Heiko Mell

Ohne Begründung gefeuert?

Nach längeren Verhandlungen mit meinem Arbeitgeber habe ich mich genervt entschlossen, letztlich den angebotenen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben (die Konditionen waren durchaus annehmbar).

Aber ich „schwöre“, daß ich bis heute nicht weiß, was man mir vorwirft, warum man mich loswerden wollte. Mein Chef und dessen vorgesetzter Geschäftsführer haben in den letzten Jahren niemals konkrete Vorwürfe erhoben und auch jetzt, trotz meiner Fragen, keine vernünftige Begründung geliefert. Glaubt man mir das bei Vorstellungsgesprächen?

Antwort:

Nein, man glaubt es nicht! Und, auch das sei gesagt, es stimmt auch nicht so ganz. Ich garantiere Ihnen, daß Ihr Chef sehr wohl in den letzten Jahren mehrfach seinen Unmut geäußert hat – Sie haben ihm bloß nicht richtig zugehört.

Sehen Sie, ein klassisches Kritikgespräch eines Chefs mit einem Mitarbeiter (der durchaus auch selbst Führungskraft sein kann) läuft etwa so:

Der Chef zum Mitarbeiter: „Sie haben diese Aufgabe nicht schnell genug gelöst.“ Das hätte er besser nicht gesagt. Denn nun kommen – richtig, es kommen Ausreden, Erklärungen, Abwälzungen von „Schuld“ auf andere. Um das hier abdrucken zu können, würde ich ganze Seiten brauchen.

Am Schluß ist die Situation so: Der Vorgesetzte ist – selbstverständlich – immer noch der Ansicht, dieser Mitarbeiter sei zu langsam (das hier, diese eine Aufgabe, um die es ging, war ja nur ein Beispiel, das er sich herausgepickt hatte). Die „Ausreden“ des Mitarbeiters prallen an ihm ab. Wo käme man auch hin, würde man sich sein Urteil über andere ausgerechnet vom jeweils Betroffenen ausreden lassen.

Aber der Vorgesetzte resigniert – schließlich hat er ja auch noch anderes zu tun. Bloß nichts mehr sagen, bloß nicht wieder dieses Ausredengestammel in geballter Form anhören müssen. Also bricht er mit einigen aufmunternden Worten das Gespräch ab.

Abends sagt der Chef zu seiner Frau: „Also dieser Mitarbeiter Lehmann ist nicht nur zu langsam, wie ich immer dachte, der ist auch noch total uneinsichtig.“

Hingegen sagt Lehmann abends zu seiner Frau: „Heute hat der Alte versucht, mich fertigzumachen. Aber den habe ich schön abblitzen lassen. Ich konnte in allen Details beweisen, daß ich gar keine Schuld hatte, sondern andere. So klein mit Hut war der am Schluß – und hat nichts mehr gesagt.“ Und Lehmann fühlt sich als Sieger. Was von tödlicher Naivität zeugt!

Chefs sind lernfähig. Um diesem ewig gleichen (fast alle Mitarbeiter neigen dazu) Bombardement von Ausreden zu entgehen, ändern sie danach ihren Stil. Natürlich haben sie die Pflicht zur Kritik, sie wollen ja auch Übel abstellen. Aber sie drücken sich in Zukunft „diffiziler“ aus. Und so lautet der nächste Vorwurf nur noch: „Herr Lehmann, haben Sie eigentlich diese Aufgabe schon erledigt? Ach, Sie sind noch nicht fertiggeworden. Glauben Sie, ich könnte das dann aber endgültig bis morgen haben?“ Nun wird es noch schwieriger:

Der Chef bleibt natürlich weiterhin bei seiner Meinung, drückt die „Warnungen“ aber jetzt harmloser aus. Lehmann, unsensibel wie er ist, leistet sich den Luxus zu denken: „Er hat mir nichts vorgeworfen, hat meine Erklärung akzeptiert, alles in Ordnung.“Und sechs Monate oder zwei Jahre später hat er den Aufhebungsvertrag unterschrieben, womit dann für den Chef „alles in Ordnung“ gekommen ist.

Für Mitarbeiter gilt: Hören Sie mit großer Aufmerksamkeit zu, wenn der Chef Bemerkungen über Sie oder Ihre Arbeit macht. Wer will, kann daraus ganz genau erkennen, was der Vorgesetzte denkt. Überraschungen gibt es nur für Unsensible. Als Warnung: Was Sie hören, sind nur Spitzen – suchen Sie den unsichtbar bleibenden „Eisberg“ darunter. Seien Sie sicher, es gibt ihn.

Und für Chefs gilt: Es hilft nichts, Sie müssen sehr klar Ihre Meinung äußern. Aus irgendwelchen Gründen wollen Mitarbeiter Andeutungen nicht verstehen. Ein „Lehmann“, der am Schluß schwört, er wisse nicht, warum er draußen sei, ist auch ein Indiz für Ihre nicht ausreichend klare Kritik. Auf einen unsensiblen Klotz gehört ein grober Keil.

Was längst nicht alle „Lehmänner“ akzeptieren werden, was ich aber doch gern einmal darstellen möchte: Wissen Sie, wie ein erstklassig eingestufter Mitarbeiter auf den Vorwurf reagiert, zu langsam gearbeitet zu haben? Etwa so:“Chef, das trifft mich tief, daß Sie das so beurteilen. Bitte gehen Sie davon aus, daß ich mich sehr ernsthaft damit auseinandersetzen werde. Ich will auf keinen Fall, daß Sie so über mich denken. In der Sache gibt es durchaus mich entlastende Argumente, die ich vortragen könnte. Aber ich will jetzt nicht den Eindruck entstehen lassen, zu Ausreden zu greifen. Auf jeden Fall mache ich mir den Vorwurf, Sie nicht rechtzeitig und hinreichend über sich anbahnende Probleme informiert zu haben. Ich werde diesen Fehler nicht wiederholen.“

Wie gesagt, nur ein Beispiel, ein seltenes noch dazu.Wenn Sie übrigens als Mitarbeiter oder auch als Bewerber von einem Entscheidungsträger wirklich wissen wollen, was der von Ihnen hält – fragen Sie ihn ruhig. Aber mit der Zusicherung, sich die Antwort interessiert anzuhören und keine Gegenargumente zu bringen. Das hilft!

Kurzantwort:

Alle Chefs geben laufend Signale, aus denen Mitarbeiter sehr genau ablesen könnten, wie sie beurteilt werden. Wenn sie denn bloß auf diese Signale sensibler achten würden ….

Frage-Nr.: 1316
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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