Heiko Mell

Wenn der Aussteller kein Wirtschaftsunternehmen ist ….

Frage: Vor meinem derzeit laufenden Informatikstudium habe ich eine völlig andersgerichtete Ausbildung absolviert (abgeschlossenes Studium der Religionspädagogik). In diesem Zusammenhang habe ich insgesamt drei Jahre im Bistum … gearbeitet.
Mein Ziel ist es, nach Abschluß des Informatikstudiums eine Arbeitsstelle in der Wirtschaft anzunehmen (ich werde dann immer noch unter 30 sein).
Als für künftige Bewerbungen bislang wichtigstes Dokument nehme ich das Arbeitszeugnis des Bistums an. Es war die Intention meines ehemaligen Arbeitgebers, mir ein sehr gutes Zeugnis auszustellen.
Im sozialen und geisteswissenschaftlichen Umfeld werden jedoch oftmals andere Formulierungen verwendet als im wirtschaftlichen Kontext. Außerdem wird es Fähigkeiten geben, die in dem jeweiligen Kontext sozialer bzw. wirtschaftlicher Bereich als selbstverständlich vorausgesetzt werden oder als besondere Kompetenz wert sind, hervorgehoben zu werden.

Ich bitte Sie um eine Einschätzung, welche Startvoraussetzung mir dieses Arbeitszeugnis in der Wirtschaft bietet oder um welche Änderungen ich in diesem Zeugnis bitten sollte.

Antwort:

Fälle, die in dieser Rubrik behandelt werden, sollten mehr als den betroffenen Leser interessieren, das versteht sicher jeder. Tatsächlich ist das hier gegeben – wenn man sich vom konkreten Beispiel löst und es etwa in die Ebene „Zeugnis aus dem öffentlichen Dienst und seine Bedeutung in der freien Wirtschaft“ transferiert. Dann sind nicht nur „Systemwechsler“ betroffen, sondern schlicht alle ehemaligen wissenschaftlichen Hilfskräfte und Mitarbeiter u. ä. m.

Vorab eine Bemerkung ganz allgemeiner Art, die sich an jeden Leser richtet: Auch dieser (von mir gekürzte) sehr sachliche und durchdachte Brief enthält wieder mindestens einen PC-Standardfehler (von mir im Abdruck korrigiert), indem in einer Zeile ein völlig sinnloses Wort mitten im Text steht. So etwas entsteht bei unsorgfältig ausgeführten Textkorrekturen am Bildschirm.

Schon vor längerer Zeit schrieb ich an dieser Stelle, daß der Mensch am Bildschirm nicht anständig Korrektur lesen könne, sondern sich den ausgedruckten wichtigen Brief (halb-)laut durchlesen müsse. Jetzt ist, wie der Presse zu entnehmen war, eine Forschergruppe ebenfalls zu diesem Ergebnis gekommen. Tausende von Bewerbungen wimmeln von diesem Blödsinn, den ein Schulkind hätte bemerken sollen. Also wiederhole ich hier meine Empfehlung (nicht weil ich mich darüber ärgere, sondern um Ihnen zu helfen; ich gehe seit 1964 beruflich mit Menschen um und ärgere mich kaum mehr, sondern wundere mich nur noch).

Sie, geehrte Einsenderin, haben bei späteren Bewerbungen natürlich noch ein zusätzliches Problem: Wer vor der zum Bewerbungszeitpunkt aktuellen noch eine ganz, ganz andere Ausbildung absolviert hat, wirft Fragen auf. Da seit Goethe Universalgenies als ausgestorben gelten, sind extreme Richtungswechsel im beruflichen Tun verdächtig. Denn auch die inzwischen „abgelegte“ erste Ausbildung muß Ihnen ja einmal etwas bedeutet haben. Und wieviel ist von dem seinerzeit geforderten Denken und der damit im Zusammenhang stehenden Einstellung zu allen möglichen Fragen geblieben, wieviel davon paßt zum neuen Beruf? Schlimmer noch: Was ganz sicher und absolut zweifelsfrei daraus hervorgeht ist, daß Sie zu ziemlich extremen Wechseln neigen – wer will garantieren, daß dies schon Ihr letzter ist („Sie tun es immer wieder“)?

Zumindest müssen Sie bei manchen Entscheidungsträgern mit solchen Fragen rechnen. Vielleicht weniger, wenn Sie sich als Softwarespezialistin im Softwarehaus bewerben; eher mehr, wenn es um die Laufbahn zum IS/IT-Direktor eines Großbetriebes geht.

Auch gilt: Wir alle neigen zu Entscheidungen (u. a. bei Einstellungen) nach Standards und Rastern. Ihr Problem: Sie passen in keines. Wer Sie einstellt, muß eigenständig denken und auch etwas risikobereit sein. Also bereiten Sie sich bei Bewerbungen darauf vor; schon das Bewerbungsanschreiben sollte ein, zwei Sätze zu Ihrer Motivation in dem Zusammenhang enthalten. Schließlich wird bei der Einstellung neben der fachlichen Qualifikation vor allem die Persönlichkeit des Kandidaten beurteilt – und zwar von Amateuren, die dafür im Regelfalle keine spezielle Ausbildung haben (wie ich beispielsweise auch).

Dann: So schön es ist, wenn man seinen Weg erst nach Irrtümern findet und daran reift – mit welcher Begründung sollte man diejenigen Mitbewerber zurücksetzen und Ihretwegen nach Hause schicken, die schon von Anfang an wußten, daß sie Informatiker (beispielsweise) werden wollten?

Noch einmal: Ich will Ihnen keine Angst machen, ich will hingegen, daß Sie im „Ernstfall“ auf überzeugende Argumente zurückgreifen können.

Zum Zeugnis: Arbeitgeber stufen praktisch nie entsprechende Dokumente anderer (früherer) Arbeitgeber als unwichtig ein, ganz im Gegenteil! Dabei gilt jedoch:

1. Arbeitgeberzeugnisse haben bei Bewerbungen einen um so größeren Wert, je ähnlicher der zeugnisausstellende dem zeugnislesenden Arbeitgebertyp ist. Besonders unähnlich ist dabei ein Bistum (oder sonst jemand aus dem öffentlichen Dienst wie Uni-Lehrstuhl, -Institut o. ä.) einem Industriebetrieb. Besonders ähnlich sind sich Unternehmen gleicher Branche und Größenordnung (Kfz-Zulieferer, Metallverarbeitung, 1.000 – 3.000 Mitarbeiter).

2. Zeugnisse sehr großer, sehr namhafter Arbeitgeber haben eine starke Aussage – man geht davon aus, daß dort in jedem Fall gut ausgebildete Leute sitzen, die wissen, was sie tun. Während es z. B. bei schlechten Zeugnissen kleiner „Klitschen“ schon einmal Ausreden geben kann („für unseren Inhaber war jeder, der in fünf Jahren nicht von ihm gefeuert worden war, damit automatisch ein guter Mitarbeiter, bei dem man das nicht noch extra betonen mußte“), ist ein kritisches Dokument von BMW, Mannesmann oder IBM ziemlich „tödlich“.

3. Ein gutes Zeugnis, so die Lebenserfahrung, kann viele Ursachen haben (z. B. Verhandlungsgegenstand bei Aufhebungsverträgen, Ergebnis von Rechtsstreitigkeiten). An einem schlechten Zeugnis jedoch muß etwas dran sein! Das folgt dem Grundsatz: Gutes über andere will der Mensch bewiesen haben, Schlechtes dagegen glaubt er sofort.

In Ihrem Falle gilt das hier zu 1. Gesagte. In der Sache ist das Dokument uneingeschränkt in Ordnung. Ich zitiere Formulierungshöhepunkte:“… arbeitete … kompetent; …. förderte und leitete erfolgreich Gruppenarbeit, …. gern im Team; …. Eigeninitiative und starken persönlichen Einsatz; … konstruktiv, zielstrebig und weitsichtig, … initiierte neue Projekte, … qualifizierte sich unaufgefordert, selbständig und wirksam weiter; … ganz bewußt nahm sie Leitung wahr; … offen, vertrauenswürdig, zuverlässig, hilfsbereit …; …. von Vorgesetzten, Kollegen/innen geschätzt; …. bedauern ihr Ausscheiden sehr; … auf eigenen Wunsch; …. danken für wertvolle Mitarbeit und ihren initiativen Einsatz.“

Und als Kern: „Sie hat mit großer Umsicht und starkem persönlichen Engagement die ihr anvertrauten Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt.“Das ist eine „sehr gut plus“-Wertung. Und, liebe Leser, so etwas hat man einfach. Man bekommt es, indem man seinen Arbeitgeber uneingeschränkt zufriedenstellt. Dazu wiederum tritt man an, wenn man beschließt, sein Berufsleben als Angestellter zu gestalten! Ich wollte es nur noch einmal erwähnt haben. Es taugt ja auch nichts, wenn man Profisportler wird (freiwillig, wir sind ein freies Land, man könnte ja alternativ reich heiraten oder so) und niemals gewinnt.

Diese junge Frau hat gewonnen! (Allerdings im Speerweitwurf und nun will sie ins Eishockeygeschäft – das aber hatten wir schon.) Mein Kompliment gilt auch dem Bistum. Dort schreibt man Zeugnisse, die jedes größere Industrieunternehmen schmücken würden (ich erkenne natürlich die Arroganz dieser Bemerkung; aber so denken wir nun einmal in der Wirtschaft – und so wird auch Ihr späterer Bewerbungsempfänger denken).

Aber ich wäre nicht ich, fiele mir in dem vorgelegten Dokument nicht doch noch etwas auf:

a) Es heißt an einer Stelle: „Sie zeigte supervisorische Fähigkeiten.“ Schön, die Amerikaner nennen ihren Vorarbeiter (o. ä.) Supervisor. Aber als Adjektiv habe ich das Wort noch nie gesehen. „Oberaufseher“ nennt der Fremdwörterduden u. a. den Supervisor. Nun ja.

b) An einer anderen Stelle steht: „Sie war fähig, mit Konflikten und Kritik umzugehen, wobei sie sensibel und wachsam auf Deutlichkeit und Direktheit Wert legte.“ Das klingt, gemessen am Standard der oben zitierten sehr positiven Wertungen, schon gedämpfter. „Fähig, mit Konflikten und Kritik umzugehen“, das ist nicht viel. Da steht noch nicht, wie damit umgegangen wurde. Und dann heißt „fähig sein“ noch nicht, daß man es auch getan hat. Also ist es mit der Kritik- und Konfliktbewältigung nicht besonders weit her? Vermutlich nicht. Dann der zweite Teil des Satzes: „sensibel und wachsam“, klingt ein bißchen nach „empfindlich und mißtrauisch“. „Auf Deutlichkeit und Direktheit Wert legen“, das läßt sich schwer einordnen, hat aber bestimmt etwas zu bedeuten. Ist das jemand, der bei jeder Andeutung (undeutlich, indirekt) gleich hochgeht, sich angegriffen, betroffen fühlt, sofort Klarstellung heischt?

Mein Gefühl: Ein guter Mitarbeiter, ein wertvoller Mensch mit großen Fähigkeiten und sehr guten Leistungen. Aber auch ein empfindsamer Mensch, vielleicht nicht so selbstbewußt und in sich ruhend, wie er sein sollte. Vielleicht auch in manchen Aspekten nicht so stark und stabil, wie diese spezielle(!) Arbeit es idealerweise erfordert hätte.

Und: Wer das liest (wie jetzt ich) sucht ja gezielt. Weil es ja irgendeinen Grund geben muß für den Wechsel von Religionspädagogik zu Informatik. Wer für beides gleichermaßen ideal geeignet wäre, stellte mein Weltbild auf den Kopf. Das aber hat sicher niemand vor ….

So, geehrte Einsenderin, nun entscheiden Sie selbst, ob Sie antreten, um an dem Zeugnis noch Veränderungen vornehmen zu lassen. Prüfen Sie, ob ich mit meiner Interpretation richtig liege, ob diese Aussage so gemeint war. Dann überlegen Sie, ob der Schreiber damit richtig lag. In jedem Fall hat er Sie sehr geschätzt, sein Text ist von Wohlwollen Ihnen gegenüber geprägt. Wenn er aber auch mit der Kritik recht hat, dann lassen Sie den Text so stehen und stehen Sie selbst dazu. Denn dann hätten Sie durch diese Formulierung unendlich viel gelernt über sich – und alles hat seinen Preis.

Und Sie, liebe anderen Leser, verstehen Sie jetzt, warum ich Zeugnisse so mag – und die Betroffenen sie eher nicht mögen?

Kurzantwort:

In den Augen von Bewerbungsempfängern steigt die Aussagekraft von Arbeitszeugnissen an, je ähnlicher das ausstellende dem Ziel-Unternehmen ist (öffentlicher Dienst/freie Wirtschaft, Größe, Branche etc.) – und umgekehrt. Aber selbst wenn der Zeugnisschreiber aus der „falschen“ Richtung kommt, bleibt ein schlechtes Zeugnis bedenklich, ein gutes jedoch ist dann weniger wert.

Frage-Nr.: 1306
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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