Heiko Mell

Ist meines so gut wie ich denke?

Frage: Ich bin Dipl.-Ing. Univ., Anfang 30 und seit fünf Jahren als Assistent in der Geschäftsführung in einem eher mittelständisch geprägten Unternehmen tätig. Ich glaube, daß in meiner speziellen Branche Unternehmen dieses Typs keine Zukunft haben und möchte gern zu einem größeren wechseln. Jetzt bekam ich ein Zwischenzeugnis (in den Ruhestand gehender Vorgesetzter). Ist das Dokument tatsächlich gut?
Fällt Ihnen an meiner Bewerbung noch irgend etwas auf?

Antwort:

Also fünf Jahre GF-Assi sind mehr als genug. Da brauchen Sie fast schon Argumente, warum Sie bisher „nichts geworden“ sind. Und dann: Abitur 3,0 und Examen „befriedigend“ sind nicht gar so toll – und wieder einmal schön übereinstimmend (sag ich ja ständig: wie das Abi, so das Uni-Examen; stimmt sehr häufig – und zeigt: der Kampf um das gute Diplom beginnt lange vor dem Abi).

Dann haben Sie ganz sicher einen Hang zu Äußerlichkeiten. Beispiel Lebenslauf: Oben im Briefkopf haben Sie ein verspieltes grafisches Element angebracht (was soll das beweisen? Und für „Schönheit“ gäbe es auch dann keine Punkte, wenn es denn so eingestuft würde). Direkt darunter klebt Ihr Foto. Mit der absolut erlaubten, manchen Träger auch absolut kleidenden (das meine ich ehrlich!), insgesamt aber im Management der Wirtschaft eher Außenseiter-Status unterstreichenden „Fliege“. Ich beispielsweise würde im Vorstellungsgespräch jetzt einen Blick auf Ihre Armbanduhr werfen und nach dem Autotyp sowie Hobbys fragen. Wollen doch mal sehen, ob nicht auch Feuer ist, wo Rauch sichtbar wird.

Dann fragen Sie (in Ihrem längeren Brief) noch nach dem letzten Satz Ihres Anschreibens. Falls Sie doch eher den vorletzten meinen, der ist ganz in Ordnung. Der letzte jedoch lautet: „Bis dahin (gemeint ist das persönliche Kennenlernen, d. Autor) verbleibe ich mit freundlichen Grüßen“ – und diese Einbeziehung der Grüße in einen Satz klingt leicht überholt; zumindest gegenüber unbekannten Ranghöheren, von denen man etwas will, ist das aber eher schlechter als ein sachliches „Mit freundlichen Grüßen“ (mit großem „Mit“, also als ganzer, neuer Satz). Schließlich legen Sie zwanzig Seminarbescheinigungen bei – das sind sicher fünfzehn zuviel. Wer soll, wer will das lesen?

Ach und noch etwas: Ihre Darstellung im Lebenslauf „Assistent in der GF“ klingt ungewöhnlich und fast anmaßend. Ohne „in“ würde es weniger Verblüffung hervorrufen (Sie haben das nicht erfunden, es steht auch so im Zeugnis).

Nun zu demselben, zitieren wir den Kern:“Herr … zeichnet sich durch überdurchschnittliches Können, hohe Verantwortungsbereitschaft und sichere Urteilsfähigkeit aus … Entscheidungen trifft er überaus weitsichtig und bestimmt (1). … genießt das uneingeschränkte Vertrauen seines Vorgesetzten. … versteht er es, klare Handlungsrahmen zu setzen und die Mitarbeiter zu motivieren, so daß die gesteckten Ziele stets erreicht werden . …, sich voll für die betrieblichen Interessen einsetzt.Mit den Leistungen von Herrn … sind wir in jeder Hinsicht außerordentlich zufrieden…. erstellt, da die Geschäftsführung … wechselt (2) …“Das ist alles sehr gut und ganz sicher auch sehr gut gemeint. Zwei Fragen bleiben:

Zu 1 (die Zahlen in Klammern sind natürlich von mir gesetzt): „Bestimmt“ klingt schon ganz schön bestimmend für einen Assi. Da könnte schon einmal jemand „zu bestimmt“ daraus lesen. Ob der Chef das nun so gemeint hat oder nicht. Nun hat dieser ältere, sehr erfahrene Vorgesetzte wohl keine Angst vor Ihnen gehabt – aber Zeugnisleser vielleicht. „…Entscheidungen trifft er sehr sicher“ wäre besser gewesen.

Zu 2: Die Kernfrage schlechthin lautet: Warum hat der allmächtige Allein-GF nicht rechtzeitig vorher noch etwas getan für Sie und Sie beispielsweise zu einem Abteilungsleiter befördert? Das wäre nicht unüblich gewesen. Notfalls hätte er halt so lange „umorganisiert“, bis etwas entstanden wäre für Sie. Hat er letztlich doch nicht gewollt? Fakten zählen eben noch mehr als gute Wünsche …

Kurzantwort:

Zum „Vertrag“ zwischen GF und Assi gehört auch, daß ersterer für letzteren noch etwas „tut“, bevor er in den Ruhestand geht. Unterbleibt das, wirft es Fragen auf.

Frage-Nr.: 1339
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-11-06

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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