Heiko Mell

Mehr und mehr mißfällt mir dieser Text

Frage: Ich bin Stammleser Ihrer interessanten und in der Regel auch äußerst unterhaltsamen Karriereberatung. Leider befinde nun auch ich mich in der mißlichen Lage; Ihre gnadenlose Urteilsfähigkeit in Anspruch nehmen zu müssen.
Nach dreijähriger Tätigkeit in einem Forschungszentrum habe ich kürzlich meinen Arbeitsplatz gewechselt. Das durch meinen alten Arbeitgeber ausgestellte Zeugnis liest sich zunächst sehr positiv. Nach mehrmaligem Lesen komme ich jedoch zu dem Ergebnis; daß zwischen den Zeilen einige Kritikpunkte versteckt sind.
Da ich nicht sicher bin; ob ich den Inhalt zu kritisch beurteile oder ob das Zeugnis tatsächlich nicht so makellos ist; wie es auf den ersten Blick erscheint; bitte ich Sie um eine objektive Beurteilung des Dokumentes.

Antwort:

Soso. Unterhaltsam also. Wenn auch nur „in der Regel“. Nun, man muß nehmen, was man bekommen kann (an Lob). Und vielleicht kann ich tatsächlich nicht ständig gleichermaßen unterhaltsam und informativ schreiben. Aber heute kann ich, warten Sie es ab.

Und dann die „gnadenlose Urteilsfähigkeit“: Lassen wir einmal offenob es „gnadenlose Fähigkeiten“ überhaupt gibt (eher nicht)beschäftigen wir uns mit dem, was Sie vermutlich gemeint haben.

Es geht nicht darum, ob ich gnadenlos bin (was ich im übrigen absolut nicht so sehe; im Gegenteil, ich sehe mich als grundsätzlich freundlich, aufgeschlossen, humorvoll – und vielleicht gelegentlich ein bißchen bösartig. Letzteres aber nur, wenn man mich ärgert. Was nicht immer den trifft, der es verdient hat – manchmal ärgere ich mich seit Jahren über bestimmte Verhaltensweisen, was dann über einen Fragesteller hereinbricht, der auch nicht schlimmer war als die anderen). Wenn ich gelegentlich hart formuliere, dann weil die Praxis so denkt und handelt – und weil die Betroffenen es auf diesem Wege erfahren sollen. Schließlich ist das der zentrale Anspruch dieser Serie.

Aber als „gnadenlos“ im Sinne von „Gott vergibt, Django nie“ sehe ich mich nun überhaupt nicht, bin jedoch natürlich Partei.

Nun, lieber Einsender und liebe Leser, staunen Sie einmal. Und machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken. Von mir aus auch über gnadenlose Karriereberatungsautoren. Ich zitiere wörtlich den ersten kurzen Zeugnisabsatz (kein Druckfehler!):

„Herr Dipl.-Ing. … …geboren … …trat am 01.12.1994 zunächst als freier Mitarbeiter in unseren Dienst ein. Das Arbeitsverhältnis mündete am 15.03.1994 in eine Festanstellung als … in der Abteilung … …“So, also gemündet ist es. Wie schön für das Arbeitsverhältnis. Das ist harmlos, aber:

Womit habe ich es eigentlich verdient, daß immer ich derjenige bin, der so etwas herausfinden muß. Da kann doch auch einmal jemand anderes darauf kommen – beispielsweise der betroffene Mitarbeiter selbst. Er muß doch ein Interesse daran haben, daß seine Papiere in Ordnung sind, es hängt doch seine berufliche Existenz daran! Und diese beiden Daten aus 94 sind ein solcher Schrott, da könnte ein Grundschüler darauf kommen. Gnadenlos.

Damit ist das ganze Zeugnis erst einmal wertlos. Entweder ist das Eintrittsdatum falsch oder das „Mündungsdatum“ oder beide zusammen. Oder es gibt eine Relativitätstheorie jenseits von Einstein. Mehr Unterhaltsames dazu fällt mir nun nicht mehr ein, tut mir leid.

Der zweite Absatz lautet dann:“Sein Tätigkeitsfeld war die Entwicklung und Konstruktion von …. In den letzten zwei Jahren übernahm Herr … die Projektleitung für die Produktentwicklung. Seine Kenntnisse in der Digital- und Analogtechnik setzte er zu unserer vollsten Zufriedenheit ein.“

Moment, Moment: Die Sache mit der Zufriedenheit ist ein derart wichtiger Kernpunkt eines Zeugnisses (und bezieht sich normalerweise auf die Gesamtheit von Führung und Leistung), daß man bei dieser Gestaltung des Textes doch stutzt. Hier wird eine zentrale Formulierung „verschlissen“, um den Einsatz einer Gruppe von Fachkenntnissen zu bewerten. Aber was ist mit Arbeitsergebnissen, was ist mit der Projektleitung und der damit verbundenen Führung? Ab hier wird man mißtrauisch!

Dann folgt: „Herr … nahm weitere Aufgaben … wahr und hatte stets die Bereitschaft, sein Fachwissen zu erweitern. Die übertragenen Aufgaben erledigte er selbständig und verantwortungsbewußt.“

Ersteres beweist gar nichts, letzteres kaum etwas. Gut, erfolgreich, brillant soll er die Aufgaben erledigen, damit soll er seine Chefs zufriedenstellen. Aber man kann auch selbständig und verantwortungsbewußt schlechte Resultate erzielen!

Danach heißt es: „Er verstand es, schnell und sicher neue bessere Lösungen zu finden und umzusetzen und brachte … immer wieder außergewöhnliche Ideen ein, die die Leistungsfähigkeit des Unternehmens steigerten. Er stellte stets das Interesse der Firma in den Vordergrund. Am Erfolg der Abteilung war er maßgeblich beteiligt.“ Alles uneingeschränkt sehr positiv.

Es geht weiter: „Seine … machten ihn zu einem beliebten Mitarbeiter und Kollegen. Durch sein Führungsverhalten war er stets in der Lage, seine Mitarbeiter zu motivieren.“ Man „zuckt“ immer ein bißchen bei „beliebt“ (steht als Forderung in keinem Arbeitsvertrag). Und „in der Lage zu sein“, beweist nicht, daß er es auch tat! Wie ist das nun gemeint?

Schließlich: „Herr … verläßt unser Unternehmen zum 01.XX.19XX auf eigenen Wunsch. …. Sein Ausscheiden bedauern wir sehr, da uns mit ihm ein wertvoller Mitarbeiter verläßt. Wir danken für die gute Zusammenarbeit und wünschen ihm …“Gut, absolut positiv, rückt vieles wieder gerade. Aber: Diese Zeugnisaussteller sind keine Verwaltungsspezialisten! Beispiel: das Ausscheidedatum. Man nennt den letzen Arbeitstag, aber nicht den ersten Nichtarbeitstag.

Meine Einstufung: Nichtfachleute haben ein gutes Zeugnis schreiben wollen, dabei aber im Detail manchen Leser zu unnötigem Nachdenken animiert. Viele Formulierungen könnten als Warnsignal gemeint sein. Dazu paßt wieder manches Pauschallob nicht. Konsequenz: Mißtrauen Sie Zeugnisschreibern, die schon im 1. Absatz Unfug produzieren, den ein Kind hätte erkennen müssen.

Kurzantwort:

Wer Zeugnisse schreiben muß, aber damit keine Erfahrungen hat, sollte sich bei der Abfassung beraten lassen. Sonst legt er „Zeitbomben“, die eigentlich „nett“ gemeint waren.

Frage-Nr.: 1327
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

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