafür“ – aber ein „tolles Image“ strahlt die ganze Bewerbung nicht aus, wenn das aktuelle Zeugnis einen „ungebildeten“ Eindruck hinterläßt („was kann der in dem Laden schon gelernt haben?“).

4. Die dramatische Bedeutung des Wissens um die eigene Schwäche: Der Chef in diesem Hause hat deren zwei: Er kann nicht schreiben und er weiß es nicht (oder er ignoriert das bewußt). Ersteres ist verzeihlich, letzteres nicht! Es wäre seine Pflicht, derart wichtige, seine ehemaligen Mitarbeiter ein Leben lang begleitenden Dokumente dann eben extern schreiben zu lassen. Denn jetzt blamiert er nicht nur sich, sondern andere, die ihm ausgeliefert, von ihm abhängig sind. Und das ist nicht anständig!

5. Die konkrete Vorgehensempfehlung an den Einsender: Hier wird es schwierig. Chefs zu kritisieren oder ihnen auch nur andeutungsweise Schwächen nahezubringen, ist ein gefährliches Unterfangen. Außerdem sehen zwar hochkarätige Entscheidungsträger noch ein, daß sie sich bei einem Zeichnungs- oder Berechnungsdetail geirrt haben. Aber bei dem Hinweis auf „so nicht akzeptable Formulierungen“ hört für viele der Spaß auf. Nur Sie kennen den Chef, ich zeige Ihnen denkbare Handlungsalternativen auf:

a) Sie tun gar nichts, akzeptieren das Zeugnis so wie es kommt, vertrauen auf die Zeit, die alle Wunden heilt (siehe zu 1) und erklären die Geschichte mündlich (im Vorstellungsgespräch, fünf Jahre und mehr nach dem Ausstellen des Dokumentes).

b) Sie überwinden sich und legen doch einen eigenen Entwurf vor. Tun Sie dabei „harmlos“ und reden Sie nur von „… wollte Ihnen die Arbeit erleichtern, selbstverständlich liegt die Entscheidung über die Beurteilung allein bei Ihnen; mir fehlt ja die Erfahrung, wie Zeugnisse entstehen; ich habe im Freundeskreis gefragt und festgestellt, daß die meisten Chefs die Betroffenen um Entwürfe gebeten haben …“. Schlimmstenfalls will er den Entwurf nicht. Aber nicht vorher fragen, sondern das Papier gleich überreichen – vielleicht „brummt“ er erst und verwertet es dann doch.

c) Sie tun zunächst nichts und nehmen erst einmal das Zeugnismachwerk in Empfang, rücken das auch vorerst nicht mehr heraus. Dann, nach angemessener Prüfungszeit (ein Tag) sprechen Sie den Chef offen an. Da seien ein paar „Tippfehler“ hineingeraten, was ja ganz verständlich sei – und sie hätten sich die Freiheit genommen, es auf Firmenbriefbogen noch einmal „abzutippen“ und legten es ihm – Kopie des Originals beigefügt – zur Unterschrift vor. Dabei haben Sie dann gleich die schlimmsten sonstigen Fehler mitkorrigiert. Vielleicht erkennt der Chef das, sagt aber nichts und unterschreibt. „Brummt“ er und zeigt sich uneinsichtig, haben Sie immer noch das Original.

Aber Achtung: Falls Sie „bei der Gelegenheit“ gleich noch die Gesamtwertung des Dokuments verbessern, droht Ärger. Substantielle Veränderungen müssen Sie separat verhandeln, sonst denkt der Chef, Sie wollten ihn „austricksen“.

Kommt es bei diesem Vorgehen zu einer „Diskussion“ genereller Art, können Sie schlimmstenfalls immer noch recht offen (aber ohne zu kritisieren oder gar überheblich zu werden) das eigentliche Thema „korrektes Deutsch“ ansprechen. Letztlich haben Sie einen Anspruch auf ein ordentliches Dokument.Schließlich können Sie ihm auch anbieten: Er solle seinen „Entwurf“ in einem professionellen Schreibbüro umsetzen lassen, Sie würden das bezahlen (was nichts kostet, erfreut Inhaber immer, ich kann das beurteilen).

Kurzantwort:

Ein „anständiger Mensch“ war stets nur bei „anständigen Firmen“ tätig. Beweis dafür sind auch „anständige“ Zeugnisse in „anständigem“ Deutsch. Fehlt dieses Kriterium, sagt mancher Zeugnisleser angewidert: „Klitsche.“

Frage-Nr.: 1400
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-25

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