Heiko Mell

Die Rache ist mein …

Frage: Bei meinem vorherigen Arbeitgeber hatte ich zunächst ein Zwischenzeugnis und nach dem Ausscheiden ein Abschlußzeugnis erhalten. Mit dem Inhalt des Abschlußzeugnisses war ich jedoch nicht zufrieden.

Ich bat die Personalabteilung erst telefonisch und dann schriftlich, das Zeugnis im fachlichen Teil und in der Bewertung zu korrigieren. Es wurden jedoch nur inhaltliche Fehler korrigiert. Deshalb wandte ich mich wieder an die Personalabteilung und erhielt eine glatte Abfuhr.Als nächstes wandte ich mich an einen Anwalt für Arbeitsrecht. Seine Aussage war, daß es sich um ein gutes Zeugnis handelte, aber meine Vorschläge könnten durchaus aufgenommen werden. Er schickte einen entsprechenden Entwurf an den früheren Arbeitgeber. Dieser hat dann ohne Protest im fachlichen Teil einige Ergänzungen übernommen, in der Bewertung jedoch weniger.

Da meine Einstellung zu diesen Bewertungsaussagen jedoch schwierig zu belegen ist, habe ich nach Rücksprache mit dem Anwalt das Zeugnis in dieser Form akzeptiert.Sie werden sich vielleicht fragen, warum mir einige Formulierungen verwehrt wurden, die doch schon in einem früheren Arbeitszeugnis (eines anderen Arbeitgebers) gewährt worden waren.

Ich sehe diese möglichen Ursachen: Das Verhältnis zum direkten Vorgesetzten und zu dessen Chef war immer sehr gut. Dies wurde mir bis zum Schluß auch immer mündlich bestätigt. Durch mein Ausscheiden, kurz vorher war mein direkter Vorgesetzter gegangen, ist jedoch die kleine Arbeitsgruppe, die dem Chef sehr am Herzen lag, sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

In den letzten Wochen meines Aufenthaltes dort kam es zu Differenzen mit dem Chef, da ich auf meinem Recht beharrte: Freizeitausgleich oder finanzieller Ausgleich für 60 Überstunden, wobei in der Dienstzeit wesentlich mehr angefallen waren. Ich konnte mein Begehren auf Abfeiern meiner Überstunden nur mit Hilfe des Betriebsrats durchsetzen. Eine Auszahlung sei nicht üblich.

Nach dieser Aktion waren der Chef und die Personalabteilung sehr verärgert und rächten sich wahrscheinlich durch das Zeugnis.

Wie bewerten Sie jetzt dieses Zeugnis? Wie sehen Sie seine Auswirkungen auf spätere Bewerbungen, wenn ich von meinem neuen Arbeitgeber ein gutes Zeugnis erhielte?

Antwort:

„Die Rache ist mein, spricht der Herr“ (5. Moses 32, 35). Das klingt hier gut, das paßt scheinbar wie die berühmte Faust aufs Auge. Und ist doch längst nicht so „richtig“ wie es Ihnen vorkommt.

Wir verbinden ja „Rache“ mit einem stark negativen Aspekt: Wer sich rächt, gibt niederen Gefühlen nach. Ein Polizist kann eine durch und durch sympathische Figur sein – ein Racheengel kann das nicht.

Sehen wir uns Ihren Fall einmal genauer an: Sie waren bei jenem früheren Arbeitgeber für drei Jahre befristet tätig – und sind sechs Monate früher auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Das war Ihr „gutes Recht“ – aber natürlich war der Chef des ganzen Bereiches instinktiv davon ausgegangen, daß Sie und Ihr Know-how bis zum Vertragsablauf zur Verfügung stehen würden.

Schön, Ihr Vertrag lief nur bis zu einer bestimmten Frist, eine Zusage auf Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis war intern nicht möglich, da mußten Sie sich extern um eine neue Position kümmern.Aber damit begannen Sie extrem früh! Wie Sie an anderer Stelle schreiben: ein Jahr vor Vertragsablauf. Und prompt kam ein anderes Angebot zustande, Sie unterschrieben – und kündigten formal korrekt Ihren Vertrag. Da war gerade ihr direkter Vorgesetzter ausgeschieden – und durch die Zwänge interner Gegebenheiten ersetzt worden durch einen Mann ohne Fachkenntnisse. Nun gingen auch noch Sie – und „ein wichtiges und großes europäisches Projekt startete und personeller Ersatz … war schwierig zu bekommen“ (sagen Sie selbst).

Da vibrierten die Nerven Ihres höchsten Chefs! Übrigens schreiben Sie kein Wort darüber, daß Sie – der Sie die Katastrophe doch kommen sahen – etwa versucht hätten, bei dem gerade neu gefundenen nächsten Arbeitgeber etwas später anzufangen, um dem „alten“ Arbeitgeber Ihr dort gewonnenes Know-how wenigstens annähernd für den ursprünglich geplanten Zeitraum zur Verfügung zu stellen.

Daß allein dieser Umstand die Entscheidungsebene Ihres damaligen Arbeitgebers verärgert hat, geht aus dem Kopf des Zeugnisses hervor – in dem man korrekt angibt, wann Sie kamen und wann Sie gingen, in dem man aber auch angibt, auf welchen (längeren) Zeitraum Ihr Vertrag eigentlich ausgestellt gewesen war.

An Ihnen hing jetzt alles, Ihr Chef war nervös – und Sie dachten allein an Ihr Recht auf Kündigung. Bei mir sitzen viele Führungskräfte im Vorstellungsgespräch, die zwar auf Befragen ihre Kündigungsfrist nennen, aber dazu ergänzen: „Bitte verstehen Sie, daß ich nicht zum nächstmöglichen Termin gehen möchte. Erst will ich noch ein wichtiges Projekt abschließen. Mein Arbeitgeber hat mir damals eine Chance gegeben, jetzt kann ich ihn nicht hängenlassen.“So sei des deutschen Mannes Wort (kein Zitat, ich habe es soeben erfunden, vielleicht angelehnt an früher einmal Gehörtes; klingt aber doch gut, oder?). Und Frauen würde es selbstverständlich ebenso schmücken.

Sie haben zwar nicht recht gehandelt, aber Sie waren im Recht. Der Deutsche und sein Recht – eine unheilige Verbindung. Findet ihren Gipfel im Ausspruch: „Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen“ (beliebt, aber falsch, auch ohne „zu“).

Wo waren wir? Ach ja: „Da vibrierten die Nerven Ihres höchsten Chefs!“ Nun hätten Sie ihm eine Flasche guten Cognacs kaufen und mit Worten der Entschuldigung ob vorzeitiger Entfernung von der „unter Beschuß liegenden Truppe“ überreichen sollen.

Haben Sie aber nicht! Denn, wie schreiben Sie mir so nett: „Es war Sommer und sehr heiß in … (folgt der Name einer deutschen Großstadt).“ Und: „… wollte ich den Ausgleich für die angeordneten(!) Überstunden mit meiner Frau und Tochter nutzen.“Und dann holten Sie sich – symbolisch – Ihren „großen Bruder“, mit dessen Hilfe Sie Ihr „gutes Recht“ durchsetzten. Zum Teufel mit dem Projekt, mit dem Anliegen des Chefs und Ihrem Image dortselbst. Schließlich war es heiß in …Nun versetzen wir uns einmal in die Lage des Zeugnisschreibers: Schön, Sie hatten bis zum Ärger gute Arbeit geleistet, keine Frage. Aber dann hatten Sie – aus seiner Sicht – stur Ihr Recht verfolgt, dabei das Projekt „hängenlassen“, Ihren Chef verärgert und Ihre vergleichsweise albernen Freizeitansprüche mit Druck durchgesetzt.

Das jetzt zu schreibende Zeugnis entstand ja auch unter der Maxime, irgendwo „wahr“ sein zu sollen. Dürfte man die Wahrheit uneingeschränkt hinschreiben, gäbe es eine lange erste Phase Ihrer Beschäftigung dort mit exzellenten Bewertungen – und den Zusatz: „In den letzten Wochen enttäuschte er uns jedoch sehr.“ Da aber Negatives nicht gesagt werden darf, auch wenn es korrekt wäre, behilft man sich mit einer „Nuancierung des Positiven“. Und schreibt also das Kritische nicht, dafür reduziert man die Gesamtaussage auf eine Stufe unterhalb jener Maximalwertung, die für die erste Phase angemessen gewesen wäre.

Verzichtete der Zeugnisschreiber darauf, machte er sich ja geradezu der Falschaussage schuldig. Denn da ein Zeugnis eine Gesamtaussage ist, die alle Aspekte zu berücksichtigen hat, müssen die Abstriche an der generellen Zufriedenheit des Vorgesetzten schließlich irgendwo deutlich werden. Außerdem sind die Beteiligten Menschen – und wissen auch, wie Menschen reagieren: Was zuletzt geschah, prägt den Gesamteindruck, niemand ist davon frei.

Ich werbe einfach um Verständnis für den Zeugnisschreiber, der gar nicht anders konnte als die Tatsache „zuletzt machte er uns großen Ärger“ irgendwie einzuarbeiten (das war keine „Rache“). Wie gern hätte er andernfalls geschrieben, Sie hätten bis zuletzt die Interessen des Arbeitgebers über die eigenen gestellt (was Bewerbungsempfänger immer mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen!). Beispiel:“Obwohl Herr Dr. … nur befristet tätig und uns eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis aus rein betrieblichen Gründen nicht möglich war, unternahm er deutliche Anstrengungen, seinen Ausscheidetermin bei uns auf die Projekterfordernisse auszurichten. Besondere Anerkennung verdient seine Bereitschaft, zuletzt auf Freizeitausgleich für zahlreiche Überstunden zu verzichten, um den Arbeitserfolg nicht zu gefährden.“ (Nur als Beispiel, als Denkansatz.)

Und die Moral von der Geschicht: Erzürne Zeugnisschreiber nicht.

Oder anspruchsvoller: Recht ist eine schöne Sache, aber eine abstrakte (man muß auch an Figuren wie Michael Kohlhaas denken). Und letztlich zählt, „was hinten rauskommt“: Sie hatten nun Ihre paar Freistunden mit Frau und Tochter auf der einen – und einen „Haufen Ärger“ auf der anderen Seite. Ruiniertes Image bei einem mehrjährigen Arbeitgeber, Verlust einer potentiellen Referenzperson fürs Leben, Auseinandersetzungen mit der Personalabteilung, Rechtsanwaltsrechnung, enormer Zeitaufwand – und vielleicht lebenslang ein Zeugnis, das nicht so gut ist wie Ihr eigener Anspruch an ein solches Dokument. War es das nun wert? Es gibt ein taktisch kluges Vorgehen mit persönlicher Vorteilsmaximierung – und es gibt ein stures Durchsetzen von Standpunkten ohne Preisgabe eines einzigen Fußbreits an Boden. Oder wie meine hier schon zitierte jüngste Mitarbeiterin viel kürzer sagte: „Schön doof.“

Extrembeispiel ist der Autofahrer, auf dessen Grabstein steht: „Aber er hatte Vorfahrt gegenüber dem Betonlaster.“Bevor wir einen Blick auf den fraglichen Zeugnistext werfen, noch eine Antwort auf eine Ihrer Fragen: „Alte“ Zeugnistexte früherer Arbeitgeber beweisen in dem Zusammenhang gar nichts. Dort haben Sie unter anderen Umständen und Chefs gearbeitet – und waren auch selbst noch in einem anderen Entwicklungsstadium. Denn auch der Mensch verändert sich, nicht nur die „Umstände“.

Der „harte Kern“ Ihres endgültigen Zeugnisses lautet nun:“Durch sein Engagement, seine umfassenden Fachkenntnisse und seinen Leistungswillen war Herr Dr. … schon nach kurzer Zeit in der Lage, die ihm gestellten … Aufgaben selbständig und eigenverantwortlich zu bewältigen. Er war ein Mitarbeiter, der sich durch Begeisterung und Einsatzbereitschaft auszeichnete und die ihm übertragenen Aufgaben stets schnell, zuverlässig und zu unserer vollsten Zufriedenheit ausführte. Seine Teamfähigkeit bewies er … Aufgrund seines freundlichen und hilfsbereiten Wesens wurde er von seinen Vorgesetzten und Kollegen stets geschätzt. Sein Verhalten … war einwandfrei. … Wir bedanken uns für die Mitarbeit und wünschen ihm …“Das ist formal ein sehr gutes, bei Anlegen strenger Maßstäbe in jedem Fall ein gutes (mit Plusprädikat) Zeugnis. Um alle denkbaren Zweifel des Lesers zu beseitigen, hätte der Arbeitgeber Ihr Ausscheiden noch bedauern können. Auch hätten die Vorgesetzten (sie sind hier wichtiger als die Kollegen) Sie einfach insgesamt „schätzen“ können – nicht nur wegen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Schließlich hätten Sie noch das „uneingeschränkte Vertrauen“ Ihrer Vorgesetzten besitzen können. Aber das hatten Sie ja verspielt.Niemand wird an diesem Dokument Anstoß nehmen, dazu ist es viel zu gut. Was allerdings geschieht, wenn jemand telefonisch eine Referenz bei Ihrem früheren Chef einholt, steht auf einem anderen Blatt (beliebt ist in solchen Fällen: „Am Schluß hat er uns einen Rechtsanwalt auf den Hals gehetzt – was soll ich sonst noch dazu sagen.“).

Zunächst aber ist das Zeugnis unauffällig und mindestens „gut +“ (Sie aber waren im Studium und bei der Promotion ein „Einser-Mann“ und deshalb wurmt es Sie). Wenn Sie sich später, nach mehreren Jahren aus ungekündigter, unbelasteter, erstklassiger Position bewerben, werden Sie keine Nachteile haben. Und wenn Sie aus der neuen Position dann sogar ein uneingeschränkt sehr gutes Zeugnis bekommen, ist die „Schmach“ fürs Leben getilgt.

Ich will aber auch etwas Nettes sagen. Es ist sehr anerkennenswert, daß Sie nicht nur auf alte Chefs schimpfen, sondern mir freiwillig die Informationen geben, auf denen ich die Analyse des Falles aufbauen konnte. Darunter auch so wenig rühmliche Eingeständnisse wie die Geschichte mit dem Sommer (dem heißen).

Weil dieses Thema wichtig ist, hebe ich noch einmal das Prinzip hervor: Der Marktwert eines Angestellten hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, wie „gut“ er ist. Es gibt nämlich für dieses Prädikat keinen absoluten Maßstab. Alles – seine Gegenwart, seine Zukunft, seine Existenz und seine Perspektiven – hängt jedoch davon ab, für wie gut seine früheren Vorgesetzten ihn gehalten haben, seine derzeitigen ihn halten und seine künftigen ihn halten werden. Wenn er klug ist, stellt er sich rechtzeitig darauf ein.

Es gibt ja auch kein „gutes“ Auto. Sondern nur Modelle, die von den Kunden für so gut gehalten werden, daß sie dieselben „wie verrückt“ kaufen. Das gilt auch dann, wenn Kunden keine Ahnung haben oder sich sogar irren. Wie Chefs eben auch …

Kurzantwort:

Der Erfolg aus mehreren Jahren guter Arbeit kann durch falsches Taktieren in den letzten Monaten einer Beschäftigung gemindert oder sogar verspielt werden. Oder: Am letzten Tag wird abgerechnet.

Frage-Nr.: 1393
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-04

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