Heiko Mell

„Vollste“ oder nicht?

Frage: Mir wurde wegen eines Vorgesetztenwechsels ein Zwischenzeugnis ausgestellt. Im Zeugnisentwurf meines ehemaligen Vorgesetzten stand folgender Wortlaut:
„Herr … erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.“Im mir ausgehändigten, offiziell unterschriebenen Dokument wurde der Wortlaut geändert in: „… stets zu unserer besonderen Zufriedenheit.“
Nach Auskunft des Personalreferenten wäre dies eine „neue“ Formulierung mit der gleichen Aussagekraft; es würde nur ein Weilchen dauern, bis sich das durchsetzt (ähnlich der neuen Regeln der Rechtschreibreform).
Ist dem so?

Antwort:

Ich weiß darüber nichts (was kein Beweis wäre), glaube es aber nicht. Wir haben schlicht keine zentrale, allen Zeugnisausstellern gegenüber weisungsberechtigte Institution, die das durchsetzen könnte. Zeugnisse werden geschrieben von gutgeschulten Personalfachleuten, von uninformierten Fachvorgesetzten, von bewußt eigene Wege gehenden Firmeninhabern, von überaus aufgeregten Betroffenen selbst – die bekommen Sie nie alle unter einen Hut. Die lesen weder alle dieselbe Fachzeitung, noch gehören sie derselben berufsständischen Vereinigung an. Daher bin ich skeptisch, wenn jemand sagt, es käme eine „neue“ Variante, die bloß noch ein bißchen Zeit brauche.

Letztlich kommt der ganze Ärger vom Gesetzgeber, der die armen Arbeitnehmer schützen wollte – und zwar auch dann, wenn sie Tadel verdient hätten. Seitdem arten Zeugnisformulierungen oft in „Krampf“ aus. Als Beispiel: Stellen Sie sich vor, Mathematikarbeiten in der Schule dürften nur noch „sehr gut“ beurteilt werden – allenfalls durch Weglassen mancher lobenden Äußerungen in der anschließenden verbalen Beurteilung könnten Lehrer differenzieren (warum ist auf diese Idee eigentlich noch kein Kultusminister gekommen? „Einsen für alle“, das wäre doch ein toller Ansporn für unsere Schüler-Leistungselite).

Also winden sich Arbeitgeber bei Zeugnisformulierungen, es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. Manche Mitarbeiter sind eben faul, destruktiv, schlampig und desinteressiert – man darf das aber nicht so nennen, noch nicht einmal andeutungsweise.

Und während Schüler beim Verlassen der Schule und Studenten am Ende ihres Studiums (noch) gewohnt sind, eine ganz klare, von jedem leicht zu interpretierende Abschlußnote zu bekommen, haben sie beim Ausscheiden aus einem Arbeitsverhältnis plötzlich Anrecht auf ein Zeugnis, das nicht schlecht sein darf (etwas vereinfacht).

Am einfachsten kann man das, was mit einem Zeugnis generell ausgesagt werden soll, an seiner zusammenfassenden Gesamtnote erkennen.

Das ist beim Abitur beispielsweise eine 3,4 – und jeder weiß, das ist halt ziemlich „saumäßig“ (verzeihen Sie den Ausdruck). Viel schlechter geht es kaum. Im Studienexamen heißt es dann „ausreichend“ an zentraler Stelle – und jeder weiß auch hier, das ist halt ziemlich „s…mäßig“.

Beim Arbeitszeugnis nun hat sich als Zusammenfassung, als eine Art „Gesamtnote“, die Formulierung mit der Zufriedenheit eingebürgert. Wobei, siehe oben, der Arbeitgeber auch dann „zufrieden“ gewesen sein muß, wenn der Arbeitnehmer ihm nicht den geringsten Anlaß dafür gab. Dabei weiß jeder: Prozentual werden etwa ähnlich viele Mitarbeiter ihre Arbeitgeber nicht zufriedenstellen, wie sie schon ihre Lehrer und Professoren nicht zufriedengestellt haben (Achtung: Ich spreche von relativen Größen, sage aber nicht, daß es dieselben Leute wären, die …).

Also ist die „Zufriedenheit“ der Knackpunkt eines Zeugnisses geworden. Was wiederum den Arbeitgebern gar nicht so recht ist. Warum? Nun, es haben sich die bekannten Abstufungen der Zufriedenheit durch Hinzufügen und Weglassen von Prädikaten wie „voll“ und „stets“ eingebürgert. Damit sind Interpretationen möglich, die – streng genommen – den Absichten von Gesetzgeber und Rechtsprechung entgegenlaufen. Arbeitnehmer, die ja gar nicht „schlecht“ beurteilt werden dürfen, wissen a) um ihre Rechte und kennen b) den Standard-Schlüssel.

Und dann neigen sie dazu, möglichst jede Art von Zeugnisformulierung unterhalb von „sehr gut“ zu kritisieren, darüber zu diskutieren oder sonstwie zu Auseinandersetzungen zu nutzen. Dem wollen sich Arbeitgeber möglichst entziehen, was auch zu verstehen ist.Also neigen manche Unternehmen dazu, Formulierungen zu verwenden, die nicht so einfach zu entschlüsseln sind wie die Varianten von „voll“. Man muß das verstehen – die Rechtslage zwingt geradezu zur Suche nach immer neuen Auswegen.

Um die Dinge zu entschärfen, verzichten viele Firmen ganz bewußt auf die „vollste“ Zufriedenheit – die stets von deutlich mehr Mitarbeitern eingefordert wird als es solche mit „sehr guten“ Examen gibt. Da muß eine wundersame Vermehrung von Können und Wollen stattfinden, wenn man die Hochschule verläßt, denke ich mir.Wenn sich also die denkbare Maximalbeurteilung („sehr gut“) durch „neue“ (andere) Formulierungen nicht mehr so leicht erkennen läßt, dann werden auch weniger gute Beurteilungen von den Betroffenen nicht mehr so leicht und sicher erkannt – was dem Arbeitgeber bzw. dem Personalwesen Diskussionen erspart. Und so sagen manche Personalleiter im vertraulichen Gespräch ganz offen, sie benutzten bewußt eigene Formulierungen, eben aus den genannten Gründen.

Übrigens wird oft eine Abneigung gegen die Wortkonstruktion „vollste“ vorgeschoben. Ich habe das Thema gezielt dem „Duden“ zur Prüfung vorgelegt und die Antwort hier bereits veröffentlicht: Es gibt keine Einwände gegen „vollste“ aus sprachlicher Sicht in diesem Zusammenhang.

So, das alles gilt für Zeugnisse. Für „End“-Zeugnisse, bei denen der Mitarbeiter sofort nach Aushändigung die Firma für immer verläßt.

Zwischenzeugnisse nun sind noch einmal wesentlich kompliziertere Instrumente. Weil der Arbeitgeber nach Aushändigung dort beschäftigt bleibt. Und seine nächste Forderung nach Gehaltserhöhung/Beförderung sehr nachdrücklich – und überzeugend – mit einem Zwischenzeugnis „sehr guter“ Prägung begründen könnte. Und vor allem den Widerspruch gegen eine Kündigung, die ihn vielleicht im nächsten Jahr ereilt. Dann sähe das Unternehmen vor dem Arbeitsgericht nicht „gut“ aus.

Deshalb nun gibt ein vorsichtiges Unternehmen keine allzu guten Zwischenzeugnisse aus der Hand. Und deshalb rate ich den Mitarbeitern seit Jahren: Versteifen Sie sich nicht auf Zwischenzeugnisse – das Instrument ist schwierig zu handhaben, da wäre es ein Wunder, käme ein „sehr guter“ Bewertungstext dabei heraus.

Damit nun aber die Urteile ausscheidender oder wechselnder Vorgesetzter nicht verlorengehen: Achten Sie darauf, daß der „alte“ Chef eine ausführliche Bewertung in Ihre Personalakte gibt. Damit wird sie offiziell und bei der Formulierung eines späteren Endzeugnisses mit herangezogen (den Ausschlag bei der Gesamtformulierung, insbesondere bei der Wertung von Führung und Leistung, gibt meist der zum Kündigungszeitpunkt zuständige Chef).

Weil wir gerade bei Zeugnissen sind: Ich bin überzeugt, es gibt dabei – neben der Verpflichtung, Schlechtes auch dann nicht zu sagen, wenn es zutrifft – einen Systemfehler, der viel zu den Problemen rund ums Zeugnis beiträgt und ohne Aufwand abzustellen wäre:

Die Chefs schreiben heute im Namen ihres Arbeitgebers beispielsweise: „Der Mitarbeiter ist … (fleißig, kreativ, engagiert oder was auch immer).“ Sie setzen das dann zwar im Endzeugnis in die Vergangenheitsform („war“), geben das aber von sich als verkündeten sie eine absolute Erkenntnis. Das ist grundsätzlich falsch!Richtig wäre hingegen: „Wir hielten ihn für …, seine Vorgesetzten stuften ihn als … ein, sahen in ihm einen …, seine Chefs beurteilten ihn (so oder so).“

Das würde die Aussage auf das reduzieren, was sie ist und nur sein kann: Die Bewertung durch zufällig dort tätige Menschen – die selbst mit Fehlern und Schwächen behaftet sind, die vielleicht ihrerseits kritisch beurteilt werden, die oft ungeschult sind in diesen Fragen, die emotional reagieren, auch ungerecht sein können und hier ein höchst subjektives Meinungsbild über eine(!) Phase im Berufsleben eines Menschen abgeben.“Seine Vorgesetzten hielten ihn für …“ würde Maßstäbe zurechtrücken, die Behandlung eines Reizthemas entkrampfen und unübersehbar dazusetzen: „Irrtümer und Unvollkommenheiten inbegriffen.“ Hingegen stellt ein „Er ist/war …“ in letzter Konsequenz eine Anmaßung dar. In jedem Falle suggeriert es eine Objektivität, die nicht ist, die gar nicht sein kann.

Damit wir uns nicht täuschen: Bewerbungsempfänger würden Zeugnisse diesen Stils ebenso gern lesen wie die heute üblichen. Im Gegenteil: Besser ein „… hielt ihn sein Vorgesetzter für nicht so fleißig, wie er es gern gesehen hätte“ (und jeder weiß, daß dies halt nur ein einziger Mensch war, der sich auch irren kann) als ein „… war er zu unserer Zufriedenheit tätig“ (was sich formal gut anhört; jeder weiß aber, daß damit „saumäßig“ im Sinne nur „ausreichender“ Noten gemeint ist – und das Dokument richtet durch seinen vermeintlichen Absolutheitsanspruch viel Unheil an).

Kurzantwort:

Rechtliche Einengungen auf der einen und eine Schein-Objektivität auf der anderen Seite machen das Arbeitszeugnis zu einem Instrument, mit dem selbst Profis ihre Probleme haben. Als „Trost“: In Zwischenzeugnissen stecken noch viel mehr Tücken.

Frage-Nr.: 1322
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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